Wasserverband will Rückhaltebecken gegen Hochwasser in Stolberg

Stolberg/Mulartshütte : Damit die Altstadt Stolbergs nicht untergeht

Damit die Stadt Stolberg nicht untergeht, sollen am Vichtbach in Rott und Mulartshütte neue Hochwasserrückhaltebecken gebaut werden. Eine andere Möglichkeit gebe es nicht, sagt der Wasserverband Eifel-Rur (WVER). Im Wesentlichen geht es um die Frage, was hier Vorrang hat: Umwelt- oder Hochwasserschutz.

Nachdem es in den vergangenen Jahren ruhig um das Projekt geworden war und nun durch einen Bericht in dieser Zeitung bekannt wurde, dass die Becken größer als bisher geplant ausfallen sollen, hatte die Fraktion der Grünen im Rat der Gemeinde Roetgen aktuelle Informationen zum Sachstand gefordert. Die Grünen beklagten, dass viele ihrer Fragen zuletzt nicht ausreichend beantwortet worden seien. Außerdem hatten sie beantragt, den Projektleiter beim WVER in den Bauausschuss einzuladen, um die Planung vorzustellen. Dies übernahm Franz-Josef Hoffmann vom Fachdezernat Gewässer des WVER.

Planung sollte weiter sein

Eigentlich sollte die Planung für die Auffangbecken schon viel weiter sein, doch dann veröffentlichte der Deutsche Wetterdienst (DWD) aktualisierte Daten. Für die Bemessung von wasserwirtschaftlichen Anlagen wie Entwässerungseinrichtungen, Talsperren, und Deichanlagen wird die Eintrittswahrscheinlichkeit von Starkregenereignissen benötigt. So hat der DWD nach Auswertung historischer Regenereignisse und statistischen Berechnungen einen Katalog von regionalisierten Niederschlagshöhen herausgegeben.

Auf dieser Basis ist der WVER zu dem Schluss gekommen, dass die Becken größer ausfallen müssen als geplant. So kam es zu Verzögerungen. Statt 800.000 Kubikmetern soll das Becken in Rott nun 880.000 Kubikmeter fassen, das in Mulartshütte 440.000 statt 400.000 Kubikmeter. Dafür seien entweder höhere Wälle oder größere Becken nötig, erklärte Hoffmann.

Der Damm bei Rott hatte zunächst eine geplante Länge von 170 bis 200 Meter und eine Höhe von 15 Meter. Das Bauwerk bei Mulartshütte war mit einer Länge von 130 bis 150 Meter und einer Höhe von 10 bis 12 Meter geplant. „Der Hochwasserschutz für die Stadt Stolberg wird nur in dieser Kombination funktionieren, aber auch nur mit entsprechenden Maßnahmen in der Stolberger Altstadt“, betonte Hoffmann.

An den vorgesehenen Standorten der Becken soll sich nichts ändern. Der Staudamm für das Becken zwischen Mulartshütte und Zweifall soll laut Informationen des WVER bachabwärts unterhalb der von der Zweifaller Straße abzweigenden Werkstraße gebaut werden. Der Rückstau würde bis hinter das das Gelände des Familien- und Jugendbildungshofs „Auenland“ erfolgen. Das Auenland würde untergehen. „Wenn wir die Möglichkeit haben, bei der Geländefindung zu helfen, werden wir das tun“, sagte Hoffmann. Ein Gutachten für die Entschädigung sei in Auftrag gegeben worden.

Der Staudamm für das Becken bei Rott soll am Vichtbach unterhalb des Lambertzwegs errichtet werden. Der Rückstau würde bis kurz vor den Jugendzeltplatz Rotterdell reichen. Um den Eingriff in die Natur zu minimieren und die Belange der Ökologie sicherzustellen, sollen die starren Auslässe aus den Becken nun durch eine aktive Steuerung ersetzt werden. So könnten die Stauvolumina besser ausgenutzt werden, sagte Hoffmann.

Bedenken bei den Grünen

Zu den Kosten für das Projekt konnte der WVER noch keine Angaben machen. Das Planfeststellungsverfahren soll jetzt Mitte des Jahres 2019 eingeleitet werden. Wann es zu konkreten Maßnahmen kommen wird, ist noch ungewiss, auch weil mit Einsprüchen von Bürgern und Naturschutzverbänden zu rechnen ist.

Die Roetgener Grünen verwiesen auf die europäische Wasserrahmenrichtlinie. „Alle geplanten Dämme liegen in Naturschutzgebieten. Außerdem befinden sich 23 Prozent der dort vorkommenden Tier- und Pflanzenarten auf den Roten Listen von Land und Bund“, sagt die Vize-Fraktionsvorsitzende Gudrun Meßing. Der Hochwasserschutz beruhe auf drei Säulen: 1. technische Maßnahmen, 2. natürlicher Rückhalt der Wassermengen und 3. Maßnahmen der weitergehenden Vorsorge. Das oberste Gebot sei sicherlich der Schutz von Menschenleben. Doch es stelle sich die Frage, ob die zweite Säule hinreichend berücksichtigt wurde. „Es gäbe sicherlich viele Möglichkeiten, die anfallenden Wassermengen zu reduzieren, zurückzuhalten oder in naturnahen Auenlandschaften zu stauen. Und würde nicht vielleicht längerfristig der Schutz der Natur und der Artenvielfalt dem Schutz des menschlichen Lebens mehr dienen?“, sagt Meßing.

Laut Aussage des WVER könnte ein Ausbau der natürlichen Aueflächen des Vichtbachs bei Rott und der Vicht bei Mulartshütte derzeit lediglich ein Volumen von geschätzt 240.000 Kubikmeter fassen. Das sei aber viel zu wenig, um einem 100-jährlichen Hochwasser (siehe Box) standzuhalten, mit dem der für den Hochwasserschutz verantwortliche Wasserverband Eifel-Rur kalkulieren muss. Der Roetgener Bauausschuss wollte sich damit nicht zufrieden geben. „Die Dreilägerbachtalsperre wird so betrieben, dass sie immer voll ist. Das führt bei Regen direkt zum Überlauf. Da kann es doch nicht sein, dass weitere Bauwerke geschaffen werden“, kritisierte Klaus Onasch (SPD).

Eine Nutzung der Dreilägerbachtalsperre als Hochwasserschutz sei aus Gründen des Trinkwasserschutzes nicht möglich. Mit der Wassergewinnungs- und aufbereitungsgesellschaft Nordeifel (WAG), die die Talsperre betreibt, habe es viele Gespräche gegeben. Doch für die habe der Trinkwasserschutz absolute Priorität, erklärte der Vertreter des Wasserverbandes. Das bestätigt der Geschäftsführer der WAG, Walter Dautzenberg: „Für uns steht der Trinkwasserschutz absolut im Vordergrund, und das verträgt sich nicht mit dem Hochwasserschutz“, erklärte er auf Anfrage. Onasch sah dennoch Möglichkeiten, Hochwasser- und Trinkwasserschutz zu trennen. „Das geht alles, man muss es nur wollen. Wir haben auch Rechte, die werden übergangen“, sagte Onasch.

Teile im Einzugsgebiet Belgien

Ein weiterer Aspekt dieses Szenarios ist, dass Teile der Gemeinde Roetgen im Einzugsgebiet der belgischen Wesertalsperre liegen. Eigentlich würde das Wasser aus diesen Gebieten in Richtung der Wesertalsperre abfließen, doch in einem Staatsvertrag wurde 1958 geregelt, dass die Gebiete aus dem Einzugsgebiet abgekoppelt werden und nicht mehr in Belgien entwässern. Stattdessen fließt das Wasser über den Weserstollen zum Dreilägerbach und dieser wiederum in die Vicht. Auch hier geht es um den Trinkwasserschutz. Nun stand aber die Frage im Raum, ob diese Regelung aufgehoben werden kann.

Hoffmann erläuterte, dass die Berechnungen für den Hochwasserschutz auf belgischer Seite nicht mehr stimmen würden, wenn das Wasser wieder seinen ursprünglichen Verlauf nehme, viele Dinge seien entsprechend dimensioniert. „Dann würde nichts mehr passen“, sagte Hoffmann.

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