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Life-Projekt am Oberlauf der Rur: Warum mit der Landwirtschaft die Natur zurückkehrt

Life-Projekt am Oberlauf der Rur

Warum mit der Landwirtschaft die Natur zurückkehrt

Gemulcht und vom um sich greifenden Bewuchs befreit ist diese Wiese am Holderbach unterhalb Eicherscheids. Bernd Theißen setzt darauf, dass im kommenden Frühjahr die für eine Bergwiese typischen Gräser und Pflanzen zurückkehren. FOTO: Jürgen Lange

Nordeifel Kaum drei Zentimeter Spannweite hat der Blauschillernde Feuerfalter. Für diesen seltenen Falter werden einige Weiden in Bachauen gemulcht und in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzt, damit sie wieder landwirtschaftlich genutzt werden können. Der Falter ist das Leittier für ein umfangreiches Biotop-Projekt, das die EU fördert.

Im Rahmen des Life-Projektes „Patches & Corridors“ hat die Biologische Station der Städteregion in den letzten beiden Jahren eine Reihe brach gefallener Wiesen wieder in einen Zustand gebracht, der eine landwirtschaftliche Nutzung zulässt. Das erscheint nur auf den ersten Blick ein Widerspruch zu sein, erklärt Dr. Bernhard Theißen.

Die Flächen wurden in früheren Zeiten als Mähwiesen oder Viehweiden genutzt. Aus unterschiedlichen Gründen haben die Eigentümer die Nutzung aufgegeben. In der Konsequenz sind die Flächen im Laufe der Zeit verbuscht. Dadurch ist die ehemals artenreiche Pflanzenwelt der Wiesen ärmer geworden, und damit ist auch die Lebensgrundlage für einige Tiere verschwunden – unter anderem für den Blauschillernden Feuerfalter. Denn dessen Raupen ernähren sich ausschließlich vom Schlangenknöterich. Und der wächst nun einmal gerne dort, wo es feucht ist.

Beispielsweise am Ufer des Holderbaches, dort, wo die Wiesen noch genutzt werden. Unterhalb von Eicherscheid hat Theißen jetzt eine weitere Wiese mulchen lassen können – in der Erwartung, dass in den kommenden Jahren der Blauschillernde Feuerfalter zurückkehren kann. „Unterhalb und oberhalb dieser Wiese ist er noch heimisch“, sagt Theißen. Die Umwandlung in die alte Kulturlandschaft ist eines von vielen Stückchen auf dem Reißbrett, mit dem Biotop-Korridore wieder hergestellt werden sollen, um die angestammte Fauna und Flora zu erhalten und zu sichern.

Die Wiese am Holderbach bevor sie gemulcht wurde. Zunehmen verändern Büsche und Sträucher den früheren Lebensraum. FOTO: Biologische Station / Bernhard Theißen

Besagte Wiese ist eine von vielen, die im FFH-Schutzgebiet am Oberlauf der Rur nicht mehr genutzt werden. Irgendwann haben Landwirte aufgehört, solche oft schwierig zu unterhaltenden Flächen zu nutzen. Im Laufe der Jahre liegen sie oft im Eigentum von Personen, die mit Landwirtschaft nichts am Hut haben und auch nicht mehr in den umliegenden Dörfern leben.

Das Life-Projekt hat ein Budget für den Ankauf derartiger Flächen durch die Biologische Station. „Insbesondere in den Tälern von Rur, Kluck-, Holder-, Belgen- und Tiefenbach zwischen Kalterherberg und Kesternich suchen wir noch weitere Grundstücke, die wir kaufen und umgestalten können“; sagt Theißen.

Innerhalb der vergangenen beiden Jahre hat die Station etwa 40 Grundstücke mit einem Volumen von rund neun Hektar erwerben können. 17 Flächen haben bereits eine Erstpflege erfahren können. „Mindestens sieben weitere Flächen sollen im kommenden Jahr folgen“, kündigt der Projektleiter an.

Selbst im Herbst sprießen wieder erste Gräser nach dem Mulchen der Wiese am Holderbach. FOTO: Jürgen Lange

In der Praxis sind die Arbeiten gar nicht so einfach. Ein Unternehmen vom Niederrhein ist dazu am Holderbach angerückt, um mit Spezialgerät die feuchten Wiesen in Hanglage bearbeiten zu können. „Oft müssen wir erst die alte Zuwegung zu solchen Wiesen finden und wieder herstellen“; so Theißen. Auch hier hat die Natur im Laufe der Zeit ihre Wurzeln geschlagen. Ebenso, wie auf den Wiesen tief wurzelnde Sträucher und Büsche eine grundlegende Veränderung der Natur eingeleitet haben. „Sie rauben den ursprünglichen Pflanzengesellschaften einfach den Platz“, nehmen den Gräsern Licht und Luft, um neu auskeimen zu können. So lassen sich auf auf dieser Wiese erst nach dem Einsatz des schweren Geräts die feuchten Bereiche wieder erkennen. Selbst im Herbst strecken erste Gräser vorsichtig ihre jungen Halme hervor. Im Frühjahr wird die Rückkehr der für Bergwiesen typischen Pflanzengesellschaften mit Bärwurz, Blutwurz, Heilziest, Teufelsabbiss, Schwarze Teufelskralle, Bergplatterbse und auch Fels-Labkraut erwartet.

Das Mulchen ist erst der Auftakt für weitere Pflegemaßnahmen, für die im kommenden Jahr auch ein Eicherscheider Schäfer mit seiner Herde eingespannt werden konnte.

Noch ist hier längst nicht alles so hergerichtet, wie es im Rahmen des Projektes erwünscht wird. Ein paar umgestürzte Bäume müssen noch geräumt werden. Und ein Bestand von Fichten auf der einen Bachseite soll in den kommenden Jahren in Kooperation mit dem Forst entnommen werden. Auch in den mit Fichten bestandenen Hang auf der anderen Seite des Holderbachs soll zukünftig eingegriffen werden – ebenfalls stückchenweise. Kleine Lichtungen sollen gefällt werden, in denen sich Laubwald wieder ansiedeln soll. Mit Rücksicht auf das Überangebot auf dem Holzmarkt ist vorgesehen, die gefällten Stämme im Bestand zu liegen und verrotten zu lassen als wertvollen Lebensraum für Kleinlebewesen. „Aber mit Blick auf den Borkenkäfer werden wir die Stämme schälen müssen“, sagt Theißen: „Das wird eine Menge Arbeit machen.“

Arbeit, die sich unter dem Strich lohne – für die Natur und ihre Artenvielfalt ebenso wie für Landwirtschaft und Besucher. Mehr Grünland im Betrieb bedeute auch mehr Futter für das Vieh. „Heu von ungedüngten Wiesen wird vom Vieh übrigens viel lieber gefressen als jenes von artenarmen, intensiv genutzten Wiesen“; schmunzelt Bernhard Theißen: „Egal ob Kuh, Schaf, Pferd oder Kaninchen.“ Durch den Verzicht auf Düngung und Pestizide sowie durch die spätere Bewirtschaftung wird die Artenvielfalt auf den Eifelwiesen erhalten und gefördert. Das Offenhalten von Wiesen schafft Trittsteine und Korridore zur Ausbreitung heimischer Tier- und Pflanzenarten in den Tälern der Eifel. Und je mehr Wiesen die Biologische Station erwerben und renaturieren kann, um so einfacher lassen sich die Trittsteine zu Korridoren ergänzen.

Für die Besucher eröffnet die Maßnahme zugleich Sichtachsen und schafft Aussichtsmöglichkeiten in die Täler. „Es erfolgt eine Wiederbelebung des Außenraums durch die sich ergebende kleinteilige landwirtschaftliche Nutzung. Und mit ein bisschen Glück kehrt bald auch der Blauschillernde Feuerfalter zurück ans Ufer dieser Wiese im Verlauf des Holderbaches.

Im Überblick

Bio-Station möchte weitere Flächen ankaufen

Landkauf und langfristige Pacht ist eine grundlegende Maßnahme des Life-Projektes „Patches & Corridors“. Neben dem Naturschutz auf der Wiese soll auch Forst von Fichten- in Laubwald umgebaut werden. Bisher wurden am Oberlauf der Rur 22 Hektar Nadelholz angekauft.

Die Biologische Station sucht noch weitere Flächen im Naturschutzgebiet Oberlauf der Rur, an Kluck-, Holder-, Belgen- und Tiefenbach. Weitere Infos unter www.bs-aachen.de.

Zu den Zielen des Life-Projektes zählen die Vernetzung bestehender und potenzieller Habitate des Blauschillernden Feuerfalters durch Entwicklung, Erweiterung und Optimierung natürlicher Wald- und Offenlandlebensräume der Auen, wie auetypische Laubwälder, Moorwälder, artenreiche Mähwiesen und feuchte Hochstaudenfluren.

Bestandteil ist die Sicherung bestehender, bisher nicht ausreichend geschützter Vorkommen des Blauschillernden Feuerfalters durch Grunderwerb sowie die Einführung eines Lebensraum-Managements in bestehenden und potenziellen Habitaten, das auf die ökologischen Ansprüche des Blauschillernden Feuerfalters abgestimmt ist.

In diesem Rahmen erfolgt auch die Bekämpfung von Neophyten zur Erhaltung feuchter Hochstaudenfluren und Auwälder.