Konzen: VdK Konzen-Imgenbroich: Ein Rückzug „nicht ganz ohne Wehmut“

Konzen : VdK Konzen-Imgenbroich: Ein Rückzug „nicht ganz ohne Wehmut“

„Ich habe Glück gehabt“, sagt Otto Offermann und lächelt dabei, ebenso bescheiden wie tiefgründig. Der 74-Jährige Ur-Konzener war über viele Jahrzehnte das Gesicht des Verbandes der Kriegsbeschädigten, Kriegshinterbliebenen und Sozialrentner Deutschlands (VdK) im Ortsverband Konzen-Imgenbroich.

Jetzt legte er nach über 60-jähriger VdK-Mitgliedschaft und 25-jähriger Vorstandstätigkeit sein Amt nieder. Es war Otto Offermann nicht besonders angenehm, bei der Mitgliederversammlung im Blickpunkt des Geschehens zu stehen, aber diesmal konnte er sich nicht dagegen wehren.

Otto Offermann hat Glück gehabt? Worin besteht dieses Glück? Ist es ein Glück, wenn man im Jahr 1943, anderthalb Jahre vor Ende des Zweiten Weltkrieg geboren wird und nach dem Ende des Krieges als „Kriegsbeschädigter“ gilt und eine schwere körperliche Behinderung erlitten hat, die das Alltagsleben in vielen Bereichen einschränkt? Für Otto Offermann ist es ein Glück, dass er überlebt hat. Dafür und für ein erfülltes Lebens, das er immer wieder in den Dienst der Mitmenschen stellte, ist er dankbar. Das gibt ihm Zufriedenheit und inneres Glück, und dass er dabei auch nicht den Humor verloren hat, macht Otto Offermann bei aller Bescheidenheit zu einem außergewöhnlichen Mensch, der wie kein Zweiter das Ehrenamt verkörpert.

Dramatisches Ereignis

Es war der 30. September 1944, als die Familie Offermann in der Konzener Breite Straße von bedrückender Angst geplagt in der Küche saß. Die Front war näher gerückt, und die meisten Dorfbewohner hatten den Ort bereits verlassen. Die Familie Offermann wollte mit der Evakuierung noch warten, denn man dachte, dass „der Spuk“ in paar Tagen vorbei sein würde. An jenem Samstag schlug aber eine Granate direkt neben dem Haus der Familie Offermann ein. Der zehn Monate alte Säugling Otto saß auf dem Schoß seiner Oma, die das Kind beruhigte. Da durchschlug ein Granatsplitter die Fensterscheibe und riss Otto Offermann den linken Arm ab. „Danach müssen sich dramatische Szenen abgespielt haben“, weiß Otto Offermann aus Erzählungen.

An eine ärztliche Versorgung war nicht zu denken, diese Aufgabe übernahm die Mutter. Erst nach sieben Tagen sah der Säugling einen Arzt. Es grenzt an ein Wunder, dass das Kind überlebte. Als Folge der schweren Verletzung stellten sich später weitere massive Beschwerden ein, die Otto Offermann aber nie den Lebensmut nehmen konnten. Im Gegenteil: Er ging in die Offensive und kämpfte für die Benachteiligten.

In seiner Zeit als VdK-Vorsitzender beriet er rund 500 Menschen in sozialen Angelegenheiten, „und bei so manchem haben wir durch unsere Unterstützung das Abrutschen ins soziale Abseits verhindert“, zog Otto Offermann Bilanz. Als Mitarbeiter beim Schulamt des Kreises Monschau und später der Städteregion war der Vorsitzende mit den erforderlichen behördlichen Schritten im oft undurchdringlichen Nebel der Zuständigkeiten gut vertraut.

Der VdK-Ortsverband Konzen, der in den 1990er Jahren mit dem Ortsverband Imgenbroich fusionierte, wurde 1952 gegründet. Im gleichen Jahr meldeten die Eltern den damals erst zwölfjährigen Otto Offermann als Mitglied an, der bei den rund 40 Mitgliedern gegen Wertmarken die Beiträge kassierte. Mit dem Erreichen der Volljährigkeit wurde er Kassierer und ab 1993 Vorsitzender des Ortsverbandes.

Großzügige Datenschutzrichtlinien

Die Gründung des Ortsverbandes Konzen verlief nach heutigen Maßstäben überaus unbürokratisch. „Da hat sich der Verein 300 Adressen beim Gesundheitsamt geholt und die Leute angeschrieben“, sagt Otto Offermann und schmunzelt über die damals großzügige Auslegung von Datenschutzrichtlinien.

Otto Offermann wusste aus eigener Erfahrung stets genau, wie Behörden ticken, und vor zähen Auseinandersetzungen im Interesse der VdK-Ratsuchenden scheute er nicht zurück. Als geduldiger Zuhörer wusste er stets, wo der Schuh bei den Ratsuchenden drückt. Was er in den zurückliegenden Jahren aber zunehmend als anstrengend empfand, war die schwierige Erreichbarkeit von bestimmten Behörden. „Man landet immer häufiger in einem Call-Center oder wird ständig weiter verbunden, weil sich niemand mehr zuständig fühlt“, sagt er. Wenn aber am Ende ein positives Ergebnis im Sinne der Betroffenen erzielt worden sei, habe sich der Aufwand gelohnt.

„Nicht ganz ohne Wehmut“ scheide er aus dem Amt, sagte Otto Offermann im Kreis der rund 35 Anwesenden bei der Mitgliederversammlung im Saal Achim und Elke. Sein Dank galt allen Mitstreitern in der Solidargemeinschaft, und nach über 60 Jahren zog Offermann ein eindeutiges Fazit: „Ehrenamtliche Arbeit lohnt sich, gibt einem persönlich etwas, hilft anderen und ist für das Gemeinwohl unverzichtbar.“ Der scheidende Vorsitzende erinnerte auch an die Krisenzeiten des VdK, als sich vor rund 25 Jahren fünf von sieben Ortsverbänden im Stadtgebiet Monschau auflösten.

In diese Zeit fiel auch der Strukturwandel beim VdK, da der Bedarf für die Betreuung von Kriegsbeschädigten und Kriegshinterbliebenen immer mehr abnahm und die Mitgliederzahl rapide sank. Heute heißt die Organisation Sozialverband VdK und sieht sich als starker Interessenvertreter für soziale Gerechtigkeit. Allein der Ortsverband Konzen-Imgenbroich zählt inzwischen über 200 Mitglieder, auf Kreisebene sind es 8500 Mitglieder.

Lange Liste an Ehrenämtern

Konzens Ortskartellvorsitzender, Peter Jung, hatte es sich nicht nehmen lassen, eine Bilanz des Wirkens von Otto Offermann zu ziehen, „der über Jahrzehnte das soziale und kulturelle Leben in Konzen und darüber hinaus geprägt hat“. Bei der Aufzählung der Ehrenämter hält man fast den Atem an, aber man benötigt einen langem Atem, denn die Liste der Aufgaben ist lang — sehr lang. Otto Offermann gehörte unter anderem 1968 zu den Gründern der Behindertensportgemeinschaft Monschau, gehörte dem Sozialausschuss der Stadt Monschau an, ist noch ehrenamtlicher Richter beim Sozialgericht, war über zehn Jahre Jugendleiter beim TV Konzen, Sänger im Kirchenchor, Mitglied des Pfarrgemeinderates und Geschäftsführer des Fördervereins der Offenen Ganztagsgrundschule Konzen.

Als „imponierend“ bezeichnete Konzens Ortsvorsteher, Matthias Steffens, das soziale Wirken des VdK wie auch die Lebensleistung von Otto Offermann, und VdK-Kreisvorsitzender Willy Schroeder hatte zum Schluss der Versammlung noch eine besondere Überraschung vorbereitet, indem er Otto Offermann zum Ehrenvorsitzenden ernannte.

Wesentlich bedeutsamer war für Otto Offermann aber die Nachfolgeregelung im Ortsverband Konzen-Imgenbroich. Auch hier hatte er nichts dem Zufall überlassen und entsprechend Vorsorge getroffen.

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