Thomas J. Lennartz präsentiert Programm ausgesuchter Kabinettstücke

Lennartz liest Literatur : Ein Feuerwerk der Satire und Parodie

„Das war nicht einfach. Aber das haben Sie großartig hingekriegt!“ Dieses Kompliment eines eingefleischten Jochen-Malmsheimer-Fans aus dem Publikum, galt nicht nur für die Darbietung zweier Texte seines Lieblingskabarettisten, sondern war ein treffendes Resümee für die gesamte Veranstaltung „Lennartz liest Literatur – Alles nur geklaut“.

Thomas J. Lennartz übertraf sich in seinem siebten Programm ausgesuchter Kabinettstückchen selbst. Er hatte es sehr ambitioniert unter das Motto „Von Kultur bis Lebenshilfe, alles drin!“ gestellt und die Zuhörerinnen und Zuhörer, die in der guten Stube der Gemeindebücherei eng zusammenrücken mussten, befanden: Was draußen drauf stand, war auch wirklich drin.

Zum Einstieg wählte Lennartz der Deutschen liebste Lebenshilfe, Goethes „Faust“, und zwar den kompletten. Wer nun erschrocken auf die Uhr schaute, wurde mit einer „Parodie für Eilige“ von Christian Moser in nur 8 Minuten und 45 Sekunden überrascht, und man musste zugeben, auch hier war tatsächlich alles Wissenswerte drin. Glück gehabt, mochte man denken.

So war es nur folgerichtig, „Über das Glück“ mit den Worten von Jan Martinec satirisch, unterlegt mit tschechischem Akzent, zu sinnieren. Reine Glückssache war auch die Stenkelfeld’sche Wetterprognose von Detlev Gröning und Harald Wehmeier, wie sie „Beim Seewetteramt“ praktiziert wird. Allen modernen Techniken und Erkenntnissen der Strömungsmathematik zum Trotz wird eher auf Tarotkarten, Kaffeesatzlesen und die Schussnarbe von Opa Röhrmöller aus dem 1.Weltkrieg gesetzt.

Die Riege der Kabarettisten jüngerer Zeit marschierte im zweiten Teil des Programms auf. Thomas J. Lennartz schlüpfte in die Charaktere wie in eine zweite Haut. Horst Evers bewarb garantiert „veganfreie Wurst“.

Hagen Rether prangerte sehr leise, aber nachdrücklich, wie es seine Art ist, skandalöse und menschenverachtende Machenschaften aus internationaler Politik und Gesellschaft an, die er vergeblich den Sündenböcken der Weltgeschichte, den „Nordkoreanern“, in die Schuhe zu schieben versuchte.

Volker Pispers präsentierte die Schlagzeile „Ärzte arbeiten für einen Hungerlohn!“ und entlarvte ihren mangelnden Wahrheitsgehalt. In dieses Loch der erschreckenden Erkenntnisse warf Jochen Malmsheimer das Rettungsseil der „70er Jahre Fernsehwerbung“ etwa für Playtex-Zauberkreuz-BHs, Glänzer-Bodenpflege oder die jede Küchenkachel verzierende Pril-Blume.

Weil das alles so schön war, kam Jochen Malmsheimer am Schluss noch einmal zum Thema „Weihnachtsbräuche“ zu Wort. Absurdeste Gedanken über den Karpfen, den Familienfrieden und das Selberschlagen des Weihnachtsbaums wurden förmlich auf die (Baum-)Spitze getrieben.

Ein Feuerwerk an Stimmenimitation, feiner und grobmotorischer Gestikulation und pointiertem Sprachvermögen brannte Thomas J. Lennartz unter dem an vielen Stellen lauten Gelächter und Applaus der Besucherinnen und Besucher mit satirischen und parodistischen Raketen ab. Geschickt verknüpfte er die verschiedenartigen Texte mit einer eigenen Conférence über die alte Frage „Warum überquerte das Huhn die Straße?“

Darüber ließ er im Verlauf des Programms große Persönlichkeiten des Weltgeschehens mutmaßen, um am Ende durch Claus Kleber die erlösende Nachricht über die unversehrte Ankunft des Huhns auf der anderen Straßenseite zu verkünden. Zur Hochform aber lief Lennartz im „Schischyphusch oder der Kellner meines Onkels“ von Wolfgang Borchert auf.

Wie er das weiche „Sch“ anstatt eines scharfen „S“ nahezu verkörperte und damit am erbarmungslosen Schicksal zweier unterschiedlicher Männer mit gleichem Handicap, einem unüberhörbaren Sprachfehler, teilhaben ließ, war einfach grandios. Witz, kindliches Unbehagen und Tragik dieser Geschichte in 20 Minuten gebannt, zeigten Lennartz‘ ganzes Können.

Thomas J. Lennartz ist wieder am 1. Adventssonntag im vorweihnachtlichen Literaturcafé zu erleben, unter anderem noch einmal mit den „Weihnachtsbräuchen“ von Jochen Malmsheimer und auch in diesem Jahr mit der bekannt versierten musikalischen Begleitung durch Birgit Röseler am Klavier und Simone König mit der Flöte.

Mehr von Aachener Nachrichten