Kalterherberg: Stammt das Kloster Reichenstein aus dem Mittelalter?

Kalterherberg: Stammt das Kloster Reichenstein aus dem Mittelalter?

Am Kloster Reichenstein wird gebaut. Die Arbeiten am früheren und künftigen Kloster laufen auf Hochtouren. In zwei bis vier Jahren soll die Klostergründung stattfinden. Dann kommen bis zu 25 Mönche aus dem französischen Bellaigue in die Eifel.

So lautet die Absicht der Pius-X-Bruderschaft, bestätigte vor vier Monaten der von der Bruderschaft mit der Projektleitung beauftragte Mönch, Pater Peter Lang. Das gesamte Gut wurde 2008 vom Verein St. Benedikt erworben.

Die Bauarbeiten konzentrieren sich aktuell auf den teilweise eingestürzten Südfügel, doch plötzlich steht nun die zum Gebäudekomplex gehörende Kirche im Blickpunkt. Der zwischenzeitlich als Schafstall, Käsefabrik und schließlich bis 1971 in einen Heustall umfunktionierte Kirchenraum wird derzeit im Rahmen des Baugenehmigungsverfahrens intensiv und aufwendig vom Amt für Denkmalpflege des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR) untersucht. Bis auf einen kleinen Durchbruch zur Sakristei sind hier eigentlich zunächst keine größeren Eingriffe geplant.

Der Ortstermin der LVR-Bauforscher unter Leitung von Dr. Kristin Dohmen diente in erster Linie der bauhistorischen Beurteilung der Holzbalkendecke in der Kirche. Die Kirche, so viel ist bekannt, war ehemals als einschiffige Gewölbekirche mit Kreuzrippengewölben ausgestattet. Die bislang bekannten Erkenntnisse zur Baugeschichte datierten den Kirchenbau um das Jahr 1693. Die Herleitung war simpel. Die Ankersplinte an den äußeren Strebepfeilern zeigten genau diese Jahreszahl, so dass die Kirche als Neubau der im geldrischen Erbfolgekrieg (1543) zerstörten Vorgängerbauten bewertet wurde.

Nun aber muss die Baugeschichte neu geschrieben werden, denn für Kristin Dohmen gibt es nach zwei Ortsterminen „eindeutige Hinweise“ darauf, „dass es sich um eine mittelalterliche Kirche handelt, die um das Jahr 1693 repariert wurde“. In der Gebäudesubstanz fänden sich „ganz viele Zeitschichten“, die auf die Entstehung des Gebäudes im Mittelalter hindeuteten. Demnach könnten die Ursprünge der Reichensteiner Kirche um 300 bis 400 Jahre früher als bisher angenommen werden. Kristin Dohmen: „Es würde uns nicht wundern, wenn wir hier auf eine frühgotische Kirche aus dem 13. Jahrhundert treffen würden.“ Rundbögen im Mauerwerk, die heute funktionslos sind, geben den Bauforschern ebenfalls gezielte Hinweise darauf, dass das Baualter weitaus höher als bisher angenommen sein muss.

Den entscheidenden Hinweis lieferten aber wie erwähnt die äußeren Strebepfeiler am Gebäude, deren zusätzliche Verankerung statisch keinen Sinne machen würde.

Zum Alter der Holzbalkendecke gehen die bisherigen Thesen davon aus, dass diese nach 1802, also nach der Klosterauflösung, eingebaut wurde.

Mit ziemlicher Sicherheit ist aber auch dieses Bauelement, das eine konstruktive Einheit mit dem Dachstuhl bildet, deutlich älter. Wahrscheinlich stammt sie aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts und diente ebenfalls als Reparaturmaßnahme.

Bauforscherin Kristin Dohmen vermutet, dass nach der Zerstörung im Jahr 1693 eine andere Gewölbeform gewählt wurde. Genaue Anhaltspunkte liefern dafür aktuelle Vermessungsarbeiten des LVR-Amtes für Denkmalpflege im Rheinland. Nach 1802 sei das Gewölbe der Nutzung als Scheune gewichen, wodurch die Holzdecke als Tragkonstruktion des Daches sichtbar geworden sei.

Zur genauen Altersbestimmung der Holzdecke soll eine Dendro-untersuchung (Kernbohrung) erfolgen, womit sich punktgenau das Alter des verwendeten Holzes feststellen lässt.

Bei der künftigen Nutzung als sakraler Kirchenraum stellt sich nun auch für den Bauherrn die Frage, ob bei weiterer Vertiefung der Erkenntnisse ein neues Gewölbe (oder eine Decke), unter dem die Holzdecke dann wieder verschwinden würde, in Betracht kommt.

Aber da haben zunächst einmal andere Baumaßnahmen Priorität, sagt auch die mit der Bauleitung beauftragte Architektin Ulrike Krings. „Uns wurden die Augen geöffnet“, teilt jedoch auch sie Begeisterung über die neuen bauhistorischen Erkenntnisse in Reichenstein.

Die Mönche würden durchaus gerne zur Ursprungsform der Kirche zurückkehren, „aber das ist eine sehr komplexe Angelegenheit“. Und noch befinde man sich ja erst in der Dokumentationsphase.

(P. St.)
Mehr von Aachener Nachrichten