Von Anfang an starten: Babypuppen stellen Schüler auf eine harte Probe

Sekundarschule Simmerath : Mama und Papa für eine Woche

„Die beiden letzten Nächte waren echt Hölle“, berichtet die 15-jährige Fenja. Die Nachtruhe der jungen Frau aus Woffelsbach empfindlich gestört hat der kleine Elmo. Dabei handelt es sich weder um einen menschlichen, noch einen tierischen Mitbewohner, sondern um eine von 14 sogenannten Babysimulationspuppen, die Schülerinnen und Schülern der Sekundarschule in Simmerath kurz vor den großen Ferien zeigten, wie es ist, ein Baby zu haben.

Die Woche mit den Babypuppen für die neunte Klasse ist eingebettet in das von der Städteregion Aachen geförderte einjährige Projekt „Vor dem Anfang starten – junge Menschen entwickeln Erziehungskompetenz“, in dem viele Fragen zum Thema „Erwachsenwerden“ und „Lebensplanung“ behandelt werden. Das Kooperationsprojekt soll jungen Menschen schon in der Schule die wichtigsten Dinge vermitteln, die man wissen muss, wenn man beispielsweise für ein eigenes Kind verantwortlich ist. Die Schülerinnen und Schüler befassen sich darüber hinaus mit lebenspraktischen Themen wie Umgang mit Geld, gesunde Ernährung, Wohnungssuche etc. Die eigene Lebensplanung, Umgang mit Konflikten, positive Gestaltung von Beziehungen und viele weitere Themen stehen ebenso auf dem Plan, der insgesamt 100 Unterrichtsstunden in einem Schuljahr umfasst.

Das Angebot startete im Jahr 2010 mit sieben Schulen; im gerade zu Ende gegangenen Schuljahr 2018/ 2019 nahmen 20 Schulen teil, darunter auch die Sekundarschule Nordeifel am Standort Simmerath. „Die Babypuppen-Woche stellt gleichsam den Höhepunkt und Abschluss des Projekts dar“, erläutert Marion Breuer, Schulsozialarbeiterin an der Sekundarschule in Simmerath, die die Schüler das gesamte Schuljahr beim Projekt begleitete. In der Babywoche hatte sie dabei Unterstützung von Sozialpädagogin Mona Mirbach vom Caritasverband für die Region Eifel, die das Projekt auch an der Mädchenrealschule St. Ursula in Monschau begleitete.

Realistische Belastungen

„Die Puppen werden so programmiert, dass möglichst realistische Belastungen auf die ‚Eltern‘ zukommen“, erklärt Mona Mirbach. Zusätzlich zur Aufgabe, Bedürfnisse wie Füttern, Wickeln, Aufstoßen und Wiegen möglichst schnell zu erkennen und zu erfüllen, gehe es vor allem darum, die eigene Belastungsgrenze kennenzulernen. „Deshalb war es auch wichtig für die Jugendlichen, die Puppen für die Woche mit nach Hause zu nehmen und so über mehrere Tage zu erfahren, was es heißt, zum Beispiel im Schulbus, in der Freizeit oder nachts mehrmals eine schreiende Puppe versorgen zu müssen“, so Mirbach.

„Nach dieser Woche werden sich einige sehr gut überlegen, ob sie schon früh ein Kind haben möchten - egal ob gewollt oder ungewollt“, sagt Joyce (15) aus Mützenich und streichelt ihrer Cora sanft den Rücken. „Liebe, Zuwendung und Zärtlichkeit sind bei den Puppen genauso wichtig wie bei richtigen Menschen“, hat die Schülerin erkannt, und Mona Mirbach bestätigt dies: „Die Puppen reagieren sehr sensibel auf jedwede Art von Berührungen, aber auch auf Hitze und Kälte, Rauch und Feuchtigkeit, Hunger, Durst und Lautstärke.“

Joyce ist dabei fast schon so etwas wie ein alter Hase, denn sie kümmert sich zuhause auch gerne um ihren knapp einjährigen kleinen Bruder. „Der ist allerdings pflegeleichter als die Puppe“, verrät die 15-Jährige lachend. Cora habe schon viel geschrien, und nicht immer sei ihre Suche nach den Gründen erfolgreich verlaufen. Hat das Baby in die Windel gemacht? Muss es ein Bäuerchen machen? Hat es Hunger oder Durst? „Man muss alles durchprobieren“, sagt auch Justin (15) aus Rollesbroich, der seine Puppe Mabumba genannt hat. Übrigens waren die „Väter“ bei dem Projekt an der Sekundarschule in der Überzahl, erfüllten aber ihre Aufgaben genauso gewissenhaft wie ihre Mitschülerinnen.

Joyce und Fenja machten allerdings auch noch eine andere, in ihren Augen negative Erfahrung. Die Mädchen unternahmen in der Babypuppenwoche einen Ausflug nach Aachen – natürlich mit Cora und Elmo. „Was wir da zu hören bekommen haben, kann man sich nicht vorstellen“, erzählt Fenja. Da die Puppen im Kinderwagen und auf dem Arm täuschend echt wirken, reichten die Reaktionen der Passanten von Auslachen und Rumalbern bis hin zu Kommentaren wie: „Schlimm. So jung und schon ein Baby …“ „Wir sind aber auch netten, hilfsbereiten und interessierten Menschen begegnet“, räumt Joyce ein.

Auch solche Erfahrungen würden zum Projekt zwingend dazu gehören, sagt Mona Mirbach, die nach fünf Tagen und Nächten die Ergebnisse auswertete. Der Mikrochip in jeder Puppe verriet, wie gut es Elmo, Cora, Mabumba & Co. bei ihren jungen Eltern auf Zeit hatten. „Die Ergebnisse hier sind sehr positiv“, lobt Mirbach die Sekundarschülerinnen und –schüler, die trotzdem erleichtert sind, dass die Woche nun vorbei ist, wie Fenja gesteht: „Endlich wieder ohne Babygeschrei schlafen!“

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