Meret Becker sorgt in Lammersdorf für außergewöhnlichen Konzertabend

Kulturfestival der Städteregion : In der Welt der tiefen Gefühle

Vollbesetzte Kirchen sind in der heutigen Zeit eine Seltenheit geworden. In der Lammersdorfer Pfarrkirche St. Johann Baptist blieb am Freitagabend kein Platz mehr frei. Aber nicht zum Gottesdienst strömten Besucher aus der gesamten Region, sondern zu „Meret Becker in Concert“.

Die Schauspielerin ist einem größeren Publikum als unorthodox ermittelnde Tatort-Kommissarin bekannt, als Sängerin hätte sie es aber nicht minder verdient, in die erste Reihe zur besten Sendezeit aufzurücken. Im Rahmen des Kulturfestivals der Städteregion Aachen fand das Gastspiel vor rund 300 Zuhörern in der noch zusätzlich bestuhlten Kirche statt. Die Kartennachfrage war enorm, und längst nicht alle Wünsche konnten erfüllt werden.

In farbiges Licht war der Chorraum des Gotteshauses getaucht. Die Spannung und vorfreudige Erwartungshaltung in den Kirchenbänken war regelrecht spürbar, denn die Multi-Künstlerin Meret Becker ist immer für eine Überraschung gut.

Gleich mit den ersten leisen Tönen des fast sakral klingenden Einstiegsliedes von der neuen Platte „Deins & Done“ war das Publikum verzaubert. Die Multi-Instrumentalistin mit ihrer herausragenden Band und den beiden Backgroundsängerinnen hielt das Aufmerksamkeitslevel des Publikums bis zum letzten Ton auf hohem Niveau. Der stetige Wechsel zwischen Gesangskunst und schauspielerischer Performance gab dem gut zweistündigen Konzertabend seine besondere Note. Und selbst wenn Meret Becker sich bei ihren Songansagen ein wenig verzettelte, wich das Publikum keine Sekunde von ihrer Seite. „Deins&Done“ ist ein starkes Bekenntnis zur Liebe, mal mit tiefer Trauer, mal mit dem Faible für große Gefühle. Mit manchmal zerbrechlicher und dann wieder mit voluminöser Stimmkraft, werden die vielen Facetten der Liebe mit der eigenen Geschichte der Interpretin verknüpft. Dobro-Gitarrist Buddy Sacher ist dabei ständiger Begleiter und trägt musikalisch dezent mit seinem filigranen Spiel die feinsinnigen und intensiven Kompositionen im zurückhaltenden Country-Sound. „Ich bin gekommen, um mit Ihnen eine Friedenspfeife zu rauchen“, begrüßte Meret Becker das Publikum; am Ende des Programms hätte sie das bei der Darbietung eines Zaubertricks mit einer Zigarette fast wahr gemacht.

Selbstironisch („Mich hat noch interessiert, was ich nicht kann“), selbstbewusst, eigensinnig und eigenwillig gab sich die vielseitige Künstlerin im Chorraum der Kirche. Mal verträumt und fast sphärisch mit sparsamster Instrumentierung, mal temperamentvoll im Stile einer Variete-Darbietung, tauchte die Sängerin mit ehrlichen Gefühlen und ungewohnten Klängen ganz tief ein in die große Welt der Gefühle.

Einen bunten Koffer voller Instrumente hatte Meret Becker mitgebracht. Sie geigte auf eine Säge, zupfte die Gitarre, hatte viel Gefallen an einer Spieluhr oder an Spielzeuginstrumenten aus dem Kinderzimmer. Meret Becker lässt sich in keine Schublade einordnen. Mit dem Wissen um diese Vielseitigkeit mit Überraschungseffekten blieb das Publikum der außergewöhnlichen Darbietung bis zum Ende andächtig lauschend treu. Bei der stürmisch geforderten Zugabe zauberte Meret Becker noch ein wenig und versetzte alle in Erstaunen, als sie mit dem letzten Ton ein Pulle Bier ohne abzusetzen leerte. Was für ein starker Abgang – der Abend hätte immer noch weitergehen können.

(P.St.)
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