Woffelsbach: Segel-Lehrgang für Jugendliche: Vom Optimisten bis zur Piratencrew

Woffelsbach: Segel-Lehrgang für Jugendliche: Vom Optimisten bis zur Piratencrew

Mona Offermanns hat es wieder gewusst: „Um 11 Uhr wird der Wind einsetzen.” So ist es dann auch: Um Punkt 11 Uhr erfasst ein leises Rauschen die Baumkronen am Ufer, und die in der Morgensonne sich spiegelnde Wasserfläche des Rursees gerät langsam in Bewegung.

Die Jugendwartin des Aachener Bootsclubs (ABC), der sein Domizil in der Sportstätte Wildenhof hat, geht den langen Weg zum Rurseeufer hinunter und schaut in Richtung Woffelsbach.

Für einen ambitionierten Segler ist das Windaufkommen im Prinzip mit Flaute gleichzusetzen, doch für den Anfang muss es ja nicht gleich ein ausgewachsener Sturm sein. Auf dem Steg herrscht um dieser Zeit bereits Aufbruchstimmung.

Hier sind sechs- bis zehnjährige Kinder intensiv damit beschäftigt, Helme und Schwimmwesten anzulegen, das Regenwasser des nächtlichen Gewitters aus dem Inneren der kleinen Segelboote zu schöpfen, den Kiel zu befestigen und das kleine Segel für den Optimisten zu setzen. So nennt man die Segelboote für die Neulinge auf dem Wasser, und der Weg zu späteren eigenen Yacht führt nun einmal nur über den Optimisten.

Sommerzeit ist Segelzeit auf Rursee, wo rund 3500 Boote an den Stegen zwischen Schwammenauel und Fuchsloch festgemacht sind. Beim Aachener Bootsclub gehört neben den Regatten während der Saison der einmal jährlich stattfindende Segel-Lehrgang für Jugendliche zu den Höhepunkten in den Sommerferien.

„Die Kinder freuen sich schon das ganze Jahr darauf erzählt Mona Offermanns, die mit ihrem Team auch diesmal wieder versucht, in einer trainingsintensiven Woche rund 40 Kindern aus dem gesamten Rheinland die ersten Segelschritte in der Praxis zu vermitteln.

Selbstverständlich ist der Aufenthalt in der traumhaft schön gelegenen Anlage des 1952 gegründeten ABC auch stets ein abenteuerliches Ferienerlebnis insbesondere für solche Kinder, die das naturnahe Leben im Alltag nicht kennen.

Der rund 300 Mitglieder zählende Club lädt Jahr für Jahr den Nachwuchs zwischen sechs und 16 Jahren an den Rursee ein, um sie mit den Anforderungen des Segelsports vertraut zu machen. Während in der Optimistengruppe das kleine Einmaleins des Segelns gelernt werden muss, müssen die etwas älteren Teilnehmer in der Piratengruppe (das sind die Zwei-Mann-Jollen) vor allem Teamgeist unter Beweis stellen.

Endlich sind alle Boote hergerichtet, und die inzwischen vorherrschende Windstärke eins reicht aus, um ein wenig Fahrt in Richtung Woffelsbacher Bucht aufzunehmen. Während die Optimisten in ihren Nussschalen lernen wie man das Segel möglichst effektiv in den Wind setzt, besteht die Aufgabe für die Piraten darin, einen Dreieckskurs zu segeln.

Der Rursee steht in diesem Sommer extrem tief, so tief wie seit sieben Jahren nicht mehr. Das bedeutet weniger Wind und weniger Wasserfläche, aber die Folgen der diesjährigen Trockenheit sind im Grunde keine große Einschränkung für das Gelingen des Segel-Lehrgangs.

Mona Offermanns und ihr Ausbildungsteam begleiten die Piraten im Motorboot und versuchen die Teilnehmer in die hohe Kunst des Segelns einzuweisen. Manchmal greift sie zum Megafon und gibt entscheidende Hinweise, wie es zum Beispiel gelingt, beim Start in die ideale Position zu gelangen.

Woher kommt der Wind? Welche Linie muss man fahren? Diese Fragen erschließen sich für die Teilnehmer bei den täglichen Übungen. Der Wind ist selbstverständlich das Thema Nummer eins bei den Seglern. Was den Wind betrifft, lässt der Rursee mit seinen ständig wechselnden Böen und den gefürchteten Fallwinden keine Wünsche offen.

„Die Segler mögen das”, lacht Mona Offermanns, wohl wissend, dass der Rursee unter den deutschen Binnengewässer zu den anspruchsvollsten Revieren zählt: „Wer auf dem Rursee segeln kann, kann es überall”, weiß sie.

Auch das richtige Verhalten beim Kentern gehört zum Trainingsprogramm, ebenso auch der Klassiker unter den Segelmanövern, die Rollwende. Hierbei geht es darum, eine Wende so zu fahren, dass das Boot beim Richtungswechsel Fahrt behält und nicht in der Kurve abgebremst wird.

An diesem Vormittag bildet das Start-Training einen Schwerpunkt der Übungen. Mona Offermanns greift zum Megafon und stimmt die Teilnehmer auf das bevorstehenden Manöver ein: „Noch zwei Minuten bis zum Start”, schallt es über den Rursee.

Einige Boote schaffen es nicht, sich in die Ideal-Position zu bringen. Es bildet sich ein Knäuel, niemand hat mehr richtigen Wind. Dann geht es los. Jetzt hat auch noch die „Aachen” der Rursee-Schiffahrt vom Kermeterufer abgelegt, und die will auf der ohnehin in diesem Sommer kleinen Wasserfläche auch noch umkurvt werden. „Das war nichts”, ist sich die Jugendwartin mit den Teilnehmern einig.

Der zweite Versuch klappt dann fast vorschriftsmäßig, und die ersten Favoriten für die am Freitag den Lehrgang abschließenden kleine Regatta zeichnen sich bereits ab. Bis dahin müssen aber noch einige Meter auf dem Wasser und manche Stufen hinunter zum Ufer zurückgelegt werden.