„Viola d’amore“ in der Rotter Pfarrkirche

Ein ganz besonderes Instrument : „Viola d’amore“ in der Rotter Pfarrkirche

Man kann es durchaus erstaunlich finden, dass sich zu einem doch etwas aus dem Rahmen fallenden Kammerkonzert eine so große Zahl von Zuhörern einfand, wie dies am Samstagabend in der Rotter St-Antonius-Kirche der Fall war.

„Viola d’amore and more“ – mit diesem vielversprechenden Titel hatte die in Rott wohnhafte Musiklehrerin und Bratschistin Gertrud Schmidt eingeladen. Und sicher ist anzunehmen, dass nur eine Minderheit der Zuhörer jemals zuvor eine „Viola d’amore“ gehört oder gesehen hat.

Zwischen Violine und Bratsche

Dieses aparte, aber komplizierte und schwer zu spielende Instrument – ein Mittelding zwischen Violine und Bratsche – ist seit dem späten 18. Jahrhundert aus der Mode gekommen. Einer der ersten, der es gleichsam wieder entdeckt hat, war der Komponist Paul Hindemith um das Jahr 1920, er schwärmte von einem „ganz herrlichen Instrument“, dessen Klang eine „nicht zu beschreibende Süße und Weichheit“ besäße. Hindemith hat dann auch gleich eine Sonate für dieses Instrument geschrieben und so den Anfang gesetzt zur Beschäftigung auch moderner Komponisten mit diesem Instrument.

Mittlerweile – so teilte Gertrud Schmidt in ihrer Begrüßung mit – gibt es sogar eine weltweite Gesellschaft von Enthusiasten, die sich komponierend und ausübend mit dieser „Liebesgeige“ beschäftigen. Und in Rott trafen sich mit dem „Duo Aliquot“ Simona und Gheorghe Balan, Gertrud Schmidt und dem Komponisten Hans Vermeersch gleich vier dieser Enthusiasten zu einem Konzert mit ausschließlich zeitgenössischen Stücken. Dazu traten die Sopranistin Berenike Langmaack und die junge Cellistin Soraya Ansari, die das gesamte Ensemble des Abends vervollständigten.

Die Qualität des Abends war zweifellos ebenso groß wie der Neuigkeitswert des Gebotenen. Man war in der Tat fasziniert von der „Süße und Weichheit“ des Instruments, von der Hindemith sprach, aber ebenso von seiner inneren Vielstimmigkeit, die daher rührt, dass die sieben Saiten dieser Viola mit ebenso vielen Resonanzsaiten (sogenannten Aliquot-Saiten) versehen sind, die mitschwingen und den Klang gleichsam zu vervielfältigen scheinen.

Diese Faszination und die besonders markante Darbietung durch das „Duo Aliquot“ ließ die Zuhörer vergessen, dass die inhaltliche Seite des ersten dargebotenen Werkes von Hans Vermeersch („Fragments of Fragment“) dann doch etwas im Rätselhaften verblieb. Denn die von dem anwesenden Komponisten rezitierten Textstellen aus einem Science-Fiction-Bestseller mit dem Titel „Fragment“ blieben in dieser Form unnachvollziehbar, und den Bezug zur Musik mussten sich die Zuhörer durch die eigene Phantasie herstellen. Dennoch blieb ein großer Eindruck, der auch zu begeistertem Beifall führte.

Rilke, fast mittelalterlich

Eher kam man da mit dem zweiten Werk zurecht, den „Five Rilke Songs“ des amerikanischen Komponisten Stanley Grill. Berenike Langmaack brachte diese teils sehr bekannten Texte zusammen mit Gertrud Schmidt und Soraya Ansari hervorragend zu Gehör. Der Komponist nimmt hier das historische Instrument zum Anlass, seine Komposition selbst in eine Atmosphäre des beinahe Mittelalterlichen zu stellen, was den modernen Rilke-Texten erstaunlich gut tut.

Den Abschluss des Konzerts bildete ein ironischer Kehraus: „Ein sehr kleiner musikalischer Witz“ wurde von Hans Vermeersch eigens für diesen Abend komponiert und fasste die Eindrücke des Abends noch einmal konzise und einprägsam zusammen. Großer Beifall und erwartungsvolle Spannung, ob es ein weiteres Konzert dieser Art geben wird. Zu wünschen wäre es.

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