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„Das belebt die Demokratie“: SPD-Chef Schmitz sieht wechselnde Mehrheiten als Erfolgsmodell

„Das belebt die Demokratie“ : SPD-Chef Schmitz sieht wechselnde Mehrheiten als Erfolgsmodell

Der erst 27 Jahre alte Michael Schmitz führt die SPD in Roetgen. Die schwieriges Situation mit wechselnden Mehrheiten im Rat sieht der junge Bankkaufmann als Erfolgsmodell, wie er in unserem Interview erklärt.

Nach gut dreijähriger Mitgliedschaft übernimmt der erst 27-jährige Michael Schmitz die Führung der Roetgener SPD. Im Interview mit unserem Redakteur Marco Rose erklärt der Bankkaufmann, warum er sich für diesen Job berufen fühlt. Die Art und Weise, wie die SPD mit den schwierigen Mehrheitsverhältnissen im Roetgener Rat umgeht, hält Schmitz für vorbildhaft. „Ich hätte mir eine solche Konstellation, wo man für jedes Thema eine Mehrheit suchen muss, auch auf Bundesebene gewünscht“, sagt der erklärte Gegner der großen Koalition. Schmitz stimmte selbst auch für die neuen SPD-Vorsitzenden Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken.

Herr Schmitz, weshalb engagiert sich ein junger Mensch heute in einer Partei, die von manchen schon für tot erklärt worden ist?

Michael Schmitz: Dafür gibt es viele Gründe. Ich bin durch meine Familie bedingt vorbelastet – nicht durch meine Eltern, sondern meinen Großvater, der im Raum Euskirchen auch im Rat aktiv war, oder meine Cousine, die sich dort bei den Jusos engagiert. Tatsächlich habe ich mich sehr lange schon mit dem Parteieintritt beschäftigt, was vielleicht auch daran liegt, dass ich in der Schule gute Lehrer hatte, die es geschafft haben, Interesse für Politik zu wecken. Ich bin zudem in einer Familie aufgewachsen, in der Geld oft knapp war. Meine Mutter hat ein zweites Mal geheiratet, ihr Mann hat alleine verdient und wir waren vier Kinder. Wenn es dann in der Schule um neue Bücher oder Klassenfahrten ging, merkt man das einfach. Das prägt ein Stück weit und war für mich auch immer der Antrieb, zu sagen: Bildung muss kostenfrei sein – bis zum Schluss.

Gibt es noch sozialdemokratische Vorbilder für eine junge Generation?

Schmitz: Ja, in meinem Fall ist das Martin Schulz. Als er Kanzlerkandidat wurde, war das für mich die Motivation, zu sagen: Jetzt trete ich ein! Sigmar Gabriel tatsächlich auch, selbst wenn es angesichts der jüngsten Berichte über ihn zuletzt etwas zwiespältig wurde.

Sie sind also ein Kind des „Schulz-Zuges“, der für ein paar Wochen phänomenal durch Deutschland rauschte?

Schmitz (lacht): Ja. Martin Schulz war für mich jemand, der sehr direkt sagte, was er denkt. Das habe ich vorher doch manchmal vermisst, egal bei welcher Partei. Das gilt in gewisser Weise auch für Gabriel. So etwas imponiert mir.

War es nicht traurig für Sie, zu erleben, wie Martin Schulz als Kanzlerkandidat schon bald nicht mehr gesagt hat, was er dachte? Weil er falsch offenbar beraten worden ist oder sich selbst ausgebremst hat?

Schmitz: Zumindest ist die Welle der Euphorie leider viel zu früh abgeebbt. Vielleicht ist er auch zu früh nominiert worden. Mit Sicherheit ist nicht alles optimal gelaufen.

Rund drei Jahre später führen Sie nun im Alter von 27 Jahren die Roetgener Sozialdemokraten – eine erstaunliche Entwicklung.

Schmitz: Es hat sich so ergeben. Nach einem ersten Gespräch mit der Vorsitzenden Janine Köster durfte ich bereits bei den ersten Fraktionssitzungen mitmachen und habe dabei auch sehr schnell gemerkt, dass den Leuten viel daran liegt, wenn ich meine Meinung einbringe. Und ich habe auch festgestellt, dass ich Entscheidungen, die wahrscheinlich anders getroffen worden wären, beeinflussen konnte, und bin deswegen auch am Ball geblieben. Weil ich etwas bewegen möchte.

Sie sind Bankkaufmann und damit bei der einstigen Arbeiterpartei SPD schon längst kein Exot mehr. Ist das auch ein Ausdruck des Wandels der Genossen?

Schmitz: Ja, aber in dieser Hinsicht hatten wir auch einigen Aufholbedarf. Stichwort: abgehängter Mittelstand, zu dem meine Mutter ja auch zählte. Wir haben viel für die ganz unten, aber auch die ganz oben getan. Die Mittelschicht haben wir dagegen in den vergangenen Jahren zunehmend verloren.

Womit wir beim Thema „soziale Gerechtigkeit“ wären, was ja so etwas wie der Markenkern der Sozialdemokratie ist. Steht die SPD noch dafür?

Schmitz: Ja, mich hat genau dieses Thema mobilisiert. Sonst kann ich mich auch mit vielen identifizieren, was die Grünen antreibt. Aber gerade bei den Themen Ökologie und Klimawandel muss man die Mittelschicht im Auge behalten. Diese Menschen können sich keinen Tesla kaufen, um damit zur Arbeit zu fahren, die dürfen wir nicht verlieren.

Macht es denn in diesen Zeiten überhaupt noch Spaß, ein Sozialdemokrat zu sein?

Schmitz: Man muss differenzieren zwischen der Bundesebene und dem, was wir auf kommunaler Ebene machen. Das sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Vor Ort macht es definitiv Spaß, weil ich merke, dass ich etwas erreichen kann. Wenn ich nur eintreten würde, um auf Bundesebene etwas zu verändern, kann man sicherlich sehr schnell den Spaß verlieren. Ich persönlich habe seinerzeit auch gegen die große Koalition gestimmt, weil ich glaube, dass uns diese als Partei nicht gutgetan hat. Ich hätte mir eher eine Konstellation wie hier in Roetgen gewünscht, wo es keine Koalition gibt und man für jedes Thema eine Mehrheit organisieren muss. Für unseren Bürgermeister ist das nicht einfach, aber es belebt die Debatten und die Demokratie. In Schweden wird das ja derzeit auch ganz erfolgreich praktiziert. Der Wähler kann so auch viel besser nachvollziehen, wofür die Partei steht, die er gewählt hat.

Sie sprechen die Situation im Roetgener Rat an. Die ist ja tatsächlich geprägt von oft sehr zähen, kontrovers geführten Debatten. Ist das spannend oder manchmal auch schlicht anstrengend?

Schmitz: Beides ist der Fall. Es gibt sicher Situationen, in denen man es nicht mehr nachvollziehen kann. Da wird in einer Bauausschusssitzung gefordert, die vorgelegten Pläne sollten doch bitte so weit ausgearbeitet sein, dass man etwas entscheiden könne. In der nächsten Sitzung wird dann von denselben Leuten kritisiert, dass man doch gerne mit einbezogen würde, wenn so detailliert geplant wird. Da frage ich mich: Was wollt ihr eigentlich?

Nennen Sie mal einen Namen.

Schmitz: Nein, die Roetgener wissen schon, wen ich da meine.

Als 27-Jähriger sind Sie in einer Sitzung des Bauausschusses schon in gewisser Weise ein Exot. Warum finden so wenig junge Leute den Weg in die Kommunalpolitik?

Schmitz: Dies ist ein Ehrenamt, das viel Zeit braucht. Wir haben jeden Montag Fraktionssitzung, einmal im Monat mindestens eine Ausschusssitzung. Wenn man alles mitbekommen wollte, müsste man an allen Sitzungen teilnehmen. Ich finde, da muss man auch andere Lösungen finden, um beispielsweise nicht jeden Montag in die Fraktion gehen zu müssen. Um den Druck rauszunehmen und den Einstieg ein bisschen leichter zu machen. Wir haben zudem in Roetgen sehr viele Vereine, die ein umfangreiches Angebot bieten. Das merke ich bei meinem anderen Ehrenamt, bei den Pfadfindern. Es gibt hier schon allerlei Konkurrenz unter den Vereinen um die jungen Leute, und Politik ist da vergleichsweise wenig sexy und vielmehr anstrengend.

Spürt man als junger Mensch eine große Verantwortung, wenn man zum Beispiel im Bauausschuss sitzt, in dem es um das künftige Erscheinungsbild des Ortes geht?

Schmitz: Natürlich, es ist ja unsere Aufgabe, die Dinge zu hinterfragen. Ich habe das aber nie so empfunden, dass das eine so große Herausforderung wäre, der man sich in meinem Alter nicht stellen könnte. Man muss es nur wollen.

Was reizt Sie an der Roetgener Kommunalpolitik besonders?

Schmitz: Eine große Herausforderung wird in Roetgen die Frage sein, wie wir etwas nachhaltiger und umweltfreundlicher wirtschaften können – ohne dass das auf Kosten derjenigen geht, die es schon jetzt nicht einfach haben.  Wir hatten dazu beispielsweise die Idee, zu klären, inwiefern sich die Tornadoschneise im Roetgener Wald für neue Windkraftanlagen eignet. Dort müsste man nicht extra abholzen. Die Ergebnisse der Voruntersuchung werden bald vorliegen. Außerdem bewegt mich die Frage, inwieweit wir hier in der Eifel junge Leute halten können. Wenn ich beispielsweise meine Großeltern in Hellenthal besuche, habe ich immer den Eindruck, dass dieser Ort langsam ausstirbt. Das müssen wir in Roetgen auf jeden Fall verhindern, der Ort muss für alle Generationen attraktiv sein und bleiben. Das ist eine große Herausforderung.

Dann spielt auch das Thema Wachstum eine große Rolle. Im Bauausschuss sind Sie mit dem Thema häufig konfrontiert.

Schmitz: Fakt ist: Wir haben nicht so viel Fläche, egal ob für Gewerbe oder für Wohnhäuser. Wir müssen deshalb gucken, dass wir nach innen hin verdichten, weil keiner eine Außenentwicklung haben möchte. Weil wir da begrenzt sind und auch kein Interesse haben, Natur zu verlieren. Wir möchten, dass neue Bürger hierher ziehen – aber vor allem auch, dass junge Roetgener hier bleiben können. Und dazu muss man ihnen auch bezahlbare Wohnungen bieten können. Wir brauchen vor allem für junge Leute und Alleinstehende viel mehr erschwinglichen Wohnraum.