Roetgen feiert die Befreiung von der Nazi-Diktatur vor 75 Jahren

Erste befreite Gemeinde : Roetgen feiert die Befreiung von der Nazi-Diktatur

„75 Jahre Freiheit“ ist gleichzeitig ein Kompromiss, der einen will und auch diejenigen mitnimmt, die sich mit dem Begriff der Befreiung auch 75 Jahre nach dem Einmarsch der US-amerikanischen Truppen schwertun.

„Roetgen wurde befreit. Und das wollen wir feiern!“, sagt Bürgermeister Jorma Klauss, der die immer wieder aufflammende Diskussion um den Begriff Befreiung schlicht „überflüssig“ findet. „Am Tag selbst mag man das natürlich anders wahrgenommen haben, aus heutiger Sicht gibt es aber keinen Zweifel daran. 75 Jahre später müssen wir über so etwas nicht mehr diskutieren.“

Die Vorstellung des Rahmenprogramms, an dem Vereine, Schulen, die Städteregion und die Kirchen beteiligt sind, will man am Mittwoch in Roetgen auch als einen Schlussstrich unter entsprechende Debatten der vergangenen Wochen verstanden wissen. Gemeinsam setzt die Gemeinde ein starkes Signal. „Wir machen mit diesem Festakt deutlich, dass wir als Bürger diese Freiheit feiern“, unterstreicht Klauss. Eine Freiheit, die nicht selbstverständlich sei, die immer wieder neu verteidigt werden müsse. „Es gibt heute Tendenzen, all das wieder infrage zu stellen. Umso wichtiger ist es, diese Veranstaltung unter genau dieses Motto zu stellen.“

Tatsächlich hat Roetgen allen Grund, an dieses Datum zu erinnern, ging die Eifelgemeinde seinerzeit doch in die Geschichtsbücher ein: Von Raeren-Petergensfeld aus erreichten US-Truppen am 12. September 1944 den Ort. „Es war nicht der erste Grenzübertritt von amerikanischen Soldaten, definitiv war Roetgen aber die erste befreite Gemeinde Deutschlands“, sagt Klauss. Der Festakt für geladene Gäste am Abend des Jahrestages wird deshalb auch mit starker Beteiligung der belgischen Nachbarn und des US-Konsulates vonstatten gehen.

Stemmen gemeinsam das Programm „75 Jahre Freiheit“: Monika Merz (von links), Jorma Klauss, Brigitte Palm, Gerhard Kristan, Angelika Paßen, Gabriele Roentgen, Wolfgang Merz, Uwe Breda und Rainer Hülsheger. Foto: Marco Rose

Neben feierlichen Reden werden Zeitzeugenberichte gezeigt, die die Filmwerkstatt Eifel derzeit aufzeichnet. Schülerinnen und Schüler der Grundschule Roetgen und der Gemeindeschule Raeren greifen das Thema Befreiung in einer Performance auf, Jugendliche von der Gesamtschule Aachen-Brand präsentieren das Ergebnis ihrer Nachforschungen im Aachener Stadtarchiv. „Diese Erinnerung ist notwenig, damit Kinder und Jugendliche die Zukunft gestalten können“, sagt Gabriele Roentgen vom Bildungsbüro der Städteregion Aachen, die das Projekt unterstützt.

An den Tagen vor und nach dem Festakt wird zudem ein Rahmenprogramm Heimatvereine und Kirchen der Gemeinde einbinden. „Es gibt in Roetgen eine Vielzahl engagierter Bürger, die diesen Anlass feiern wollen. Wir haben diese Aktivitäten gebündelt und ein umfangreiches Programm zusammengestellt“, sagt Uwe Breda, seit Februar Geschäftsführer der Roetgen-Touristik.

Den Auftakt macht eine Ausstellung des Heimat- und Eifelvereins Rott in der Filiale der Sparkasse in Rott. „Uns war bei der Gestaltung vor allem die Frage wichtig: Wie konnte das passieren? Wie konnte das deutsche Volk bei diesen Verbrechen mitmachen?“, sagt Rainer Hülsheger vom Heimatverein Rott. Dies habe schließlich „auch den Mikrokosmos von Roetgen und Rott“ betroffen. So wird sich die Ausstellung auf verschiedenen Schautafeln auch mit dem Vorgehen der Nazis gegen die Priester in beiden Ortsteilen widmen. Ausführlich wird das Schicksal eines NS-Opfers aus Rott dargestellt, das im KZ Buchenwald ums Leben kam.

Ein Höhepunkt des Programms ist die feierliche Enthüllung des Gefallenen-Denkmals an der Höckerlinie – unweit der Dreilägerbachtalsperre, direkt an der L 238. Stellvertretend für alle Opfer der Weltkriege soll an diesem historischen Ort an den US-Leutnant Richard S. Burrows und den deutschen Oberfeldwebel Heinrich Brunk erinnert werden, die beide bei den Kämpfen zur Befreiung Roetgens starben. Dazu werden Hinterbliebene des US-Offiziers anreisen.

Gestiftet wird das Denkmal vom Heimat- und Geschichtsverein (HeuGeVe) Roetgen, der dazu eigens das Westwallgrundstück angekauft hat. „Jeder soll sehen, was für ein Irrsinn es war, diesen Westwall zu bauen“, sagt Gerhard Kristan, Zweiter Vorsitzender des Vereins. Ein Konvoi von bis zu 14 historischen US-Fahrzeugen soll sich an diesem Tag von Belgien aus nach Roetgen aufmachen und an dem Denkmal Station machen. Aufgrund des zu erwartenden Menschenauflaufs will die Gemeinde die Verbindung von Roetgen und Rott für diesen Zweck sperren lassen.

Neben den lauten Tönen soll es aber auch leise und besinnliche Momente geben. Ein ökumenischer Gottesdienst mit dem Thema „Frieden geht anders!“ wird sich vor allem der Frage widmen, wie der seit 75 Jahren andauernde Frieden auf Dauer erhalten werden kann. „Frieden kann nur bei jedem Einzelnen beginnen“, sagt Angelika Paßen vom Leitungsteam der Pfarren St. Hubertus und St. Antonius. Und ihre Mitstreiterin Brigitte Palm ergänzt: „Es kommt auf die Gesinnung an – und da gibt es in diesem Land eine Entwicklung, die einen fassungslos machen kann.“

Apropos Frieden: Schließlich nutzt Bürgermeister Klauss die Vorstellung des Programms auch, um dem durch die Veröffentlichung eines Hitlerfotos („Das schöne Bild“) in die Bredouille geratenen HeuGeVe beizuspringen. Man sei nicht immer einer Meinung bei der Bewertung von Geschichte, gleichwohl schätze er die Aktivitäten des Heimatvereins außerordentlich. „Wenn Hauptamtler Fehler machen dürfen, dann gilt das umso mehr für Ehrenamtler. Ich würde niemandem in dem Verein ein falsches Geschichtsbild unterstellen.“ Der HeuGeVe hat die Irritationen nach der Veröffentlichung in seinem Mitgliedermagazin zum Anlass genommen, die Bildrubrik „Das schöne Foto“ künftig umzubenennen.

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