Inklusive Gruppe bereitet sich auf Simmerather Karnevalsumzug vor

Jecke Zeit : Inklusive Gruppe bereitet sich auf den Simmerather Karnevalsumzug vor

Karnevalsmusik bereits beim Eintreten, Bastelarbeiten und Nähmaschinen an den verschiedenen Tischen und lauter gut gelaunte Menschen mit vielen kreativen Kostüm-Ideen: So war das Bild beim Betreten des Roetgener Haus Loven, den Räumlichkeiten der Grenzlandjugend Roetgen.

Dort trafen sich nun rund 35 Jugendliche und Erwachsene mit und ohne Behinderung, die im diesjährigen Simmerather Karnevalsumzug am Tulpensonntag mit über 45 Mitgliedern wohl die größte Fußgruppe stellen werden.

Der Anlass ist ein inklusives Karnevalsprojekt in der Nordeifel. In Kooperation mit dem Jugendcafé Simmerath (Jugendaktiv Simmerath e. V.) und dem Helena-Stollenwerk-Haus Simmerath (Vinzenz-Heim Aachen gGmbH), einem Wohnheim für Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen, wird Lara Brammertz, Projektkoordinatorin von der Mobilen Jugendarbeit Nordeifel der Städteregion Aachen, am 3. März mit einer großen, inklusiven Gruppe am Simmerather Karnevalsumzug teilnehmen. Auch mit dabei sind einige Bewohner des Betreuten Wohnens Nordeifel sowie Besucher der Koordinierungs- und Kontaktstelle für Menschen mit Behinderung (KoKoBe).

Brammertz organisiert im Rahmen der Mobilen Jugendarbeit immer wieder Projekte, wie zum Beispiel das jährliche Backen in der Weihnachtszeit. Bei allen Aktivitäten ist ihr „der inklusive Ansatz sehr wichtig, damit alle Jugendlichen unter einen Hut gebracht werden“. Daher sei das Besondere an dem Projekt, wie bereits in den Jahren 2015 und 2016, die große Beteiligung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen mehrerer Einrichtungen der Offenen Jugendarbeit und der Behindertenhilfe.

„Das gemeinsame Projekt hat erkennbar Barrieren beseitigt und Berührungsängste genommen – sowohl im Denken und Empfinden, als auch ganz praktisch durch die Zusammenarbeit und den Karnevalsumzug. Die Begegnungen während der Vorbereitung haben es ermöglicht, Vorurteile spielerisch abzubauen und gezeigt, wie Inklusion im Alltag funktionieren kann“, erklärt Lara Brammertz. Man könne sich so auf andere Menschen einlassen, ihnen mit Empathie begegnen und gemeinsam im Team arbeiten. Zudem habe das Projekt durch die Förderung von kreativen Ideen und dem Erweitern von praktischen Fertigkeiten einen pädagogischen Wert und stärke durch die lange Projektdauer das Durchhaltevermögen.

„Die Teilnahme am Karnevalszug ist eher das i-Tüpfelchen, das Finale des Projekts. Entscheidend war die Vorarbeit, da hier gemeinsam in der Gruppe etwas umgesetzt wurde und viele Kontakte geknüpft wurden“, betont Brammertz. Vor dem Zug seien die meisten natürlich sehr aufgeregt, aber „es ist auch ein Traum von vielen, der in Erfüllung geht“. „Am Tag des Zuges treffen wir uns zunächst um 11 Uhr zum Schminken und den letzten Vorbereitungen, bevor wir zur Aufstellung gehen und selbstverständlich auf gutes Wetter hoffen“, so Brammertz weiter.

Zwar beginnt die „jecke Zeit“ für manche bereits im November und einige Sitzungen oder Kostümbälle haben bereits stattgefunden, aber der Höhepunkt der Session steht unmittelbar bevor. Von Donnerstagvormittag bis inklusive Veilchendienstag werden auch die Eifeler Karnevalshochburgen, ob in Lammersdorf, Kesternich oder Rurberg, wieder fest in der Hand der feiernden Jecken sein. Um den Karnevalsfeten oder Umzügen ein buntes Bild zu verleihen, wird sich unter anderem auch diese bunt gemischte Grupppe beim Karnevalsumzug am Tulpensonntag in Simmerath bemühen und diesen mit rund 45 Personen verstärken.

„Das Projekt hat mit den ersten Planungsschritten sowie darauffolgenden Planungstreffen bereits im November begonnen und seitdem haben wir uns regelmäßig dienstags und freitags im Jugendcafé Simmerath getroffen, um die Kostüme zu basteln, zu nähen und zu dekorieren“, erklärt Brammertz. Hier konnte jeder sich mit seinen Fähigkeiten, Möglichkeiten und Ideen einbringen. Verarbeitet wurden hauptsächlich Stoff, Schaumstoff und Pappmaché. „So wurden die Menschen miteinander in Kontakt gebracht, es wurden Kontakte geknüpft und durch die gemeinsame Arbeit ist ein Miteinander entstanden“, berichtet Brammertz. Abgerundet werden soll das insgesamt sechsmonatige Projekt mit einem großen Nachtreffen im April, bei dem gemeinsam Fotos aus der Projektzeit angeschaut werden.

Aber damit zunächst einmal der Auftritt beim Zug von A bis Z nach Plan läuft, hat Brammertz gemeinsam mit den Jugendlichen ein großes Vortreffen mit Kostümprobe auf die Beine gestellt, das nun im Roetgener Haus Loven stattfand. Bei passender Karnevalsmusik, einigen Getränken und Leckereien wurde an allen Tischen fleißig gebastelt, geklebt und genäht, und jeder der rund 35 Anwesenden hatte sichtlich Spaß. Fast die komplette Gruppe sowie die Kooperationspartner kamen erstmals zusammen, lernten sich kennen und die bisherigen Arbeiten wurden vorgestellt. Zudem standen die Besprechung des Ablaufes beim Zug sowie eine erste Anprobe der Kostüme an.

„Ich war vor über acht Jahren zum ersten Mal beim Jugendcafè in Simmerath, habe dann eine Pause gemacht und bin jetzt seit sechs Monaten wieder regelmäßig dabei“, sagt Andreas Lüpschen aus Kesternich. „Man macht viel mit anderen Leuten, lernt neue und auch hilfsbereite Leute kennen und es entsteht ein cooles Team“, so der 21-Jährige, der bei vielen Aktionen der Gruppe mit dabei ist. „Ich gehe zwar zum ersten Mal in einem Zug, aber ich verspüre eher Vorfreude als Nervosität“, erklärt er, bevor er sich wieder dem Basteln des Panzers seines Kostüms widmet.

Auch ein Motto hat sich die Gruppe natürlich schon überlegt. Es lautet „Mario Kart – die bunte Gruppe ist wieder am Start“. Die Teilnehmer werden die verschiedenen Figuren des Nintendo-Spiels darstellen. Begleitet wird die Gruppe, die nach 2015 und 2016 bereits zum dritten Mal im Simmerather Karnevalsumzug mit von der Partie ist, in diesem Jahr nicht von einem selbst gebauten Wagen, sondern vom „Jumonofel“, dem Jugendmobil Nordeifel der Städteregion Aachen. „Dieses Motto war schon länger der Wunsch der Gruppe und jetzt haben sie die Chance mitzugehen. Es wird mit Sicherheit ein tolles Erlebnis für die Gruppe, wenn sie auch einmal etwas zurückgeben kann“, sagt Brammertz strahlend.

Eine Besonderheit sind insgesamt sechs Rollstuhlfahrer, die ebenfalls Bestandteil der Gruppe sind. „Mit Rollstühlen ist es zwar immer etwas problematisch, aber wir haben mit Maschendraht und Kaninchenzaun eine Karosserie für die Rollstühle gebaut, die aus vier bis fünf Einzelteilen besteht“, erklärt Constantin Boitz vom Simmerather Helena-Stollenwerk-Haus. So soll das Motto der Gruppe verdeutlicht werden und die Rollstühle sollen sozusagen die „Rennwagen“ darstellen.

Die Planung des Projektes sei alles in allem relativ unkompliziert gewesen, da es unter den Beteiligten relativ viele „Wiederholungstäter“ gebe. Besonders über einen Aspekt freut Lara Brammertz sich: „Sozial benachteiligte Jugendliche und Menschen mit Behinderungen waren aktiv in das Geschehen eingebunden, haben hohe Wertschätzung und Anerkennung erfahren und konnten so ihr Selbstbewusstsein stärken.“

Während alle konzentriert bei den Vorbereitungen sind, macht sie plötzlich eine Ansage: „Was müsst ihr denn nächste Woche immer rufen, wenn wir im Zug mitgehen?“ Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten und ertönt gleich mehrfach wie aus einem Mund: „Simmerath Alaaf!“. Die Generalprobe für die 4,5-Kilometer lange Zugstrecke ist schon einmal gelungen.

Mehr von Aachener Nachrichten