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Kommentar zum Pflegeheim: Eine Koalition der Mutlosen

Kommentar zum Pflegeheim : Eine Koalition der Mutlosen

Eine große Koalition im Roetgener Gemeinderat setzt trotz aller Probleme und Verzögerungen in den vergangenen vier Jahren weiter auf das Konzept eines zentralen, großen Pflegeheims im Ort. Und damit auch auf den umstrittenen Großkonzern Alloheim und seine hiesige Tochter, die Itertalklinik. Es ist eine Koalition der Mutlosen.

Neue Ideen für eine zeitgemäßere Pflege gibt es inzwischen viele. Auf Antrag der Grünen soll sich künftig ein Runder Tisch mit genau diesen beschäftigen. Man will mit Betroffenen, Ehrenamtlern und Wissenschaftlern diskutieren, wie Pflege in Roetgen künftig aussehen kann – eine gute Sache, sofern sie nicht nur der Ablenkung und Beschwichtigung dient.

Denn gleichzeitig wird mit der Erweiterung des Pflegeheims an der Jennepeterstraße das bestehende System zementiert. Es ist ein System, von dem die Besucher im Gemeinderat am Donnerstagabend viel aus eigener Erfahrung berichten können. Angehört wurden sie nicht. Besonders für die Sozialdemokraten dürfte sich das noch bitter rächen. „Ich bin heute gekommen, um zu sehen, ob ich nicht falsch gewählt habe“, sagt eine examinierte Pflegekraft. Man braucht keine hellseherischen Fähigkeiten, um zu wissen, wen sie meint.

Zur Ehrenrettung der lokalen Politik muss man betonen, dass viele Probleme, die in deutschen Pflegeheimen herrschen, von der Bundespolitik zu verantworten sind. Wenn unsere Heime für internationale Finanzinvestoren so interessant sind, weil man damit Milliarden machen kann, dann stimmt etwas nicht in diesem Land.

Finanz-Heuschrecken verdienen sich eine goldene Nase, weil sie Pflegekräfte nicht mehr nach Tarif bezahlen müssen. Weil wir uns mit niedrigen Standards bei der Pflege unserer Eltern und Großeltern zufrieden geben. Weil wir glauben, alles privatisieren zu können und zu müssen. Doch das ist ein Trugschluss. Pflegeheime dürfen keine Spekulationsobjekte werden. Das sind sie aber längst.

Warum hätte ausgerechnet eine kleine Gemeinde den Mut haben sollen, sich diesem tatsächlich menschenunwürdigen System ein kleines bisschen zu widersetzen? Weil sie über das Baurecht einen Hebel hat, zumindest einen gewissen Rahmen zu setzen. Und weil es bei unseren europäischen Nachbarn viele positive Beispiele gibt, die zeigen, dass es auch anders geht. Die Chance wurde vertan.