Altes Wohnhaus an der Roetgener Hauptstraße abgerissen

Tornado hinterließ irreparable Schäden : Ein Haufen voller Erinnerungen in Roetgen

Der Tornado, der im März dieses Jahres durch die Eifel zog, hinterließ irreparable Schäden in Roetgen. Ein altes Wohnhaus an der Hauptstraße muss nun abgerissen werden. Damit gehen auch viele Erinnerungen verloren.

Das war kein schöner Anblick für Günther Johnen und seine Tochter Silvia Bourceau, als sich am Dienstagmorgen die Zähne der großen Baggerschaufel durch die Fassade des Hauses an der Hauptstraße fraßen. Doch leider gab es für das über 100 Jahre alte Roetgener Haus keine Rettung mehr: Zu groß und elementar waren die Schäden, die der Tornado am 13. März dieses Jahres an weiten Teilen des Dachs und beider Geschosse hinterlassen hatte.

Um genau 16.26 Uhr hatte der verheerende Sturm, der sich nach Aussage der Meteorologen „in nachfrontalem stürmischem Schauerwetter westlich von Roetgen gebildet“ hatte, an diesem Tag die Ortslage an der Hauptstraße erreicht. „Da hinten sieht man noch heute den Wald, wo der Sturm viele Bäume wie Streichhölzer abgeknickt hat“, deutet Silvia Bourceau, im Garten ihres Hauses stehend, auf den Bereich Münsterbildchen. Nach dem Wäldchen aber habe der Tornado seine Zugbahn plötzlich verändert, einen Haken geschlagen und sei „direkt auf unsere Häuser zugekommen“, erinnert sie sich. Was dann geschah, ist bekannt: Der Wirbelsturm raste mitten durch die Bebauung an der Hauptstraße, an der Rotter Gasse und am Kuhberg und hinterließ eine Schneise der Verwüstung. 38 Häuser waren schlussendlich von den schweren Schäden betroffen, etwa die Hälfte war unmittelbar nach dem Sturm unbewohnbar, der Schaden liegt im hohen zweistelligen Millionenbereich.

An vielen Häusern im „Tornadogebiet“, wie es damals getauft wurde, begannen schon kurz nach dem großen Aufräumen mit vielen fleißigen und freiwilligen Helfern die Reparaturarbeiten. Vor allem Dachdecker aus der ganzen Region gaben sich im Frühjahr in Roetgen die Klinke in die Hand und nahmen die Hauptstraße in Beschlag, die in diesen Tagen zum Ziel einer seltsamen Art von Sensationstourismus wurde.

So sah das Haus an der Roetgener Hauptstraße am Abend des 13. März 2019 aus. Der Tornado war mitten durch das Gebäude getobt und benötigte nur wenige Sekunden, um die Arbeit aus über 100 Jahren zu zerstören. Foto: Heiner Schepp

Heute, gut sieben Monate danach, sehen viele Häuser und Dächer hier wieder gut, ja oft neuwertig aus. „Das ist aber nur der äußere Schein“, ist Günther Johnen überzeugt, und die nach wie vor vielen Firmenfahrzeuge hier in der unteren Hauptstraße bestätigen seine Aussage: „Da wird innen drin immer noch sehr viel gearbeitet“, hat er von den Nachbarn erfahren und deutet auf das große Wohnhaus vis-a-vis: „Da wohnt eine Familie mit drei Kindern, die erst vergangenes Wochenende wieder eingezogen ist“, sagt Johnen.

Auch an diesem Haus neuerer Bauart hatte der Sturm enorme Schäden hinterlassen – so wie an beiden Häusern der Familie Johnen gegenüber. Doch während man das Wohnhaus der Johnens und Bourceaus mit Unterstützung der Gebäudeversicherung inzwischen weitgehend hat wiederherstellen können, war dies für das Haus Nr. 159 nicht möglich. „Wir wollten eigentlich das Haus ab Decke Erdgeschoss komplett wieder aufbauen. Doch die Vorgaben der neuen Wärmeschutzverordnung und vor allem die Statik haben dies nicht zugelassen“, berichtet Silvia Bourceau. Für die Neuerrichtung hätte ein sogenannter Ringanker auf die Deckenkonstruktion des Erdgeschosses aufgelegt werden müssen, doch dies bewertete der Gutachter der Versicherung als zu risikoreich und plädierte für Abriss und Neubau.

Dies wird nun in den nächsten Wochen und Monaten geschehen. Am Montag wurde mit dem Abriss begonnen, der vom Fachunternehmen vor allem viel Sortierarbeit fordert. „Es tut schon weh, das zu sehen, weil wir sehr viel Arbeit, Geld und Liebe in dieses Häuschen gesteckt haben und unendlich viele Erinnerungen bis zurück in meine Kindertage damit verbinden“, erzählt Johnen (78) und erinnert sich nicht nur an das Jahr 1957, als man „mit fünf Mann und bloßen Händen“ nachträglich den Keller ausgeschachtet habe. Auch Silvia Bourceau und ihr Mann Tom lebten hier in den ersten Jahren ihrer jungen Familie, ehe es nach dem vierten Kind zu eng wurde und man das Nachbarhaus bezog.

Sowohl für Günther Johnen wie auch für seine Tochter Silvia war das Haus an der Hauptstraße ihr Elternhaus – verbunden mit entsprechend vielen Erinnerungen. Foto: Heiner Schepp

Wann genau das Haus errichtet wurde, lässt sich leider nicht mehr nachvollziehen. „In jedem Falle ist es eines der ältesten in Roetgen überhaupt“, ist Günther Johnen überzeugt, dessen Mutter bis weit in die 90er Jahre ohne Gasheizung und nur mit einem alten Bollerofen heizend hier lebte. Das hohe Alter sah man dem Gebäude übrigens auch wegen der vielen Verschönerungen und Erweiterungen kaum an, da das alte Fachwerk irgendwann, dem damaligen Trend der Zeit folgend, unter einer Klinkerfassade verschwand.

Am Dienstag, als sich der Bagger an der Fassade zu schaffen machte, trat sie für ein paar Stunden wieder ans Tageslicht, die eifeltypische Holzkonstruktion, die so viele Jahrzehnte lang mehreren Generationen buchstäblich ein Dach über dem Kopf gegeben hatte. Bis zum 13. März 2019.

Ein Bild aus den Kindertagen von Günther Johnen (re.), hier mit seiner Schwester. Es zeigt die Kinder genau in der gleichen Ansicht vor dem Elternhaus. Foto: Heiner Schepp
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