Roetgen, Simmerath und Monschau: Borkenkäfer bedroht Fichten im Wald

Milder Winter günstig für Schädlinge : Borkenkäfer macht Wälder der Nordeifel unsicher

Der Borkenkäfer hat den recht milden Winter gut überstanden – leider. Wie der Landesbetrieb Wald und Holz NRW kürzlich mitteilte, sind landesweit nur rund 9 Prozent der Fichtenschädlinge dem Winter zum Opfer gefallen. Der Rest wird bald aktiver und verbreitet sich weiter. In der Nordeifel schauen die Förster mit bangen Augen in die Zukunft.

„Bei dem Anblick weint doch das Herz“, sagt Klaus-Jürgen Schmitz, Förster des Stadtwaldes Monschau. Mit dem Kopf im  Nacken schaut er eine alte Fichte an. Er kann den Himmel sehen, denn die Fichte trägt kaum noch Nadeln, die Rinde blättert ab. „Der Baum hätte rund 300 Euro gebracht, jetzt vielleicht nur noch 50.“ Todesursache: der Borkenkäfer, genauer: der Buchdrucker.

Und der Baum, vor dem Schmitz steht, ist nicht das einzige Opfer im Monschauer Wald. Im vergangenen Jahr wurden 20 Festmester befallenes Holz geschlagen, laut Schmitz. Bisher habe man bereits 2000 Festmeter aus dem Wald geholt. „Da wir aber jährlich insgesamt um die 10.000 Festmeter Holz einschlagen, ist das Verhältnis noch im Rahmen“, sagt der Förster in Bezug auf das sogenannte Kalamitätsholz.

Der Monschauer Stadtwald besteht zu 80 Prozent aus Fichten. Etwa die Hälfte sei gestresst, also unter anderem aufgrund der langen Dürre und Hitze vergangenen Jahres in Mitleidenschaft gezogen worden. „Wenn die Borkenkäferpopulation problemlos in das Frühjahr kommt, gibt es eine Katastrophe, die Fichten können den Angriff nicht abwehren.“

Die Borkenkäferpopulation ist relativ gut durch den Winter gekommen und richtet nicht nur in Monschau erhebliche Schäden an. Foto: ZVA/Anne Schröder

Der natürliche Abwehrmechanismus der Fichten, in dessen Rinde sich die Weibchen zu Paarung einnisten und ihre Larven in angelegten Gängen legen, gelingt mit dem Harz. Damit können die Nadelbäume die Schädlinge eigentlich ersticken. Aber ohne genügend Wasser bilden sie kein oder zu wenig Harz.

Ein bis zwei Generationen der Käfer gibt es normalerweise in einem Jahr. 2018 waren es drei bis vier Generationen, die gewütet haben. Entsprechend kritisch könnte der Befall in diesem Jahr sein. Eine derartige Bedrohung für den Wald habe Schmitz bisher noch nicht erlebt. Die Angst ist da, die Hoffnung aber auch, denn es sei noch nicht abzusehen, wie groß der Schaden tatsächlich werde. Erst in etwa zwei Monaten könne man das Ausmaß einschätzen.

Wenn die Temperaturen milder werden (ab etwa acht Grad), wird der Käfer munter und fliegt aus, kann sich noch weiter verbreiten. Als Maßnahme gegen den Buchdrucker bleibt nur, das Kalamitätsholz so schnell wie möglich aus dem Wald zu holen, befallene Fichten zu fällen und wegzuschaffen, um den Borkenkäfern keine weiteren guten Lebensbedingungen zu verschaffen. „Umso ungünstiger sind Orkane wie im Moment“, sagt Schmitz. Solche extremen Stürme kämen in den vergangenen Jahren immer häufiger vor, was den Kampf gegen den Käfer wie eine Sisyphusarbeit wirken lässt. „Im Gegensatz zu anderen Wäldern gibt es hier noch Fichtenbestand. Zurzeit haben wir zum Glück vergleichsweise noch nicht die riesigen Mengen an Befall, wir müssen gucken, was die Zukunft bringt.“

Roetgens Gemeindeförster Wolfgang Klubert befürchtet „Schlimmes.“ Im vergangenen Jahr habe man noch Glück gehabt und rund 1200 Festmeter befallenes Holz verzeichnet. Ein normaler Wert, denn es habe fast keinen Windwurfanfall gegeben, der in dieser Summe bereits enthalten ist. Regulär schlägt die Gemeinde rund 6000 bis 7000 Festmeter (gesundes) Holz ein. „Bisher haben wir in diesem Jahr rund 600 Festmeter Fichtenkäferholz eingeschlagen. Im Verlaufe des Jahres kommen bestimmt noch einmal 1000 Festmeter obendrauf. Auch das wäre noch im Rahmen“, sagt Klubert. Allerding sei dies nur eine Schätzung, die von vielen Faktoren abhinge. Die Schäden des Tornados sind darin noch nicht erfasst. Damit der Borkenkäfer die Zahl nicht in die Höhe treibt, muss man schnell reagieren.

Rind mit der Hand entfernen

Das weiß auch der Roetgener Förster. Man ist daher im Wald, der zu 70 Prozent aus Fichten besteht, dazu übergegangen, die Stämme per Hand mit einem Schälmesser zu entrinden. „Dadurch entstehen zwar doppelte Kosten im Vergleich zum Einsatz mit einer Schälmaschine, aber die Vorteile überwiegen. Die Stämme, an die die Käfer nicht gehen, können im Wald liegen bleiben und dann erst bei trockenem Wetter geholt werden, was weniger Schaden anrichtet.“

Weil sich die Fichtenschädlinge in die Rinde einnisten, um Larven zu legen, stirbt ein von der Dürre gestresster Baum langsam ab. Foto: ZVA/Anne Schröder

Wenn man die Käfer noch im weißen Stadium vor der Verpuppung erwischt, sei dies besonders vorteilhaft. Vier Arbeiter sind mit der Entrindung beschäftigt, wenn das Wetter dies zulässt. Alle seien sehr bemüht, den sogenannten „Sammelhieb“ schnell zu erledigen, also befallenes Holz zu erkennen, die Bäume und die angrenzenden Fichten einzuschlagen und aus dem Wald zu rücken.

Der Simmerather Gemeindeförster Dietmar Wunderlich spricht von einem „großen, dicken blauen Augen“, mit dem man im vergangen Jahr davon gekommen ist. 62 Prozent der Bäume sind Fichten. „Es schmerzt zu sehen, wo der Käfer war. Die Bäume in den entstandenen Lücken sind natürlich wiederum umso anfälliger für den Wind“, sagt er. Aber die freien Flächen werden größtenteils schon bepflanzt und aufgeforstet.

Ihm fällt es schwer, eine Prognose bezüglich der Borkenkäferschäden für das Jahr abzugeben. „Das ist natürlich alles spekulativ. Generell bin ich ein positiv denkender Mensch. Der absolute Katastrophenfall wären 10.000 Festmeter Kalamitätsholz.“ Das entspricht der regulär jährlich geschlagenen Menge an Holz, von dem etwa 5.000 Festmeter hälftig aus Kalamitäts- und Windwurfholz bestünden.

Seit 2018 wurden etwa 6000 Festmester Käferholz eingeschlagen, es könnten weitere 6000 bis Jahresende folgen. Das Holz sei bisher größtenteils eingeschlagen und weggetragen, die Speditionen würden schnell arbeiten und beliefern zügig die Sägewerke. Diese sind derzeit voll mit Fichtenholz, denn das Käferholz, das zwingend aus dem Wald muss, hat derzeit Vorrang in den Werken. Die Folge: Der Preis fällt. Der Preis für Fichtenstammholz ist laut Klubert um fünf bis zehn Euro je Festmeter im Vergleich zum Vorjahr gesunken.

Aus Solidarität mit anderen, stärker betroffenen Waldbesitzern, verzichten die Förster darauf, gesunde Fichten einzuschlagen und planmäßige Durchforstungen zu betreiben.

Damit ist natürlich auch die Hoffnung verbunden, dass sich die Marktlage im zweiten Halbjahr entspannt. „Es gibt kein Allerheilmittel gegen die angespannte Lage im Wald“, sagt Simmeraths Förster Wunderlich. „Wichtig ist es, dass man sich breit aufstellt und stabile Bäume pflanzt.“ Damit meint Wunderlich nicht nur Laubbäume, um einen gesunden Mischwald anzustreben, sondern auch Alternativen zur für uns wichtigen Fichte pflanzt, wie beispielsweise die Douglasie. Es geht darum, das Risiko abzufangen und auch in Hinblick auf den Klimawandel entsprechend zu reagieren.

Jetzt hoffen die Förster, dass das Wetter auf ihrer Seite ist, damit es im nächsten Jahr noch einen Wald gibt. Sie wünschen sich einen nassen, kalten, ungemütlichen und verregneten Sommer.

„Ideal wäre es jetzt noch, wenn sich wärmere Tage mit kalten, feuchten abwechseln. Dann wächst ein Pilz, der den Borkenkäfern schadet“, sagt Schmitz. „Das kann uns noch helfen. Bis dahin heißt: es Ruhe bewahren.“

Mehr von Aachener Nachrichten