Prominente Experten beim Fußball-Talk des FC Imgenbroich

90 Minuten rund um den Ball : Spannende Einblicke hinter die Kulissen

„Der Bundestrainer hat sich 2014 bei der Weltmeisterschaft vercoacht. Außerdem sind wir in Brasilien nicht wegen, sondern trotz Jogi Löw Weltmeister geworden.“ Und: „Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ist doch kein Ausbildungsverein.“ Wer sich mit seiner Kritik soweit aus dem Fenster lehnt, muss es wissen.

Solche klaren Worte fanden am Samstagabend in Imgenbroich zwei bundesweit als fachkundig anerkannte Fußball-Experten: WDR-2-Radio-Reporter Stephan Kaussen und Sportjournalist Pit Gottschalk (u. a. Sport-Bild Hamburg, Abendzeitung München).

Die beiden aus der Region stammenden Fußballverrückten bildeten gemeinsam mit Ex-Bundesliga-Profi Kai Michalke ein wortgewandtes und top-informiertes Trio, das auf der Bühne des Bürger-Casinos für 90 kurzweilige Minuten (plus Nachspielzeit) rund um das ewig reizvolle und kontroverse Thema Fußball sorgte. Eingeladen zu diesem ganz besonderen Fußball-Talk, pünktlich zur traditionsreichen Sportschau-Zeit um 18 Uhr, hatte der FC Imgenbroich. Rund 80 große und kleine Fußballfreunde folgten der Einladung, die zunächst einmal über die professionell ausgestattete TV-reife Talkbühne mit echter Stadionatmosphäre staunten. Das äußere Bild korrespondierte später dann auch mit dem Inhalt der lockeren Gesprächsrunde, die manchen aufgeblähten TV-Talk locker ins Abseits stellte.

Ein weiterer Anlass für die Fußballrunde war auch das soeben neu erschienene Buch „Kabinengeflüster“ von Pit Gottschalk. Darin geht es um die „verrückten Erlebnisse“ des Fußballreporters. Der Autor hatte aber, womöglich überwältigt von den starken Gefühlen, wieder einmal in der geliebten Heimat zu sein, glatt vergessen, die neue Publikation mitzubringen, so dass die wenigen vorrätigen Exemplare schnell vergriffen waren. Der FC Imgenbroich will nun mit einer Sammelbestellung nachlegen.

Freudige Erwartung herrschte im Bürger-Casino als Initiator Björn Schmitz vom Vorstand des FC Imgenbroich und das eingespielte ortsansässige Moderatorenteam, Filmautor Dirk Neuß und Journalist Heiner Schepp, nach einer kurzen Aufwärmphase den Ball freigaben. Gleich zu Beginn ließ Pit Gottschalk, der sein journalistisches Handwerk bei der Tageszeitung in der Eifel lernte, sein Talent als Geschichtenerzähler mit einer Anekdote aus Jugendtagen aufblitzen, als er noch für den FC 13 Roetgen in der Bezirksliga das Tor hütete und in einem „legendären Derby“ gegen den SV Rott wesentlich zum Klassenerhalt seines Vereins beigetragen habe. Nicht minder unterhaltsam war die erste Leseprobe aus „Kabinengeflüster“, als Gottschalk von einer verlorenen Wette gegen Fußball-Weltmeister Andreas Möller erzählte, der ihm zehn Elfmeter in Folge in die Maschen drosch, was aber seinem Selbstbewusstsein keinen nachhaltigen Schaden zufügte.

Ausverkauft: Rund 80 große und kleine Gäste erlebten auf Einladung des FC Imgenbroich einen spannenden Fußball-Talk im vollbesetzten Bürger-Casino. Foto: Peter Stollenwerk

133 Mal spielte Kai Michalke für den VfL Bochum in der 1. und 2. Liga, aber in der Region genießt er deutlich mehr Popularität als Spieler von Alemannia Aachen, der am Tivoli eine der spektakulärsten Phasen der Schwarz-Gelben erlebte, als der Club im Europapokal international unterwegs war. Michalke, der ein „Ömscher Mädche“ geheiratet hat, zeichnete in seinen Schilderungen das Bild eines Fußballprofis, dessen Horizont nicht an der Seitenlinie endet. Der Offensivspieler, der sogar ein Wechselangebot zum großen FC Bayern ausschlug, erzählte über die Bedeutung der Nachwuchsarbeit, Vereinstreue, Fankultur und Bodenständigkeit.

„Zuviel Kohle tut dem Fußball nicht gut“, konstatierte Stephan Kaussen, der damit nicht auf die Revierclubs abzielte, sondern auf die Maßlosigkeit in der Szene. Auch Kaussens Karriereweg begann in der Region – als Bezirksligaspieler für den SV Eilendorf. Später brachte er es zum Stadionsprecher bei Borussia Dortmund, doch ein Bundesligaverein, der an die Börse geht und der schier unüberwindbare Fan-Hass zwischen dem BVB und Schalke 04 war irgendwann nicht mehr seine Welt. Mit pointierter Kritik sparte Kaußen auch nicht beim Thema Nationalmannschaft. Der spektakuläre Kaderumbruch durch die Ausmusterung der einstigen Stammkräfte Boateng, Hummels und Müller ist derzeit in ganz Deutschland und selbstverständlich auch in Imgenbroich ein Thema, das emotional diskutiert wird. „Etwas überzogen“ sah Kai Michalke die Entscheidung des Bundestrainers gegenüber den drei Spielern, „die im Verein noch ihre Leistung bringen“, andererseits habe er aber auch Verständnis für Löw. Für Stephan Kaußen stellte sich die Frage, warum nicht auch Toni Kroos ausgebootet werde, und Pit Gottschalk hielt fest, „dass Müller seit drei Jahren schlecht spielt“. Er wisse „aus erster Hand“, dass es derzeit nicht um Ergebnisse gehe, sondern darum, „dass jetzt die Weichen für den Neuaufbau der Nationalmannschaft für die Turniere 2020 und 2022 gestellt werden“.

Aufmerksame Stille herrschte auf den Rängen im Bürger-Casino, als Gottschalk weitere Kapitel aus dem „Kabinengeflüster“ vortrug. Da erfuhren die Zuhörer, wie es einem jungen Reporter aus der Eifel ergeht, der an die Säbener Straße nach München kommt, wo der schier übermächtige FC Bayern residiert, und wie man sich fühlt, wenn Uli Hoeness süffisant die adrette Kleidung des Reporters lobt. Pit Gottschalk erzählte auch von vielen persönlichen Begegnungen mit Franz Beckenbauer, „über den viele andere vorschnell urteilen“.

Wie im Flug verging die Zeit, und die Gäste quittierten den gelungenen und kurzweiligen Abend, angereichert mit neuem Insider-Wissen, mit viel Beifall für die tolle Runde.

Ausgerechnet Imgenbroich war der erste Ort für eine Lesung aus dem neuen Buch. „Das bedeutet mir sehr viel“, sagte Pit Gottschalk im Gespräch mit der Lokalredaktion. In den nächsten Wochen stehen weitere Lesetermine in Dresden, Bochum und Hamburg an. Der Eifel ist Gottschalk immer noch treu. Im Oktober feierte der 50-Jährige mit den Schulkameraden vom Monschauer St.-Michael-Gymnasium den 30. Jahrestag des Abiturs. Berührt zeigte er sich auch davon, dass beim Fußball-Talk in Imgenbroich auch einige Weggefährten des FC 13 Roetgen ihre Aufwartung machten: „Das ehrt mich“, sagte Pit Gottschalk in aller Bescheidenheit. „Diese Leute haben mich schließlich zum Fußball gebracht.“

(P. St.)
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