Nordeifel: Plötzlich gab es keine Nazis mehr

Nordeifel: Plötzlich gab es keine Nazis mehr

Als sich die deutschen Truppen 1945 an allen Fronten zurückziehen mussten, trafen sich die Alliierten Anfang Februar 1945 auf Jalta, um sich auf ihre Nachkriegspolitik festzulegen.

Zwei Aufgaben erklärten sie dort für „unverhandelbar”: Bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht und Ausrottung des Nationalsozialismus. Zu dieser Zeit hatten amerikanische Truppen im Raum Aachen - Monschau bereit einige Kilometer Feindesland erobert. Noch ehe die erste deutsche Nachkriegszeitung, die „Aachener Nachrichten”, mit der Schlagzeile „Der Krieg ist aus” erscheinen konnte, hatten speziell ausgebildete US-Offiziere mit der Umerziehung, der „Reeducation”, der Deutschen begonnen, und je weiter die Alliierten ins Reich vorstießen, desto größer wurde das Umerziehungsgebiet. Zuhauf würde man die Parteigenossen (PG) aufzustöbern und die „Wehrwölfe” niederzukämpfen haben, waren die Umerzieher überzeugt. Aber die Wirklichkeit sah anders aus.

Die Hauptkriegsverbrecher erwarteten in Nürnberg ihren Prozess, ansonsten jedoch hatte kaum ein Deutscher mit den Nazis sympathisiert. Das änderte sich erst, als auf Fragebögen anzukreuzen war, ob man der Partei oder einer ihrer Organisationen angehört habe und gewarnt wurde, dass jede falsche Antwort schwere Strafen nach sich ziehen werde. Wer unter „Ja” sein Kreuzchen machen musste, war seine berufliche Position los. So wurden die „kleinen Fische” massenhaft geangelt.

„Die Kleinen hängt man...”

Wer in den ersten Nachkriegsmonaten als Exnazi oder Militarist enttarnt wurde, hatte Pech gehabt. Die schweren „Fälle”, die wegen zu erwartender harten Strafen zu warten hatten, kam schließlich „ungeschoren” davon, und das Volk ärgerte sich: „Die Kleinen hängt man...” Die Umerziehungs-Offiziere wurden massenhaft fündig, auch in der Eifel, nicht zuletzt dank der Informationen, die ihnen von deutscher Seite zugespielt wurden und die der Monschauer Bürgermeister Walter Scheibler mit dem Satz kommentierte: „Es blüht die Denunziation”.

Der Fall eines „alten Kämpfers” ist ein Beispiel dafür. Gleich auf zwei Fragebögen hatte er angegeben, nie Parteigenosse gewesen zu sein. Sein Pech war es, dass er auf Parteilisten verzeichnet war, die der Militärverwaltung zugespielt worden waren. Aber der Übeltäter gab noch nicht auf. Parteimitglied sei er nur geworden, um sich selbst vor Anschuldigungen echter Nazis zu schützen. In Wirklichkeit habe er politisch Verfolgte in Sicherheit gebracht, Feindsender abgehört und immer wieder mit Sabotageaktionen Kopf und Kragen riskiert. Dem Richter riss der Geduldsfaden. Sein Urteil lautete auf drei Jahre Gefängnis. Scheibler hatte allerdings schon zu einer Zeit von Denunziationen erfahren, als die Nazis noch fest im Sattel saßen. Während der Krieges tauchte ein Mitarbeiter des Gauleiters Josef Grohé in Scheiblers Betrieb auf, angeblich mit dem Auftrag, die Möglichkeiten zur Produktionssteigerung zu prüfen.

Was musste der Abgesandte des Gaues Köln/Aachen hören und sehen, als er die Produktionsräume in Dreistegen betrat? Viele Frauen bei der Arbeit. Singende Frauen. Aber was wurde gesungen? Nicht „Die Fahne hoch”. Nein, Marienlieder drangen an sein Ohr. Und auch das noch: An der Wand eine Statue, die Gottesmutter mit Kind, geschmückt mit Blumen und Lichtern. Das sei doch Mittelalter, entfuhr es dem Inspekteur. Das müsse abgestellt werden.

Scheiblers Mitarbeiter beschwichtigte und mahnte, nur nichts zu überstürzen. „Diese Mädchen und Frauen stammen aus Kalterherberg.” Wenn man ihnen das Singen frommer Lieder verbiete und auch noch die Madonna wegnehme, werde das in Kalterherberg zu Unruhen führen. Der Grohé-Mitarbeiter resignierte unwillig. Aber: Unruhen können man sich im Krieg nicht leisten. Das werde man später regeln; nach dem gewonnenen Krieg.

Nur: Aufgeschoben war aufgehoben. Die Frauen und Mädchen aus Kalterherberg konnten ihre Madonna noch einige Jahre bei der Arbeit verehren. Bis sich dann mit dem beginnenden Wirtschaftswunder für das Monschauer Land die nächste Katastrophe abzeichnete: der Niedergang der Tuchindustrie mit dem Verlust Hunderter, ja Tausender Arbeitsplätze. Da mussten dann die Fabrikräume und mit ihnen die Madonna mit Kind und die schönen Blumen und die bunten Lichter abgeräumt werden.

Immerhin: Scheibler und die Kalterherberger hatten bewiesen, dass man auch in der Zeit der Diktatur nicht zu allem Ja und Amen sagen musste.