Zeitzeugen erinnern sich an Evakuierung : Noch die Bohnen geerntet, und dann auf die Flucht

Zeitzeugen erinnern sich an Evakuierung : Noch die Bohnen geerntet, und dann auf die Flucht

In Eicherscheid erinnert eine Ausstellung des Arbeitskreises Geschichte in der Pfarrkirche an den 75. Jahrestag der Evakuierung. Rund 300 Aufnahmen zeigt die Fotodokumentation, die im Rahmen einer kleinen Gedenkfeier jetzt eröffnet wurde.

„Mein Vater sagte, dass wir auf keinen Fall den Rhein überqueren werden. Das war für ihn die Grenze“, erzählt Irene Nießen aus Eicherscheid. Es ist eine von vielen Erinnerungen, die die heute 86-Jährige mit der Evakuierung ihres Heimatdorfes Anfang Oktober 1944 verbindet. Wenige Woche zuvor hatte der Zweite Weltkrieg auch die Nordeifel erreicht. Die Alliierten hatten am 12. September in Roetgen die Westgrenze durchbrochen. In den Eifeldörfern wurde die Zivilbevölkerung daraufhin aufgefordert ihre Heimat zu verlassen.

Eicherscheid lag in der sogenannten „grünen Zone“, also hinter der Westwall-Linie, so dass der „Freimachungsbefehl“, wie das Nazi-Regime die Evakuierung voller Zynismus bezeichnete, den Ort erst am 8. Oktober 1944 erreichte. Es wurden noch zwei Gottesdienste abgehalten, dann musste das Dorf geräumt werden, auch wenn die Bevölkerung noch versucht hatte, sich zu widersetzen. Zu diesem Zeitpunkt lebten rund 750 Personen im Ort. Die Flucht begann.

Am 10. Oktober machte sich die Familie von Irene Nießen auf den Weg ins Ungewisse. Fast alle Männer des Dorfes, rund 100 an der Zahl, befanden sich im Krieg. Aus zwölf Personen bestand die Gruppe, die sich zunächst ins Rurtal Richtung Hammer bewegte. Ein Pferdefuhrwerk mit den wichtigsten Habseligkeiten und eine Kuh waren die Begleiter.

Die damals elfjährige Irene Nießen weiß noch genau, „dass wir in unserem Garten noch die Stangenbohnen geerntet und uns dann gleich auf den Weg gemacht haben“. Der Vater sollte mit der Zielvorgabe, nicht den Rhein zu überqueren, Recht behalten. Die Flucht endete im kleinen Dorf Ramershofen bei Rheinbach. Hier fand die Familie für das nächste halbe Jahr bei Privatleuten eine Bleibe. „Mein Vater arbeitete in dieser Zeit auf einem Bauernhof. Dafür wurde dann als Gegenleistung unser Pferd versorgt“, erzählt Irene Nießen, während sie die alten Fotografien von den kriegszerstörten Häusern in Eicherscheid betrachtet. Diese und andere Zeitdokumente sind in einer Ausstellung zu sehen, die der Arbeitskreis Geschichte Eicherscheid derzeit in der Pfarrkirche St. Lucia Eicherscheid zeigt.

Sie erlebten als Kinder und Jugendliche vor 75 Jahren die Evakuierung ihres Heimatdorfes Eicherscheid am eigenen Leib. Viele Zeitzeugen können noch von den dramatischen Ereignissen berichten. Foto: Peter Stollenwerk

Im April 1945 kehrten die evakuierten Eicherscheider zurück in ihr vom Krieg verwüstetes Heimatdorf. 41 von damals 145 Häusern waren komplett zerstört. Insgesamt war der Ort zu 80 Prozent kriegszerstört. „Auch unser Haus war beschädigt, aber noch bewohnbar“, erzählt Irene Nießen. Ihre Mutter kehrte erst später zurück; sie hatte während der Evakuierung einen Sohn geboren.

Rund 300 Aufnahmen zeigt die Fotodokumentation, die im Rahmen einer kleinen Gedenkfeier jetzt eröffnet wurde. Ludwig Siebertz vom Arbeitskreis Geschichte zeigt sich erstaunt über die „gewaltige Resonanz“, die die Ausstellung hervorrufe. Wie präsent dieser einschneidende Abschnitt in der jüngeren Geschichte des Ortes ist, zeigt auch die Tatsache, dass noch rund zwei Dutzend Frauen und Männer, die die Evakuierung von 75 Jahren als Kinder und Jugendliche erlebten, heute noch als Zeitzeugen über dieses dramatische Geschehen berichten können.

Auch Ludwig Siebertz erlebte die Auswirkungen des Krieges auf schicksalhafte Weise in der eigenen Familie. Sein Vater war im Jahr 1945, glücklich mit dem Leben davongekommen zu sein, aus russischer Gefangenschaft heimgekehrt. Nur vier Wochen später verunglückte er bei Hammer tödlich als er mit seinem Pferdegespann auf eine Mine fuhr.

Die meisten Bilder der Ausstellung stammen aus der Sammlung von Hermann Schröder; der Arbeitskreis übernahm die aufwendige Arbeit der Beschriftung. In der Ausstellung sind als Schwerpunkt auch Bilder von allen gefallen Soldaten der beiden Weltkriege und der Ziviltoten (insgesamt 91) aus Eicherscheid zu sehen. 56 waren es im Zweiten Weltkrieg, 26 im Ersten Weltkrieg sowie neun Ziviltote.

In einem Lichtbildervortrag ging Ludwig Siebertz näher auf die Ereignisse rund um die Evakuierung und das Kriegsgeschehen ein. Ziel für die Eicherscheider Bevölkerung waren Orte im Raum Bonn und Euskirchen; einige kamen auch bei Verwandten in Einruhr und Olef unter. Siebertz machte dabei immer wieder deutlich, „wie markant diese dramatischen Ereignisse in das Leben unserer Eltern eingegriffen haben müssen.“

Vor der Ausstellungseröffnung hatte auch Pastor Michael Stoffels im Rahmen der Abendmesse den Gedanken aufgegriffen, „dass man sich heute kaum noch vorstellen kann, was die Menschen bei Evakuierung erlebten, als sie in eine ungewisse Zukunft aufbrachen“. Die Ausstellung führe vor Augen, „was es bedeutet, in Frieden zu leben“. Um so wichtiger sei es daher, gerade in der heutigen Zeit für den Frieden einzutreten und dabei auch die christlichen Werte lebendig zu halten.

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