Bedrohliche Szenen auf dem Grillplatz: Neonazis täuschen erneut den Eifelverein

Bedrohliche Szenen auf dem Grillplatz : Neonazis täuschen erneut den Eifelverein

Neonazistische Aktivisten aus der ganzen Region haben in Simmerath heimlich ein Fest zur Sommersonnenwende gefeiert - auf einem Grillplatz des Eifelvereins. Der Verein fühlt sich hilflos.

Gunther Neef traut seinen Augen kaum, als er den Link öffnet: Auf der Webseite der neonazistischen Kleinstpartei „Die Rechte“, Kreisverband Aachen-Heinsberg, findet der Vorsitzende des Eifelvereins Simmerath nach einem Hinweis unserer Zeitung 18 Bilder, die ihm trotz der befremdlich wirkenden Symbolik und der Sepia-Tonung merkwürdig vertraut erscheinen. Die Grillhütte mit der markanten Steinwand und den drei Fahnenmasten im Hintergrund erkennt Neef sofort: Es ist der Platz seines Eifelvereins, der zum Schauplatz einer bedrohlich wirkenden Feierstunde geworden ist – und das nicht zum ersten Mal.

Rund zehn Jahre, nachdem sich Neonazis auf dem Grillplatz eingemietet hatten, ohne sich erkennen gegeben zu haben, ist ihnen dies erneut gelungen. Sie feierten nach Recherchen unserer Zeitung vor rund drei Wochen im Kalltal zwischen Paustenbach und Bickerath eine Sommersonnenwendfeier, die sie teils ähnlich zelebrierten wie es zu Zeiten der Nationalsozialisten üblich war.

„Wir hatten keine Chance“

Das Anmieten von Grillplätzen, Schützen- und Bürgerhäusern oder ähnlicher Räumlichkeiten fand zu Zeiten der inzwischen verbotenen „Kameradschaft Aachener Land“ (KAL) ähnlich statt, wie es heute bei der indirekten Nachfolgeorganisation „Syndikat 52“ (S52) oder dem Kreisverband der „Rechten“ geschieht. Unverfänglich wirkende Interessierte, teils mit Ortskenntnissen oder aus Nachbarorten, geben vor, Familienfeiern wie Großmutters Geburtstag oder private Feiern mit Freunden etwa aus einem Sportverein zu planen. Da die oft ehrenamtlich engagierten Vermieter am Tag selbst nur selten nachschauen, was bei diesen Festen geschieht, können rechtsextreme Treffen und bisweilen sogar Rechtsrock-Konzerte dann ungestört stattfinden.

Am 22. Juni können die Neonazis schon mittags mit ihren Vorbereitungen auf dem äußerst abgelegenen Grillplatz beginnen. „Der Platz ist fast jedes Wochenende vermietet“, sagt Neef. „Der Eifelverein hatte keine Chance, zu erkennen, wer sich hinter den Mietern verbarg.“ Vertragsunterzeichnung und Schlüsselübergabe übernehmen dann auch zwei völlig unauffällig wirkende Personen, bei denen es sich nach Recherchen unserer Zeitung um Aktivisten von „Syndikat 52“ aus der Region handelt.

Martialische Riten: Auf ihrer Webseite zeigen die Neonazis, wie sie in Simmerath eine Sommersonnenwendfeier zelebriert haben. Foto: Marco Rose

An den drei Fahnenmasten des Grillplatzes im Schatten einer Felsenwand hisst man die Reichsfahnen (Schwarz, Weiß, Rot); quasi als Ersatz für die verbotene Hakenkreuz-Fahne. Zum Ritual gehört später das Aufstellen eines „Questenbaumes“, eine Art Radkreuz, das den Jahresablauf symbolisieren soll. Man schichtet einen Holzstoß auf, um diesen symbolisch mit Fackeln aus allen vier Himmelsrichtungen zu entzünden. Dies geschieht in einem ähnlichen Ritual wie zu Zeiten der Nazidiktatur. Es werden Gedichte rezitiert („Flamme empor“) und schwülstige Reden gehalten. Einzelne Teilnehmer wagen den Feuersprung, während die „Kameraden“ andächtig im Rund stehen.

Daneben isst und trinkt die Gesellschaft, man stimmt Lieder an. Einige der Neonazis waren an jenem Samstag aus dem Ruhrgebiet angereist. Manche Frauen und Mädchen trugen festliche, schlichte Kleider im Stile völkischer Siedler, die meisten Jungen und Männer waren modern und sportlich gekleidet, einige wirkten in dunkler Hose und dunklem Hemd wie uniformiert. Die Neonazis maßen sich zudem im Beilwerfen und Tauziehen. Neben dem traditionellen Ritual soll das gemeinschaftliche Erlebnis des Wettkampfes nicht zu kurz kommen, denn gerade jüngeren Neonazis – etwa eine Handvoll Jugendlicher aus Aachen – will man ein Gemeinschaftsgefühl in allen Facetten ermöglichen.

Das Ziel: Jugendliche ansprechen

S52 ist eine 2014 gegründete Neonazi-Gruppe, die offiziell den regionalen Kreisverbänden der Splitterpartei „Die Rechte“ (DR) untergeordnet ist, indirekt aber die Neuauflage alter Strukturen der 2012 verbotenen KAL darstellt. Die 52 steht dabei für den Postleitzahlenbereich im Raum Aachen, Düren und Heinsberg – umfasst also genau das Gebiet, auf dem auch die KAL aktiv war. Wie schon die KAL feiern DR und S52 Sonnenwend- und Erntedankfeiern oder „Heldengedenken“ auf Soldatenfriedhöfen.

„Syndikat 52“: Die Gruppe dient Neonazis nach dem Verbot der KAL als Auffangbecken. Foto: Michael Klarmann

Im kürzlich vorgestellten NRW-Verfassungsschutzbericht 2018 heißt es, S52 inszeniere sich „erlebnisorientiert mit rebellischem Gestus“, bemühe sich „um jugendkulturelle Affinität“ und spreche so „aktionsorientierte“ Jugendliche an.

2009 schreitet die Polizei ein

Schon am 15. Oktober 2009 titelte unsere Zeitung: „Eifelverein von Rechten gelinkt“. Damals hatte die KAL – drei Jahre vor ihrem Verbot – auf dem Grillplatz gefeiert. Auch dieses Fest wurde in Anlehnung an alte Nazi-Rituale zelebriert. Auch war der Grillplatz schon seinerzeit unter falschen Angaben angemietet worden, es reisten Neonazis aus anderen Regionen Nordrhein-Westfalens an. Damals trat sogar eine rechtsextreme  Band auf. Krachende Musik und lautstark skandierte Parolen riefen mitten in der Nacht jedoch die Polizei auf den Plan. Die Beamten schätzten, dass seinerzeit rund 70 bis 100 Neonazis den Weg in die Nordeifel fanden. Diesmal dürften nach Recherchen dieser Zeitung  rund 40 Personen auf dem Grillplatz  gefeiert haben.

Die Polizei konnte bei der Neuauflage jedoch keine Angaben über Teilnehmer machen. Dem Staatsschutz lägen keine Informationen über Teilnehmer oder Redner der Veranstaltung vor, erklärte die Polizei Aachen. Auch dem Ordnungsamt der Gemeinde Simmerath sind keine Beschwerden von Anwohnern zugetragen worden, wie der Beigeordnete Bennet Gielen erklärte. Eine Handhabe gegen die Veranstalter habe die Gemeinde ohnehin erst dann, wenn es Hinweise auf Straftaten gebe.

Für Gunther Neef vom Eifelverein ist das ein schwacher Trost. „Wir bedauern es zutiefst, dass unser Platz erneut zum Schauplatz eines solchen Treffens geworden ist und distanzieren uns davon in aller Form“, sagt der Vorsitzende. Man werde beraten, wie dies in Zukunft ausgeschlossen werden könne.

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