Nordeifel: Natur und Armee kommen sich ins Gehege

Nordeifel: Natur und Armee kommen sich ins Gehege

Es ist nicht so, dass der Wanderer gleich in das Mündungsrohr eines Panzers starrt, wenn er nahe Gut Heistert durch das Perlenbachtal wandert. Aber wenn er vom oberen Steg kommend nach rechts über einen Trampelpfad Richtung Bieley abbiegt, dann stößt er nach einer Bachquerung gleich auf eine mächtige Warntafel, die ihm bedeutet, dass er sogleich gefährliches Gelände betritt.

Mehrere dieser meterhohen Tafeln stehen im Perlenbachtal und markieren die Peripherie des nahen belgischen Truppenübungsplatzes Elsenborn, der weit in das bekannte Naturschutzgebiet hineinreicht. „Scharfschießen“ steht auf den Tafeln. Das ist zunächst nicht weiter schlimm, denn das belgische Hoheitsgebiet darf trotzdem betreten werden, außer an den Tagen, wenn im Lager Elsenborn scharf geschossen wird. Solche Tage gibt es viele im Jahr und in einem ständig aktualisierten Sichtfenster sind die Schießtage konkret aufgeführt. An diesen Tagen ist auch stets die Straße von Wahlerscheid nach Rocherath gesperrt.

An den Schießtagen des Lagers Elsenborn ist das Betreten des romantischen Bieley-Felsens tabu.

Nun stehen gerade die wilden Narzissen in Perlen- und Fuhrtsbachtal in voller Blüte und da zieht es in jedem Frühjahr tausende Wanderer ins gelbe Blütenmeer der Nordeifel. Da passiert es immer wieder, dass Gäste von weither kommend kopfschüttelnd vor den Warntafeln stehen und sich fragen, ob in einem Europa ohne Grenzen solche strikten Verbote noch angebracht sind. Dabei hatten die Narzissenwanderer in diesem Frühjahr noch Glück. Es gab zuletzt zwei komplett schießfreie Wochen. Noch bis einschließlich Ostermontag ruht der Übungsbetrieb, ehe dann ab Dienstag neue Schießübungen angesetzt sind und damit der Weg zum romantischen Bieley-Felsen auch wieder verwehrt ist.

Dass Natur und Militär sich hier mitunter ins Gehege kommen, weiß auch Emil Dannemark, Bürgermeister der ostbelgischen Gemeinde Bütgenbach, auf deren Territorium das Lager Elsenborn liegt. „Jeder Gast ist uns herzlich willkommen“, betont Dannemark, „aber die Sicherheit besitzt Vorrang.“ Es sei nicht von der Hand zu weisen, dass bei Schießübungen das Betreten des Sperrgebietes gefährlich sei.

Die Sicherheit der Wanderer steht auch für René Dahmen, den Leiter des Forstamtes Elsenborn, an erster Stelle. Die Termine der Schießübungen stünden bereits ein Jahr im Voraus fest. Darüber könne sich jeder informieren. Dass im Frühjahr 2014 zwei schießfreie Wochen genau in die Zeit der (sehr frühzeitigen) Narzissenblüte gefallen seien, sei „reiner Zufall“. Dahmen: „Es ist schließlich die Ausnahme, wenn in Elsenborn nicht geschossen wird.“ Dass Militär versuche die Termine zu verteilen, sicherlich wolle auch niemand, „dass zwei Monate am Stück geschossen wird“.

René Dahmen warnt davor, die Gefahr zu unterschätzen. Die Sicherheitszone des Militärgeländes reiche bis an die Bieley, und er erinnert daran, dass vor einigen Jahren einmal ein Munitionsabpraller nur 400 Meter vom Bieley-Felsen entfernt heruntergekommen sei. Im Lager wird mit allen Waffengattungen geübt. Daher mache die belgische Seite auch bewusst keine touristische Werbung für dieses Gebiet, um die Wanderer erst gar nicht anzulocken. Schließlich böten Perlenbach- und Fuhrtsbachtal auf deutscher Seite ausreichend Gelegenheit, die Narzissenwiesen zu erleben.

„Die Sicherheitsvorkehrungen sind eine Realität“, sagt Dahmen und sieht wenig Chancen, dass sich das Militär nach den Launen der Natur orientiert.

Monschaus Bürgermeisterin Margareta Ritter weiß auch um Interessenkollisionen zwischen touristischen und militärischen Belangen gerade zur Narzissenblüte. Grundsätzlich pflege man mit dem Lager Elsenborn einen fairen, offenen und freundschaftlichen Kontakt. Beim nächsten Treffen der Grenzkommunen mit den Verantwortlichen des Lagers werde man jedoch noch einmal einen Gedankenaustausch über die Termine der Schießübungen anregen.

Nicht gut zu sprechen sind die touristischen Anbieter auf das Thema Schießübungen. Die Familie Jansen im Ausflugslokal Gut Heistert bei Kalterherberg, direkt an den Narzissenwiesen, berichtet von vielen Diskussionen mit Wanderern, die Klage darüber führten, dass die Bestimmungen verschärft worden seien und weder angeleinte Hunde noch Mountainbikefahrer auf belgischem Gebiet zugelassen seien. „Das ist ein großes Thema bei den Gästen“, sagen die Inhaber des ruhig am Waldrand gelegenen Hotel-Restaurants.

Warum nicht im Hochsommer?

Die strengen Bestimmungen seien nicht mehr zeitgemäß, finden die Gastronomen. Gerade das touristische Angebot sei für die Region überlebenswichtig. Da müsse es doch eigentlich möglich sein, gerade während der Narzissenblüte die Schießübungen zu reduzieren. „Im Hochsommer, wenn kaum Wanderer unterwegs sind, dann ist es mucksmäuschenstill in Elsenborn“.

Und in noch einem anderen Punkt finden die Hotel-Inhaber, dass die Belange der Natur nicht genügend Berücksichtigung finden. Die Narzissenwiesen, die seit Jahrzehnten aus der Bewirtschaftung herausgenommen seien, würden viel zu früh gemäht. „Da sieht das Tal aus wie ein großer Rasen“, aber auch nach der Narzissenblüte sei die Vegetation auf den Talwiesen noch sehr abwechslungsreich. In diesem Punkt müsse man den Belgiern ein Lob aussprechen. Diese würden viel später die Wiesen mähen und dabei auch noch ohne schweres Gerät auskommen.

Zum Schluss: Wer die Narzissenblüte noch erleben möchte, sollte nicht mehr lange warten. Die ersten Narzissen lassen schon die Köpfe hängen.

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