Aachen: Musikschule: Von allen Seiten hagelt es jetzt Proteste

Aachen: Musikschule: Von allen Seiten hagelt es jetzt Proteste

Es ist eine völlig neue Erfahrung für Oberbürgermeister Marcel Philipp: Erstmals bläst ihm in seiner zweieinhalbjährigen Amtszeit der Wind mächtig ins Gesicht. Mit seiner Entscheidung, den Abendschulen in der Eintrachtstraße die Räume zu kündigen, um dort Platz für die Musikschule zu schaffen, hat er sich bei den Betroffenen und im Viertel keine Freunde gemacht.

Die Entscheidung war für viele überraschend. Protestierend zogen am Mittwoch gut 200 Menschen zum Rathaus und machten ihrem Ärger Luft. Viele Schüler schwenkten Plakate, auf denen zu lesen war „Die Ratsmehrheit ist uns nicht grün, Musik- und Abendschule sehen schwarz” oder „Schüler suchen ein Zuhause”. Sie skandierten „Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Bildung klaut”. Eltern der Musikschule gaben dem OB ein Ständchen, auf das er gerne verzichtet hätte: „So stehn wir hier und klagen, was sollen wir nur sagen zu solch einer Idee. Sie ist kaum zu verstehen, nicht durch- nicht anzusehen, sie tut nur eins, sie tut sehr weh.”

Dramatisch sei die Lage am Abendgymnasium, erklären Sarah Zimmermann und Annette Karius. Beide wollen im November Abitur machen. „Für uns ist völlig unsicher, wie es weitergeht”, sagen sie. Noch ist offen, in welchen Räumen sie nach den Sommerferien - wenige Wochen vor dem Abi - unterrichtet werden. Bislang hat die Stadt der Städteregion als Träger der Abendschulen mit ihren insgesamt gut 170 Studierenden noch keine Ersatzräume anbieten können. Auch deshalb forderten sie am Mittwoch den OB auf, den Vertrag für die Eintrachtstraße um mindestens ein halbes Jahr zu verlängern.

Das lehnt Philipp unter Hinweis auf die Brandschutzmängel im Gebäude der Musikschule am Blücherplatz ab. Sie soll daher möglichst kurzfristig in die Eintracht­straße umgesiedelt werden.

Was wiederum Lehrer, Eltern und Schüler gleichermaßen erregt: Die dortigen Räume seien für musikalische Zwecke absolut nicht geeignet, sagen sie. Nicht mal ein Konzertsaal ist vorhanden. „Jeder Inhalt braucht eine Form, diese Form tötet den Inhalt”, beurteilte eine Mutter aus der Musikschule den geplanten Umzug.

So musste der OB am Mittwoch Prügel von allen Seiten einstecken: Studierende, Schüler, Eltern, Lehrer und selbst die Politiker fühlen sich komplett übergangen und unzureichend informiert. Es seien „ohne jegliche Abstimmung Fakten geschaffen” worden, kritisiert der Vertreter der Interessengemeinschaft im Aachener Norden, Mario Wagner. Von einem „ungeheuerlichen Vorgang”, sprach SPD-Fraktionschef Heiner Höfken. Selbst Grünen-Sprecherin Ulla Griepentrog bezeichnete es als „Super-Gau”, dass die Zeitungen zurzeit mehr wüssten als der Rat.

Derweil gab sich Philipp in der Bürgerfragestunde alle Mühe, die Wogen zu glätten. Man stehe erst am Anfang der Debatte, bemühte er sich zu erklären. Es gebe keine abschließenden Beschlüsse über die Zukunft der Musikschule. „Wir wollen die Nutzer nicht ärgern, sondern die Inhalte sichern”, betonte er unter Hinweis auf die Schuldenlage der Stadt. Alle städtischen Bauten müssten nach Sicherheits-, vor allem aber auch nach wirtschaftlichen Aspekten unter die Lupe genommen werden. Den Abendschülern gab er die Zusage, Ausweichräume in Aachen anbieten zu können, das letzte Wort habe jedoch die Städteregion als Träger der Schule.

Viele Fragen blieben auch am Mittwoch unbeantwortet, viele Antworten warfen neue Fragen auf. Ratlos blieb am Ende nicht zuletzt auch ein Angestellter des Chemischen Untersuchungsamts zurück, das ebenfalls in dem angeblich so gefährdeten Bau am Blücherplatz residiert: „Alle reden vom Brandschutz”, wundert er sich. „Merkwürdig, dass mit uns noch keiner geredet hat.” Schließlich würden die Kollegen dort permanent mit Chemikalien hantieren...