Zeitzeugen erinnern sich, als Christo Burg und Haller verhüllte

Als Christo 1971 Burg und Haller verhüllte : Ausnahmezustand in der Monschauer Altstadt

„Wenn dat Kunst ist, dann bin ich jeck“, ist als Zitat einer Bürgerin aus Monschau überliefert, die fassungslos mit ansah, wie historisches Gemäuer in ihrer Heimatstadt in Plastikfolie gehüllt wurde. Das war im Herbst 1971, als das beschauliche Rurstädtchen wegen einer spektakulären Kunstaktion in heller Aufregung war.

Der damals in der breiten Öffentlichkeit noch recht unbekannte Aktionskünstler Christo war vom Kunstkreis Monschau für ein Projekt in Monschau begeistert worden, welches Kräfte des Monschauer Bauhofes und eine Schar freiwilliger Helfer in die Tat umsetzten: Mit 6000 Quadratmeter Polypropylen-Gewebe aus Holland und 3100 Meter Seil aus Hessen wurden die Burg und der Haller verhüllt.

Außerdem versperrte ein riesiger Plastikgewebevorhang über der Rur den gewohnten Postkartenblick auf das gepflegte Altstadt-Fachwerk. Das Monschauer Christo-Projekt ist auch fast 50 Jahre später immer noch erstaunlich präsent und aktuell. Jetzt nimmt sich das Kunst- und Kulturzentrum (KuK) der Städteregion in Monschau der Sache an und erinnert an die Aktion, die Monschau überregional in die Schlagzeilen brachte (s. Box).

Die Emotionen kochten hoch, positiv wie negativ: Die verhüllten Wahrzeichen entzückten, verwirrten, empörten die Menschen, machten auf jeden Fall neugierig. „Dies nimmt die KuK-Ausstellung als Ausgangspunkt, um der Frage nachzuspüren, wie offen Menschen für Neues, für Kunst, für Kreativität sind und ob ihre ländlich strukturierte Heimatregion darauf Einfluss nimmt“, deutet Städteregionsrat Dr. Tim Grüttemeier an, dass die Ausstellung mehr leistet, als nur Dokumente, Bilder, Eindrücke von damals zu präsentieren.

Vom 16. September bis zum 24. Oktober 1971 herrschte in Monschau eine Art Ausnahmezustand – viele Menschen waren außer sich und fühlten sich einmal mehr durch die zeitgenössische Kunst im öffentlichen Raum provoziert – wie auch schon ein Jahr zuvor, als unter dem Oberbegriff „Umwelt-Akzente – Die Expansion der Kunst“ 39 Konzeptkünstler mit ihren Werken und Aktionen die Stadt aufgemischt hatten. Viele Bürger waren mit den verhüllten Wahrzeichen ihrer Stadt überfordert und darüber  verärgert und zerstritten.

Wenn viele der Kritiker von damals inzwischen stolz und mit dem Ausdruck größter Toleranz ins Lager der Kunstsachverständigen gewechselt sind, hat dieser Sinneswandel vor allem damit zu tun, dass der Verhüllungskünstler Christo längst als einer der größten Künstler der Gegenwart gilt. Und dieser Christo, der den Reichstag in Berlin und die Pont Neuf in Paris verhüllte, war auch in Monschau!

Für KuK-Leiterin Dr. Nina-Mika Helfmeier als Kuratorin der Ausstellung ist es besonders wichtig, „die kontroversen Reaktionen von damals wertneutral und durchaus auch mal mit Humor zu betrachten“.

Den Besuchern begegnen beim Erforschen der insgesamt acht Räume Fragen wie: Kann große Kunst in kleinen Orten entstehen? Welchen Stellenwert hat Kunst überhaupt und insbesondere in der ländlichen Region? Wäre heute alles anders, würde Christo eine vergleichbare Aktion vor Ort anstreben, weil er heute weltberühmt ist?

Der Monschauer Journalist Kaspar Vallot hat Fotos, Plakate, Dokumente, Zeitungsausschnitte und Objekte in Zusammenhang mit dem Christo-Projekt in Monschau gesammelt. Auf der Basis dieser Sammlung ist ab Sonntag, 27. Oktober, die Ausstellung im KuK zu sehen. Foto: Peter Stollenwerk

Aber bei der nachträglichen Betrachtung der Aktion ist in Kunstkreisen auch immer wieder die Frage aufgetaucht, ob es sich bei der Monschauer Verhüllungsaktion überhaupt um ein Originalwerk des Künstlers handelt. Viele Monate zuvor war Christo zur Ortsbesichtigung in Monschau, hatte sich mit den Drahtziehern des Kunstkreises abgestimmt und die zu verhüllenden Objekte für gut befunden.

Wenige Tage vor Ende der Aktion weilte er ein zweites Mal in Monschau und befand die Umsetzung seiner Pläne erneut für gut. Dennoch findet das Monschau-Projekt in den gängigen Werkverzeichnissen des Künstlers keine Erwähnung. Während in Monschau Polypropylen-Gewebe um die 800 Jahre alte Burgmauern gewickelt wurde, hatte Christo Größeres im Sinn. Zeitgleich entstand in Colorado/USA sein Monumentalprojekt „Valley Curtain“. Als es im September 1971 nach umfangreichem Schriftverkehr des Kunstkreises Monschau an die praktische Umsetzung ging, schlug auch die Stunde von Alexander Boeminghaus.

Der spätere Professor für Entwurfs- und Umgestaltung an der Fachhochschule Aachen im Bereich Design, der heute in Höfen lebt, stand kurz vor seiner Promotion, als ihm der Kunstkreis Monschau die spannende Aufgabe anbot, die Umsetzung des Christo-Projektes vor Ort zu koordinieren. Sechs Leute, darunter städtische Bauhof-Mitarbeiter und zwei Dachdecker, gingen unter der Regie des damals 32-Jährigen ans Werk. „Es waren wunderbare 14 Tage in Monschau. Wir waren voller Idealismus und in Aufbruchstimmung“, erzählt Boeminghaus in der Nachbetrachtung.

Arbeitsgrundlage waren Zeichnungen und Planskizzen von Christo, der auch die Linienführungen der Seile genauestens festgelegt hatte. „Mir erschien die Planung aber zu riskant“, erinnert sich Boeminghaus. Daher habe er im einschlägigen Handel jede Menge große Metallkrampen beschafft, um damit die Seilkonstruktion zu stabilisieren und das Gewebe vor Windböen zu schützen. Unterdessen versammelten sich immer mehr Journalisten großer deutscher Blätter und TV-Reporter in Monschau, denn Christo wurde stündlich erwartet. Aber aus dem angekündigten Besuch wurde nichts.

„Damit die Pressevertreter nicht die Zeit totschlagen mussten, habe ich sie animiert, doch bei den restlichen Arbeiten mit anzupacken. Das haben die auch dann mit Begeisterung gemacht“, sagt Boeminghaus und lacht. Dennoch konnte auch er nicht verhindern, dass am Abend vor der Eröffnung massenweise Seilstücke abmontiert und entwendet wurden.

Das hochwertige 7-Trossen-Polypropylen-Super-Split-Leinen habe man anschließend auffallend häufig in Monschau als Abschleppseil oder als Hilfsmittel für andere praktische Alltagszwecke gesehen, blickt Boeminghaus heute mit einem Schmunzeln auf den nächtlichen Raubzug von einigen Monschauer Heißspornen zurück.

Boeminghaus hat während der Aktion übrigens nicht festgestellt, dass eine Welle von Unverständnis und Ablehnung die Christo-Aktion begleitete. „Wir sind beim Aufbau durchweg auf freudiges Interesse gestoßen“, erzählt er, wohl wissend, „dass es zwei Lager gab“ und Teile der Bevölkerung nur noch den Kopf schüttelten und sich fragten: Is dat Kunst? „Anfang der 1970er Jahre herrschte eine Zeit des Umbruchs in allen gesellschaftlichen Bereichen“, sagt Boeminghaus. „Die Stimmung war vergleichbar mit der heutigen Klimabedatte.“

Zur Finanzierung des Christo-Projektes verkaufte der Kunstkreis Monschau Plakate und eine auf 100 Exemplare begrenzte (und heute in Sammlerkreisen begehrte) Kartonschachtel mit Inhalt: Frankierte und signierte Paketaufkleber, eine kitschige Monschauer Kunststoffkugel, vier signierte SW-Fotos, Kunststoffgewebe und 19 Informationsblätter waren darin enthalten. Der damalige Aachener Regierungspräsident hatte einen bereits zugesagten Zuschuss von 30.000 Euro wieder zurückgezogen, weil man Steuergelder nicht für fragwürdige Kunst ausgeben wollte.

Nach nur gut vierjähriger Aktivität war für den Kunstkreis das Experiment mit der zeitgenössischen Kunst in Monschau schon wieder vorbei. Das politische Klima hatte sich mit Beginn der kommunalen Neugliederung im Jahr 1972 gewandelt. Eine dritte bereits in Vorplanung befindliche Aktion wurde abgebrochen.

Eine Künstlergruppe aus dem Ruhrgebiet wollte mit riesigen Flakscheinwerfern in Monschau ein Lichtspektakel inszenieren. Die einen mögen diese Entwicklung bedauern, die anderen werden sie begrüßen. Aber fest steht, dass die Umwelt-Akzente und das Christo-Projekt die bisher spannendste, unkommerziellste und wildeste Zeit in der Monschauer Kunstszene darstellten und die kleine Eifelstadt wirklich in aller Munde war. Heute würde man das übrigens Stadtmarketing nennen.