Pranger in Monschau: Passanten werden Teil eines Experiments

Kunstinstallation wird am Freitag eröffnet : Monschau bekommt wieder einen Pranger

Wann es den letzten Pranger in Monschau gegeben hat, weiß so genau niemand. Im Mittelalter wurden Verbrecher und auch Menschen, die man lediglich für Schurken hielt, an solchen Schandpfählen gefesselt und öffentlich zur Schau gestellt. Bis ins 12. Jahrhundert fand sich ein solcher in der Monschauer Kirchstraße unweit des alten Gefängnisbaus. Ab Freitag wird es in der Altstadt wieder einen Pranger geben.

Anders als im Mittelalter werden die Kandidaten für diese Tortur dann aber wohl Schlange stehen, um Platz nehmen zu können. Denn der moderne Pranger lockt mit freiem WLAN und verzichtet auf Ketten und Folterwerkzeug. Es handelt sich um eine aufwändige Installation der Aachener Künstlerin Stephanie Binding, die in der Baulücke unweit des Amtsgerichts in der Laufenstraße entstanden und in den vergangen Tagen fertiggestellt worden ist.

„Von dort aus sieht man das alte Zuchthaus, deshalb fand ich diesen Standort ideal“, sagt Hajo Peters, Vorsitzender des Kunst- und Kulturvereins Haus Troistorff und Initiator des Pranger-Projekts. Die Idee für das Kunstwerk lieferte bereits vor Jahren der ehemalige Städteregionsrat Helmut Etschenberg. Peters griff sie begierig auf, weil ihn die Vorstellung eines Monschauer Prangers von Anfang an faszinierte. „Uns war aber schnell klar, dass wir in der Eifel keinen herkömmlichen Schandpfahl haben wollten, wie man ihn in manchen anderen Städten sieht: Vorrichtungen, wo Touristen dann bloß ihren Kopf und die Hände durchstecken und sich dabei fotografieren.“

Der Monschauer Pranger sollte deutlich subtiler wirken. „Auch heute gibt es schließlich noch einen Pranger, der eine ganz ähnliche Wirkung wie der des Mittelalters hat“, sagt Stephanie Binding. Gemeint ist das Internet. „Das Word Wide Web ist der Schandpfahl der Moderne. Dort findet Mobbing und Rufmord statt, dort werden Menschen diskriminiert“, meint Peters. Im Dialog mit der Künstlerin nahm die Installation dann in den vergangenen Jahren Kontur an. Die Stadt habe nach anfänglichen Bedenken mitgezogen und das Projekt, das der Kunstverein zu 100 Prozent aus eigenen Mitteln finanziert, tatkräftig unterstützt. Peters gerät ins Schwärmen: „Ein vergleichbares Kunstwerk, das sich den Schattenseiten des Internet auf diese Weise widmet, ist mir nicht bekannt“, sagt der Mediziner. „Das ist eine Innovation für Monschau und die gesamte Eifel.“

Als Nebeneffekt wird der kleine Platz am Laufenbach auch optisch gehörig aufgewertet. Wo vor mehr als 15 Jahren das Haus von Resi Schumacher in einer eisigen Winternacht durch einen Brand völlig zerstört wurde, legen die beteiligten Handwerker am Dienstag letzte Hand an. Steinmetz Karl Goffart aus Kalterherberg gießt gemeinsam mit dem Metallgestalter Harald Schneider flüssiges Blei aus einem alten Kochtopf in die dafür vorgesehenen Löcher im Gestein. Sie sollen die Handschellen symbolisieren, mit denen die Verurteilten im Mittelalter an den Pfahl gekettet wurden.

Harald Schneider (links) und Karl Goffart gießen Blei aus einem Kochtopf in das dafür vorgesehene Loch im Gestein. Foto: Marco Rose

„So etwas habe ich seit 20 Jahren nicht mehr gemacht“, meint Goffart. Die komplette Konstruktion aus dem für Monschau typischen fugenlosen Trockenmauerwerk ist in den vergangenen Monaten zunächst im Atelier des Steinmetzes entstanden und erst vor wenigen Tagen mithilfe eines Krans an den Bestimmungsort verfrachtet worden. „Das Baumaterial haben wir aus allen Ecken der Stadt zusammengetragen“, sagt der Steinmetz lachend. Verwendung fanden unter anderem große, alte Schieferplatten aus der Markttreppe und Grauwacke aus inzwischen abgerissenen Gemäuern. „Es war eine Herausforderung, aus solchen Materialien diese vergleichsweise filigrane Konstruktion zu formen. In der Regel bauen wir damit viel dickere Steinwände“, sagt Goffart.

Der Clou des Prangers sind indes zwei zunächst unscheinbare, gebogene Spiegel, für deren komplexe Konstruktion Harald Schneider zuständig war – ein großer an der Stirnseite der Installation und ein kleiner nahe am Straßenrand. „Die Menschen werden zunächst nicht merken, dass sie auf einem Pranger sitzen“, erklärt Binding. Die 41-jährige Künstlerin sieht ihr Werk als Gleichnis: „Man fühlt sich auf diesem Stein sitzend zunächst geschützt und freut sich über freies Internet. Dann blickt man umher und merkt, dass man über die beiden Spiegel von der Straße aus sichtbar ist und sich so geradezu im Fokus des Interesses befindet.“

Im Internet ergehe es den meisten Menschen ähnlich. „Auch dort realisieren viele Menschen nicht, dass sie sich nicht im privaten Raum befinden – und was sie unter Umständen mit ihrem Verhalten anrichten können.“ Damit die Passanten diesen Zusammenhang dann auch verstehen, wird eine Tafel mit einem QR-Code auf eine Internetseite hinweisen, auf der sich Interessierte die ganze Geschichte des Monschauer Prangers in allen Einzelheiten durchlesen können – wenn sie tatsächlich den Blick von ihrem Smartphone wenden sollten.

„Das ist durchaus ein Experiment und wir sind alle schon sehr gespannt, die Menschen dort beobachten zu können“, sagt Binding schmunzelnd. Am Freitag, 12. Juli, wird der Pranger um 15 Uhr feierlich in Betrieb genommen. Dann soll auch der Hotspot laufen. „Schurken“ und solche, die es werden wollen, sind zum Probesitzen eingeladen.

https://www.haus-troistorff.de/monschauer-pranger-geschichte/

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