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Besondere Philosophie in Kalterherberg: Pflege mit Menschlichkeit und Rock’n’Roll

Besondere Philosophie in Kalterherberg : Pflege mit Menschlichkeit und Rock’n’Roll

Im Seniorenwohnsitz Lambertz in Kalterherberg sollen Demenzpatienten auch in der Corona-Krise selbstbestimmt leben können. Bei der Besuchsregelung setzt das Heim deshalb auf möglichst niedrige Hürden.

Beim Gedanken an die Osterfeier mit Paul versagt Jo­achim Lennefer kurz die Stimme  – vor Rührung. Paul lebt seit Jahren im Seniorenwohnsitz Lambertz und leidet an Parkinson und Demenz. „Sein Beispiel zeigt, wie sehr manche Bewohner unter der Corona-Krise und den damit verbundenen Einschränkungen schon gelitten haben“, sagt Joachim Lennefer. Der 59-Jährige ist studierter Pflegewissenschaftler,  hat eine Fachausbildung für psychi­atrische Pflege absolviert und leitet das Heim in Kalterherberg, dessen Name in Fachkreisen häufig dann fällt, wenn es um vorbildliche Pflege in kleinen Einrichtungen geht.

Das liegt nicht zuletzt an Joachim Lennefer, der mit seinem Team in der Eifel eine Philosophie verfolgt, die sich ganz auf die betroffenen Menschen konzentriert – und das ist mehr als eine hohle Phrase.

Wirrwarr bei Verordnungen

„Schau mal!“, ruft Sabine Bader über den Schreibtisch. „Das Land hat die Verordnung der Städteregion wieder einkassiert!“ Lennefer schaut kurz zu seiner hauswirtschaftlichen Leiterin auf und nickt lächelnd. Die nur drei Tage gültige Corona-Verordnung der Städteregion mit neuen, teils drastischen Einschränkungen der Besuchsmöglichkeiten hat er in Kalterherberg ohnehin nicht 1:1 umgesetzt. „Die Verordnung  lässt mir als Heimleiter den Spielraum, solche Vorgaben den örtlichen Gegebenheiten anzupassen“, erklärt er. Mit diesem Sonderweg ist die vergleichsweise kleine Einrichtung bislang gut gefahren: Unter seinen 38 Bewohnern gab es bislang keinen Coronavirus-Infizierten, lediglich ein Mitarbeiter erkrankte zwischenzeitlich an dem Virus, steckte aber niemanden an.

Der Seniorenwohnsitz Lambertz in Kalterheberg: ein bislang erfolgreicher Sonderweg in der Corona-Krise. Foto: Marco Rose

Dabei lockerte Lennefer die Einschränkungen für Besucher in seinem Haus deutlich früher als seine Kollegen – nicht zuletzt zugunsten von Menschen wie Paul. „Viele Bewohner wurden im Frühjahr zunehmend verwirrt, weil sie die Situation kognitiv nicht mehr verarbeiten konnten“, sagt Lennefer. Von seinem Bürofenster beobachtete er seinerzeit, wie die Besucher auf dem Parkplatz ihre Angehörigen zum ersten Mal hinter Plexiglasscheiben wiedersehen konnten. „Ein dementer Parkinson-Kranker versteht einfach nicht, warum er hinter einer Scheibe sitzen muss und seine Angehörigen Masken tragen.“ Solche Patienten würden darauf unterschiedlich reagieren. „Der eine wird aggressiv, der andere weinerlich. Irgendwann war nicht mehr das Virus der Horror, sondern eine pauschale Vorgehensweise, die zwar aus hygienischer Sicht sinnvoll sein mag, aber unseren Primärauftrag mit Füßen tritt.“

Als eine Verordnung Besuche nur im Zimmer von Bettlägrigen vorsah, erklärte der Heimleiter flugs sämtliche Bewohner zu Bettlägrigen – „das sind sie de facto schließlich alle mehr oder weniger“. Seine oberste Prämisse: Gute Pflege müsse immer das Ziel verfolgen, Menschen auch im hohen Alter ein selbstständiges und selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen.

„Bewohner nicht bevormunden“

Für Lennefer, der seit mehr als 20 Jahren auch als Ausbilder für Pflegekräfte tätig ist, bedeutet das ganz praktisch: „Die Menschen müssen sich hier zuhause fühlen. Sie sollen sich nicht bevormundet fühlen. Einem 87-jährigen Raucher muss ich nicht die Zigaretten wegnehmen. Und wer in jungen Jahren gerne ein Bierchen getrunken hat, dem sei das auch im Alter weiterhin gegönnt. Diese Menschen brauchen keine jungen Schnösel, die sie entmündigen wollen.“

So feierte der passionierte Hobbymusiker Lennefer mit Paul und anderen Bewohnern und Altenpflegern ein fröhliches Osterfest mit Eierlikör nebst weiteren Leckereien. „Rock’n’Roll“ im Altersheim: „Es war faszinierend und berührend, wie manche Bewohner aufblühten. Paul war klar wie lange nicht und unterhielt die ganze Mannschaft mit richtig guten Witzen“, erinnert sich der Heimleiter, der seine Philosophie bestätigt sieht. „Früher wurden wir vielfach als zu klein belächelt, heute sieht man die Vorteile eines kleinen Hauses.“ Man kennt sich halt in Kalterherberg. „Das gilt auch für die Besucher – im Schnitt sind das maximal zehn am Tag. Wir sind hier schließlich in der Eifel und nicht in Düsseldorf. Im Dorf haben wir bereits Strukturen, die man in der Stadt erst mühsam aufbauen muss.“

In das Konzept bezieht Lennefer auch seine Mitarbeiter ein. Als der Lockdown im Frühjahr das Leben lahmlegte, richtete der Chef für die Pflegekräfte spontan einen „Fun-Point“ mit einer Spielkonsole und Msuik zur Entspannung am Feierabend ein. Parallel dazu wurde ein Hygienekonzept erarbeitet, das Lennefer und Bader aber stets an die aktuelle Situation angepasst haben. So sind Besuche derzeit nur nach einem Screening an der Rezeption möglich, bei der unter anderem die Körpertemperatur gemessen wird.

Hat Joachim Lennefer Angst, dass das Erreichte mit einer zweiten Corona-Welle nun wieder infrage gestellt wird? Der Heimleiter ist optimistisch: „Wir haben inzwischen eine gewisse Routine im Umgang mit dem Virus, die wir aber immer wieder neu hinterfragen müssen.“ Über allem stehe weiterhin die Selbstbestimmtheit der Bewohner: „Wenn ich alt wäre, würde ich schließlich auch gerne gefragt werden, ob und wie weit ich geschützt werden will oder nicht.“

Der verständliche Wunsch nach Normalität lasse sich aber nicht so schnell verwirklichen: „Es wird wohl nie mehr so sein wie vorher. Und wir werden sicher noch mindestens zwei Jahre zu kämpfen haben.“