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Perlbachtalsperre: Elf dramatische Tage im September 1999

Perlbachtalsperre

Elf dramatische Tage im September 1999

Sorgenvoller Blick auf die sinkende Perlenbachtalsperre: Intensiv verfolgte die Bevölkerung 1999 das Drama um die Trinkwasserversorgung. FOTO: Peter Stollenwerk

Monschau/Nordeifel Das Perlbachwasser wird knapp! Es war zu Wochenbeginn wahrlich nicht das erste Mal, dass die lokale Tageszeitung diese traurige Nachricht verbreiten musste. Allerdings war der Monschauer Trinkwassersee in seiner 64-jährigen Geschichte noch nie so leer wie derzeit.

Mit 54.400 Kubikmetern gab Derk Buchsteiner, Kaufmännischer Leiter des Wasserwerks Perlenbach, den Inhalt der Perlbachtalsperre zu Beginn der neuen Woche an, und folgerichtig ging die 100-prozentige Notversorgung aus der Roetgener Dreilägerbachtalsperre am Montag in ihre zweite Woche.

Der große Unterschied zwischen der aktuellen Situation und der Notlage vor ziemlich genau 21 Jahren ist jedoch, dass es damals die Notversorgung aus Roetgen noch nicht gab und man deshalb zu ungewöhnlichen Maßnahmen greifen musste.

Operation „Wasserfall“

Es war Anfang September 1999, als beim Wasserwerk Perlenbach die Alarmglocken schrillten. Der Pegel des Stausees sank unaufhörlich, und die Meteorologen meldeten unterdessen, dass es weiterhin sonnig und warm bleibe. Appelle des Wasserwerks an die Bevölkerung, Wasser zu sparen (s. auch „Kurz gefragt“), zeigten übrigens zunächst keine erkennbare Wirkung. So wurde seitens der Bezirksregierung die Schließung des Vennbades verfügt.

Die Stadt Monschau sperrte in den Schulen die Duschen ab, und auch die Wasserleitungen auf den Friedhöfen. Das verringerte dann den Tagesverbrauch im Verbandsgebiet von normalerweise 12.000 Kubikmeter auf rund 9000 Kubikmeter. Die nur noch zu einem guten Viertel gefüllte Talsperre brauchte dringend Wasser, aber woher nehmen?

Die buchstäblich naheliegendste Lösung wäre gewesen, Wasser aus Rur bei Dreistegen abzuzapfen, aber das Gesundheitsamt machte einen Strich durch die Rechnung, weil man aus hygienischer Sicht Bedenken wegen des geklärten Abwassers aus der Reinigungsanlage Kalterherberg hatte.

FOTO: grafik

So kam es dann zu einer sogenannten „fliegenden Leitung“ von der Oleftalsperre bei Hellenthal ins Einzugsgebiet der Perlenbachtalsperre. 180 Meter Höhenunterschied galt es zu überwinden. Am 18. September wurde mit dem Bau der provisorischen Notversorgung begonnen. Ein Bündel von Feuerwehrschläuchen sollte die sieben Kilometer lange Distanz zwischen den beiden Talsperren überwinden.

Etappenweise sollte es von Feuerwehrwagen zu Feuerwehrwagen hochgepumpt werden. So sollten 100 Liter Olefwasser pro Sekunde in den Fuhrtsbach gelangen, genau jene Menge, die durch den Verbrauch der Kunden auch sekündlich aus der Talsperre entnommen wird. Der Pegel der gut 800.000 Kubikmeter fassenden Perlenbachtalsperre näherte sich unterdessen der kritischen Marke von 200.000 Kubikmetern (also immer noch vier Mal so viel wie am 21. September 2020!). Ökologisch drohte ein „Umkippen“ der Talsperre. Gleichzeitig beschloss die Verbandsversammlung den Bau einer dauerhaften Notversorgung zum damaligen Kreiswasserwerk Roetgen.

Kurz gefragt ...

... Derk Buchsteiner, Kaufmännischer Leiter des Wasserwerks Perlenbach

Warum hat das Wasserwerk zu Beginn dieses Sommers, als sich die Situation ja bereits abzeichnete, nicht die Bevölkerung zum Wasser sparen aufgerufen, so wie 1999?

Buchsteiner: Der Aufruf vor 21 Jahren erfolgte nicht durch uns, sondern war eine behördliche Allgemeinverfügung der Bezirksregierung. Auch weil es damals noch keine Alternative in Form einer Notleitung gab. Ich halte solche Aufrufe aber ohnehin für fruchtlos, weil sie nicht kontrollierbar sind, zu Denunziation führen und im schlimmsten Fall nach hinten losgehen, weil jeder im Verborgenen noch seine Reserven sichert.

Ist denn in Notzeiten nicht eine Reduzierung der Mindestabgabe an die Rur möglich? Es sind immerhin 3,5 Millionen Liter Wasser, die da täglich weggehen.

Buchsteiner: Nein. Wir haben im letzten Jahr im Zuge eines Eilantrags versucht, die Mindestabgabe von 40 Litern je Sekunde zu halbieren, sind jedoch damit gescheitert, weil dies von einem längerfristigen Monitoring hätte begleitet werden müssen. Das ist leider nicht kurzfristig realisierbar.

Neben Mindestabgabe und Verdunstung verlassen dreimal in der Woche auch bestimmte Wassermengen die Talsperre in Richtung Belgien. Ist diese Unterstützung in Notzeiten noch haltbar?

Buchsteiner: Wir reden zum einen von geringen Mengen und zum anderen von Nachbarschaftshilfe über die Grenzen. Diese Hilfe aufzugeben, ist für uns jedenfalls bisher keine Option.

Am 20. September waren es 34 Kilometer Feuerwehrschläuche, verteilt auf vier Leitungsstränge, die kreuz und quer durch den Wald verlegt wurden. Trotz aller technischen Raffinesse schafften die Pumpen nur 66 Liter pro Sekunde. 220 Feuerwehrleute und 25 THW-Helfer aus dem gesamten Kreisgebiet sowie Düren und Euskirchen waren mit 18 Löschfahrzeugen rund um die Uhr in drei Schichten im Einsatz.

Im Wald herrschte ein irrer Betrieb, es war laut, und Unmengen von Kraftstoff wurden herangeschafft, um die Pumpen und Aggregate in Betrieb zu halten. Über einen Vorfluter gelangte das Wasser in den Fuhrtsbach und dann in die Talsperre. Unter diesen Voraussetzungen konnte die Trinkwasserversorgung für 60 Tage aufrecht erhalten werden.

Elf dramatische Tage

Eine Woche später trafen 36 Bundeswehrsoldaten zur Entlastung der übermüdeten freiwilligen Helfer ein. Am 24. September gab es den lang ersehnten kräftigen Niederschlag, was den natürlichen Zufluss zur Talsperre kurzfristig auf 224 Liter pro Sekunde und den Pegel um 19 Zentimeter ansteigen ließ. Zuvor hatte die Talsperre mit 194.000 Kubikmeter Inhalt ihren absoluten Tiefstand erreicht.

Filmaufnahmen in der trockenen Perlbachtalsperre: Unsere Redakteurin Ines Kubat dokumentierte am vergangenen Freitag den historischen Tiefststand des Monschauer Trinkwasserspeichers. FOTO: Heiner Schepp

Fünf Tage später, am 29. September 1999, wurde die so getaufte „Operation Wasserfall“ nach elf Tagen beendet. Den freiwilligen Helfer galt wegen dieses beispiellosen Einsatzes größte Hochachtung. Die Niederschläge waren wieder intensiver geworden, und als Pumpen und Schläuche abgebaut wurden, lag der Pegel der Talsperre bei beruhigenden 211.000 Kubikmetern. Tendenz steigend, hieß es voller Erleichterung.

Regen ist vorhergesagt

Ob man diese Tendenz auch in den kommenden Tagen wird erkennen können, wissen nicht mal die Meteorologen. Ab Donnerstag steht fast für jeden Tag Regen in der Prognose, doch die Frage ist: Wo genau und wie viel regnet es? „Es muss in Elsenborn regnen, nicht an der Talsperre“, sagt Derk Buchsteiner und ist noch skeptisch, ob die kommenden Tage Erleichterung bringen: „Den Regen nimmt erst einmal die Vegetation auf. Erst danach kommt es zum Abfluss und hoffentlich zu einer Entspannung.“

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