„Meine zweite Kraftinsel“: Gruppe für Kinder psychisch kranker Eltern

Wenn ein Elternteil psychisch erkrankt : „Meine zweite Kraftinsel“ für Kinder psychisch kranker Eltern

Zwischen drei und vier Millionen Kinder in Deutschland haben laut dem Deutschen Ärzteblatt (2010) psychisch erkrankte Eltern. Viele kranke Eltern verlieren aufgrund ihrer Erkrankung ihren Job, ihren Partner, ihr soziales Umfeld.

Vor Arbeitskollegen, Nachbarn und oft auch vor der eigenen Familie wird die Erkrankung verschwiegen. Die Kinder wissen nicht, dass das Verhalten der Eltern durch eine Krankheit verursacht wird. Sie merken nur, dass etwas komisch ist. Kinder, die mit einem psychisch erkrankten Elternteil aufwachsen, haben sehr feine Antennen, sie sind sensibel für Stimmungsschwankungen. Sie fragen sich, wie ihre Mutter oder ihr Vater sich heute wohl verhalten wird. Sind die Rollläden unten? Regt Mama sich heute wieder schnell auf?

Bruno, heute ein erwachsener Mann, der mit zwei psychisch erkrankten Elternteilen aufgewachsen ist, berichtet: „Ich habe täglich auf meine kleine Schwester aufgepasst. Ich fühlte mich sehr einsam und alleine. Ich schämte mich und lud keine Freunde zu mir nach Hause ein. Ich dachte, dass mit mir etwas nicht stimmt, weil meine Eltern sich nicht kümmern konnten.“ Die Kinder verhalten sich oft angepasst und übernehmen viel Verantwortung für das erkrankte Elternteil. Sie sprechen nicht über ihr zu Hause, weil sie die Erlaubnis dazu nicht erhalten oder, weil sie das Verhalten des Elternteils nicht einschätzen können. Die betroffenen Kinder fallen über einen langen Zeitraum nicht auf. Sie kümmern sich oftmals wenig um ihre eigenen Bedürfnisse, bis es ihnen selbst nicht gut geht.

Im September startet in der Beratungsstelle in Monschau zum fünften Mal eine Gruppe für Kinder im Alter zwischen sieben und elf Jahren, deren Eltern unter einer psychischen Erkrankung leiden. Mit dieser Gruppe möchte die Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche (in Trägerschaft des Vereins zur Förderung der Caritasarbeit im Bistum Aachen) betroffenen Familien Hilfe anbieten und Kindern einen Ort geben, an dem sie über die psychische Erkrankung reden und sich mit den damit verbundenen Gedanken, Gefühlen und Ängsten beschäftigen können.

Anne Klubert, die therapeutische Leitung der Gruppe, führt aus: „Wie Ergebnisse insbesondere der Coping- und Resilienzforschung zeigen, ist es für die Kinder von großer Bedeutung, sich mit Fragen rund um die Erkrankung mit kompetenten Ansprechpartnern auseinanderzusetzen, um die damit verbundenen Anforderungen gut bewältigen zu können. Die Kinder erhalten in der Gruppe Erklärungen über die Erkrankung und verstehen so, warum Mama oder Papa sich in bestimmten Lebenssituationen so verhalten. In der Gruppe wird das Gespür der Kinder für ihre eigenen Gefühle geschärft und sie werden unterstützt, ihre eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen.

Oftmals leiden die Kinder unter Schuldgefühlen. Sie glauben: „Hätte ich mir mehr Mühe gegeben, wäre ich noch lieber gewesen, dann wäre Mama bestimmt wieder gesund geworden.“ Kinder erfahren, dass sie keine Schuld haben an der Erkrankung der Eltern und dass es nicht in ihrer Macht steht, die Eltern durch Fürsorge gesund zu machen. Es stärkt die Kinder zu hören, dass andere Kinder die gleichen oder ähnlichen Erfahrungen in ihren Familien machen. Auch die Ressourcen in der Familie werden herausgearbeitet. Oftmals ist der Blick nur auf die Erkrankung gerichtet. Doch neben der Erkrankung finden auch schöne Dinge und Erlebnisse mit den Eltern, Nachbarn, Verwandten und Freunden statt, die die Kinder stärken können.

Die Kinder erleben in der Gruppe Zusammenhalt und Spaß durch gemeinsames Spielen und auch durch künstlerische und erlebnispädagogische Elemente. In einem Vorgespräch können Eltern alle Fragen und Unsicherheiten ansprechen. Erst danach wird gemeinsam entschieden, ob das Gruppenangebot für das Kind hilfreich sein kann. Durch Spendengelder ist es möglich, bei Bedarf einen Fahrdienst für die Kinder einzurichten.

Die Gruppe findet ab Oktober 14 Mal, immer montags von 15 bis 17 Uhr unter der Leitung von Anne Klubert (Kinder-und Jugendlichentherapeutin) statt. Ab sofort können sich interessierte Eltern bei der Beratungsstelle melden. Die Mitarbeiter freuen sich, Eltern und Kinder kennenzulernen und stehen für Antworten auf Fragen gerne zur Verfügung. Die Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendlichen bietet auch Beratung für die betroffenen Eltern an, da diese durch die psychische Erkrankung vor besonderen Aufgaben und Herausforderungen stehen.

Kontakt: Beratungsstelle für Eltern Kinder und Jugendliche der Caritas, Laufenstraße 22, Monschau, Tel. 02472/804515, E-Mail: eb-monschau@mercur.caritas-ac.de.

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