Heilerziehungspfleger bauen Brücken in der Eifel

Projekt mit Sekundarschule und CBW : Heilerziehungspfleger bauen Brücken in der Eifel

Wie gelingt es, eine Brücke zwischen Schülern und Menschen mit Behinderungen zu bauen? Wie lassen sich Schüler sensibilisieren, und vor allem: Wie lassen sich Ängste abbauen? Diesen und weiteren Fragen stellten sich drei angehende Heilerziehungspflegerinnen des Berufskollegs St.-Nikolaus-Stift Füssenich im Rahmen ihres Projektes mit der Sekundarschule Nordeifel.

Lena Hellenthal (20) aus Blankenheim, Natalie Schmitz (19) aus Nettersheim und Eva Franzen (22) aus Imgenbroich waren für ein insgesamt siebenwöchiges Projekt ein starkes Trio. Alle drei waren Feuer und Flamme für die Idee, Schüler und Menschen mit Behinderungen zusammenzubringen. Eva Franzen erklärt: „Uns dreien ist es wichtig, junge Menschen zu sensibilisieren. Viele wissen nicht, wie sie reagieren sollen, wenn sie auf einen Menschen mit Behinderung treffen. Oder benutzen ohne nachzudenken Worte wie ‚Spasti‘.“

Allen dreien war klar, dass sie nicht von oben herab mit den Schülern sprechen wollen, sondern in einem Workshop auf einer Ebene. Zunächst musste eine Schule her, die sich auf das Projekt einlässt. Die Sekundarschule Nordeifel bot sich mit ihrer AG „Jung und Alt“ der neunten Jahrgangsstufe an, und so trafen sich die drei Mädels mit der Lehrerin Sabine Defourny für ein erstes Konzeptgespräch. Lena Hellenthal zu dem Treffen: „Erstmal ging es darum herauszufinden, was uns wichtig ist und wie wir das vermitteln können. Außerdem wollten wir gerne den Beruf Heilerziehungspfleger vorstellen, denn viele kennen den gar nicht.“

Schule gibt dem Projekt Raum

15 Unterrichtsstunden ermöglichte Defourny den drei angehenden Heilerziehungspflegerinnen, die diese zu füllen wussten: Zunächst wurde der Beruf vorgestellt und den Schülern vermittelt, was es heißt, eine Behinderung zu haben. Hierfür simulierten die Schüler spielerisch verschiedene Behinderungen. Gehörlosigkeit wurde mit Gehörschutz dargestellt, Blindheit mit Augenbinden und Querschnittslähmung mit einem Stuhl. Natalie Schmitz erläutert das „Spiel“: „Alle Jugendlichen haben sich auf dem Schulhof verteilt, und wir haben ein Ziel definiert, wo sie alle gemeinsam hinfinden sollten. Dafür mussten die simulierten Gehörlosen erst die Blinden abholen und dann gemeinsam die Querschnittsgelähmten tragen. Jemand wollte nicht getragen werden, und es sollte natürlich keiner gezwungen werden. Also haben wir dann vermittelt, dass die Menschen mit Behinderung oft genau solchen Situationen ausgesetzt sind und sich das nicht ausgesucht haben.“ Eva Franzen: „Die größte Herausforderung dabei war die Kommunikation. Alle mussten sich aufeinander einlassen, und dann kann jeder jedem helfen. Manches schafft man eben nur gemeinsam.“

Nachdem die Schüler in den Vorbereitungsterminen von den drei Auszubildenden sensibilisiert wurden, ging es gemeinsam in die Caritas Betriebs- und Werkstätten GmbH (CBW) in Imgenbroich. „Obwohl sie so gut vorbereitet wurden, waren manche Jugendliche noch ängstlich, als es in die Werkstatt ging“, erläutert Lena Hellenthal. „Es kamen Fragen wie: ‚Habt ihr einen mit Tourette?’ ‚Schlagen die?’ Da wurde uns nochmal deutlich, dass die Schüler ihren Schutzraum Schule verlassen und wir diese Ängste abbauen müssen.“ Dies taten die drei, indem sie erklärten, welche verschiedenen Behinderungen die Menschen, die in der CBW in Imgenbroich arbeiten, haben und gaben ihnen Tipps für die Begegnung.

Natalie Schmitz: „Vielen ist nicht klar, dass es zum Beispiel für einen Rollstuhlfahrer angenehmer ist, wenn man in die Hocke geht und ihm so auf Augenhöhe begegnet. Auch hilft es, wenn man jemanden nicht versteht, auf die Lippen zu schauen oder einfach nachzufragen. Und ganz klar muss man sich auch trauen zu sagen, wenn man etwas nicht möchte.“

„Mit diesen Tipps konnten wir schon viele Ängste nehmen“, so Eva Franzen. Die Schüler bekamen eine Führung durch die verschiedenen Bereiche der CBW und lernten so, welche unterschiedlichen Tätigkeiten hier möglich sind. Darunter Küche, Metallverarbeitung und der Verpackungsbereich. Sie stellten Arbeiten vor, die die Menschen mit Behinderung gemacht haben, und schließlich gab es eine gemeinsame Pause. Eva Franzen: „In der Pause war die Stimmung richtig gelöst. Die Beschäftigten gingen auf die Schüler zu, erzählten von sich und wie sie zur CBW kamen und freuten sich über das Interesse der Schüler.“

Anschließend stellten alle gemeinsam Bienenwachstücher her. Hierfür wurde eine Arbeitskette geschaffen: Einer schnitt den Stoff zu, einer das Backpapier, und der 31-jährige Dario Körner war für die Verteilung der Wachspelletts zuständig. „Hierbei arbeiteten die Jugendlichen mit den Beschäftigten im wahrsten Sinne Hand in Hand, lernten sich kennen und konnten die letzten Ängste abbauen,“ berichtet Eva Franzen. Dario Körner hört Eva Franzen aufmerksam zu, wie sie von dem Prozess erzählt und zeigt sich glücklich über diese Erfahrung. Als sie ihn fragt, ob es ihm gefallen hat, zeichnet sich ein breites Lachen auf sein Gesicht, das für sich spricht.

Reflexion nach zwei Wochen ´

Zwei Wochen später kamen die drei angehenden Heilerziehungspfleger und die Schüler in lockerer Atmosphäre bei einem Frühstück in der Schule erneut zusammen und reflektierten die intensiven Begegnungen. Dabei zeigte sich, dass die Jugendlichen Sicherheit gewonnen haben und künftig öfter ihre Hilfe anbieten werden, beispielsweise beim Ausklappen der Rampe im Bus. Eva Franzen zieht ein Fazit: „Ich finde das wirklich toll, wie das Projekt die Schüler verändert hat. Besonders gerührt hat mich, wie ein Schüler, der zunächst ziemlich cool war, zu einem Beschäftigten sagte: ‚Ich bin richtig froh, dich kennengelernt zu haben!‘“

Die drei Heilerziehungspflegerinnen, die Schüler und die Beschäftigten sind sich einig: In diesem Projekt haben sie etwas fürs Leben gelernt.