Eis-Sensoren: Höhenarbeiten im Windpark Monschau

Höhenarbeiten im Windpark Monschau : Die auf den Rotorblättern tanzen

Einen spektakulären, aber auch risikoreichen Job haben die Industriekletterer einer kleinen Spezialfirma aus Brandenburg, die jetzt eine Woche lang im Windpark Monschau arbeiten. Sie rüsten die Anlage mit Eis-Sensoren nach.

Dem nicht schwindelfreien Reporter wird schon übel beim Zuschauen vom Boden aus. Unterdessen schweben Norman Lippert und seine Kollegen paarweise in rund 150 Metern Höhe scheinbar federleicht an den riesigen Rotorblättern der Höfener Windräder herunter. Es ist wahrlich ein luftiger Arbeitsplatz, den die Mitarbeiter der Firma Vertec Solutions da haben, um die fünf Anlagen des Windparks Monschau mit sogenannten Eis-Sensoren nachzurüsten und auszustatten.

Auftraggeber für diese spektakulären Arbeiten ist die Stawag, die die fünf Anlagen vom Typ Enercon-115 ab dem Jahr 2016 vom ostfriesischen Hersteller Enercon hat bauen lassen und 2017 als Windpark Monschau GmbH & Co. KG in Betrieb genommen hat. Mit einer Nabenhöhe von 149 Meter und einem Rotordurchmesser von 115,7 Meter reichen die modernen Anlagen weit über 200 Meter in den Eifelhimmel. Mit einer Leistung von jeweils drei Megawatt können die Riesenwindräder nach Angaben der Stadtwerke Aachen AG (Stawag) zusammen jährlich 48,1 Millionen Kilowattstunden erzeugen und damit rund 13 750 Haushalte mit Strom versorgen. Rund 30 Millionen Euro hat sich der Energielieferer das Projekt seinerzeit kosten lassen.

Die Ertragszahlen sind naturgemäß auch davon abhängig, wie gut der Eifelwind über die Höfener Höhen fegt und wie lange Ausfallzeiten zu Buche schlagen. Denn ab bestimmten Windgeschwindigkeiten und auch bei Eis und Schnee müssen die Energieerzeuger abgeschaltet werden, um Gefahren für Menschen und Tiere in unmittelbarer Umgebung oder auch von den Anlagen selbst abzuwenden. „Das Abschalten geschieht bislang manuell“, erläutert Vanessa Grein, stellvertretende Centerleiterin Kommunikation und Marke der Stadtwerke Aachen. Um diese Abläufe zu optimieren, haben findige Forscher nachrüstbare Systeme entwickelt, die auf dem Rotorblatt angebracht werden und eine Vereisung erkennen und per Funk an die Steuerung der Anlage melden, die das Windrad dann automatisch abschaltet. „Dazu musste bislang ein Techniker rausfahren, um die Anlage ab- und später auch wieder anzuschalten“, sagt Grein.

Man habe deshalb nach einer Lösung gesucht, um Aufwand und Ausfallzeiten zu minimieren, und habe sich schließlich für das nachrüstbare Sensorsystem der österreichischen Firma „eologix“ entschieden. Das System besteht aus einer Basisstation und mehreren flexiblen Sensoren, welche auf die Rotorblätter verteilt werden. Die Sensoren werden auf die Blattoberfläche geklebt, so dass keine Bohrungen oder Beschädigungen des Rotorblatts notwendig sind.

Auf der Suche nach einem Fachunternehmen für die Anbringung der neuen Technik wurde die Stawag dann in Brandenburg fündig. Die Firma Vertec Solutions (frei übersetzt „vertikale Lösungen“) hat es sich zur Aufgabe gemacht, professionelle Arbeiten an schwer erreichbaren Arbeitsplätzen mittels Seilzugangstechnik vorzunehmen. „Unsere Industriekletterer besitzen nicht nur Kletterqualifikationen nach höchstem internationalem Standard, sondern auch eine Ausbildung im betreffenden Handwerk oder jahrelange Erfahrung in den von uns angebotenen Bereichen“, erläutert Geschäftsführer Norman Lippert, der die Geschäftsidee vor zehn Jahren gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin entwickelte. Beide gehören auch selbst zum Team der 16 Kletterer, die sich mit viel Erfahrung in große Höhen begeben.

Norman Lippert (li.) und sein Kollege Birol Omerko bildeten bei den Arbeiten im Windpark Monschau ein Tandem, dass sich gemeinsam an den 115 Meter langen Rotorblättern abseilte und nach verrichteter Klebearbeit zurück zum Boden schwebte. Foto: Heiner Schepp

Norman Lippert bildete auch am Donnerstagmorgen mit seinem Kollegen Birol Omerko das Doppel, das an der Anlage 1151018 im Windpark Monschau arbeitete. „Aus Sicherheitsgründen klettern und montieren wir grundsätzlich zu zweit, und jeder unserer kletternden Mitarbeiter besitzt eine Zusatzausbildung in Höhenrettung“, sagt Norman Lippert. Dann geht es für ihn und seinen Kollegen mittels Aufzug hoch auf 150 Meter, wo in der Kabine im Inneren der Nabe letzte Vorbereitungen für die Montage und den Weg nach unten getroffen werden. Wichtigster Schritt ist zunächst das Arretieren von einem der Rotorblätter in exakt vertikaler Stellung, damit man sich dort herunterlassen kann.

Wenn sich in den kommenden Monaten Eis auf den Rotoren bildet, so stellt dies eine Gefahr für Menschen und Tiere in der unmittelbaren Umgebung der Windräder dar. Durch die Geschwindigkeit der Rotoren werden selbst aus dünnen Eisplatten gefährliche Geschosse. Künftig schaltet sich die Anlage jedoch automatisch ab, wenn der angebrachte Sensor eine Eisbildung meldet. Foto: Heiner Schepp

Von außen ist es schon ein spektakuläres Bild, wenn die Kletterer, mehrere lange Seile vorauswerfend, aus der Kapsel steigen und sich langsam an den mächtigen Blättern herunterlassen. Immer wieder unterbrechen sie den Abstieg für das Aufkleben der etwa Din-A4-großen Sensorblätter, die von besonders hochwertiger Qualität sein müssen, um hier oben gegen Wind und Wetter bestehen zu können. Schließlich herrscht in Höhe der Nabe eine deutlich höhere Windgeschwindigkeit als unten am Boden. „Heute sind es oben mehr als 10 Meter pro Sekunde Wind“, hat Norman Lippert gemessen und spricht von „nicht optimalen Bedingungen“. Gleichwohl konnten er und sein Team die Sensoren bei deutlich ruhigeren Verhältnissen anbringen als bei der Arbeit an Offshore-Anlagen auf hoher See, wo Vertical Solutions ebenfalls viel gefragt sind.

Nach gut zwei Stunden in der Luft geht es für die Kletterer mittels Seil schließlich zurück zum Boden und zum Kraft tanken für die nächste Klettertour – insgesamt drei je Anlage. Angst hat der erfahrene Firmengründer, der auch in seiner Freizeit vorzugsweise in den Bergen klettert, nicht mehr, wohl aber „gehörigen Respekt“, wie er gesteht. Dies sei aber auch notwendig, um die Konzentration bei der risikoreichen Arbeit hochzuhalten.

Nur so groß wie ein Dina-A4-Blatt ist der Sensor, der lediglich auf die Rotorblätter aufgeklebt wird und wichtige Informationen an das „Hirn“ der Energieanlage sendet. Foto: Heiner Schepp

Auch in Höfen ist alles glattgelaufen, das sehr internationale Klettererteam mit Lippert, seinem griechischen Kollegen Omerko sowie dem Schotten Joseph Owen Thomas und dem Polen Grzegorz Lisowski kehrte von allen Aufstiegen auch souverän wieder zum Boden zurück. Der Eifelwinter kann kommen.

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