"Carmen"-Aufführung auf der Monschauer Burg

„Carmen“ auf der Monschauer Burg : Gefesselt von Farbigkeit und Lebendigkeit

Georges Bizets Oper „Carmen“ erlebte man am Sonntagabend nicht zum ersten Mal auf der Monschauer Burg. Zuletzt vor fünf Jahren sah man das Werk in einer nahezu identischen Besetzung und Ausstattung.

Und wieder konnte die Darbietung das Festival-Publikum fesseln, das die Ränge des Burghofs zwar nicht ganz bis zum letzten Platz, aber doch in beeindruckender Zahl füllte. Selbst die äußeren Umstände – Stichwort „Eifel-Sommer“ – hatten im letzten Moment noch ein Einsehen, so dass das dramatische Geschehen auf der Bühne ohne klimatische Beeinträchtigungen vor sich gehen konnte.

Das bulgarische Ensemble, das die Oper zur Aufführung brachte, machte auch an diesem Abend seine Sache sehr gut. Das ausgezeichnete Programmheft gab dieses Mal sogar nähere Auskunft über das Orchester, das sich „Venezia Festival Opera“ nennt, entgegen dem Anschein sich aber doch aus bulgarischen Künstlern zusammensetzt. Man darf es gern glauben, dass die Gruppe zu den beliebtesten Tourneeklangkörpern Europas gehört.

Nur ist es ein wenig zu bedauern, dass sich über die Qualität des Orchesters an diesem Abend kein endgültiges Urteil abgeben ließ, da die Verstärkeranlage offenbar zu viel des Guten tat und speziell die Orchesterklänge doch sehr verzerrt über die Lautsprecher sandte. Immerhin merkte man dem engagierten Dirigat von Nayden Todorov die besondere Affinität der Künstler zum musikalischen Gehalt dieser Oper an. Besonders die temperamentvollen, von spanischer Folklore inspirierten Stellen konnten hinreißen.

Das dramatische Geschehen selbst, das Schicksal des bis dahin „braven Soldaten“ Don José, der durch die Begegnung mit der „femme fatale“ Carmen von seiner Lebensbahn abgebracht wird und sich letztlich nur mit dem Mord an der untreuen Geliebten zu helfen weiß – diese tragische Geschichte stammt aus einer Erzählung des französischen Dichters Prosper Mérimée. Diese wurde von den – als Librettisten Jacques Offenbachs bekannten – Literaten L. Halévy und H. Meilhac in eine Opernhandlung verwandelt, wobei nicht zu vermeiden war, dass es mancherlei Änderungen und Vereinfachungen gab.

Als besondere Zutat der Librettisten ist die Gestalt der Micaëla zu vermerken, die als Jugendfreundin Josés eingeführt wird, die es nicht vermag, ihn aus der fatalen Verstrickung mit Carmen zu lösen. Diese Figur ist dann aber fast so etwas wie eine verborgene Schlüsselgestalt in der Oper, der von Bizet eine ganz innerliche und zarte Musik gewidmet wird.

In der Monschauer Aufführung gelang es der Sopranistin Elena Baramova, diese scheiternde Lichtgestalt in einer zu Herzen gehenden Weise mit Leben zu erfüllen. Der Torero Escamillo, Josés Nebenbuhler, wurde von Ivaylo Dzhurov mit Intensität und Leidenschaft verkörpert. Der Don José von Georgi Dinev überzeugte mit einer stabilen musikalischen Leistung; seine darstellerischen Qualitäten zeigten sich vor allem in der atemberaubenden Schlussszene, wo ein innerlich zerrissener und gequälter Mensch keinen Ausweg mehr sieht. Im Zentrum allen Interesses stand naturgemäß die Titelgestalt selbst, Carmen, in der Verkörperung durch die deutsche Mezzosopranistin Christina Baader. Die Sicherheit und Souveränität der Künstlerin, die diese Partie immerhin schon mehr als neunzigmal auf die Bühne brachte, beeindruckte wiederum sehr.

Vielleicht kam diese selbstverständliche Vertrautheit mit der Rolle dem Element zugute, dass der Carmen in der Oper die menschlichen Folgen ihres unzügelbaren Freiheitsdranges offenbar gar nicht bewusst sind. So kam als geheimes Leitmotiv des ganzen Werkes der Widerstreit zwischen Freiheit und Verantwortung unversehens zutage. Das gesamte Ensemble einschließlich des Chors überzeugte in jeder Weise. Die Inszenierung, die Nadia Hristo besorgte, war geprägt von Farbigkeit und Lebendigkeit und fesselte die Zuschauer in jedem Moment. Das Publikum, das während der Aufführung etwas verhalten reagierte, spendete am Schluss herzlichen, teilweise enthusiastischen Beifall.

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