Leise Töne und laute Motoren: Weltkriegsgedenken in Roetgen

Denkmal am Westwall : Gedenken an Gefallene und Befreiung

Ein Denkmal erinnert seit dem Wochenende am Westwall in Roetgen an die Geschehnisse der Weltkriege und gedenkt der Menschen, die dort ihr Leben ließen. Das Denkmal soll aber nicht nur erinnern, sondern erfüllt noch eine ganz andere Funktion.

„Ich bin sehr berührt. Dieser Platz der Erinnerung bringt mich mit meinem Großvater wieder zusammen“, sagt Jeannie Hubbard unter Tränen, wenige Minuten, nachdem das Gefallen-Denkmal in Roetgen an der Höckerlinie enthüllt worden ist. Jeannie Hubbard lebt in Utah/USA und ist die Enkelin von Lieutenant Richard S. Burrows, der nur wenige hundert Meter vom neuen Gedenkstein entfernt am 12. September 1944 im Vichtbachtal sein Leben verlor.

Als der US-Soldat aus seinem Panzer kletterte, um die Lage zu erkunden, wurde er durch Infanteriefeuer aus deutschen Stellungen an der Höckerlinie erschossen. Viele weitere Angehörige von Richard Burrows haben den weiten Weg auf sich genommen, um der Enthüllung des Gedenksteins beizuwohnen, der auf Initiative des Heimat- und Geschichtsverein (HeuGeVe) Roetgen unmittelbar an der L 238 errichtet wurde. Im Rahmen eines Festaktes wurde die Gedenkstätte am Samstagnachmittag der Öffentlichkeit vorgestellt. Rund 200 Gäste hatten sich aus diesem Anlass an der Höckerlinie eingefunden.

Ein emotionaler Moment war die Feierstunde aber auch für die Familie des aus dem Rheingau stammenden Oberfeldwebels. Heinrich Brunk. Einen Tag später, am 13. September 1944, wurde der Wehrmachtssoldat nahe Rott ebenfalls ein Opfer der Kampfhandlungen. Die beiden Kriegstoten fanden ihre letzte Ruhe auf dem amerikanischen Soldatenfriedhof Henri Chapelle in Belgien bzw. auf dem Soldatenfriedhof Hürtgenwald. Das Denkmal mit den Fotos der beiden Soldaten wurde stellvertretend für die Opfer der beiden Weltkriege errichtet, ist auf einer Inschrift zu lesen.

Eine beeindruckende Reihe

Mit der Enthüllung des Denkmals fand in Roetgen eine weitere denkwürdige Veranstaltung statt, war doch Roetgen die erste deutsche Kommune, die am 12. September 1944 mit dem Einmarsch amerikanischer Truppen vom Nazi-Regime befreit wurde. Weil Roetgen nun einmal dieser besondere Platz in der Geschichte zufällt, fand in den zurückliegenden beiden Wochen hier auch ein beeindruckender Veranstaltungsreigen statt. Unter das Motto „75 Jahre Ende der NS-Diktatur“ hatte der HeuGeVe die Feierstunde gestellt. Fast einem Volksfest ähnelte im Spätsommerschein die Szenerie an der Höckerlinie. Das Westwall-Grundstück an der Vicht hat der HeuGeVe im Jahr 2017 erworben und in aufwendiger Arbeit von Unrat und Wildwuchs befreit, so dass der Ursprungszustand der fünfreihigen Beton-Höckerlinie nun wieder sichtbar ist.

Ein Denkmal für die Gefallenen der beiden Weltkriegs: Auch die Enkelin des  nahe der Höckerline  getöteten US-Soldaten Lieutenant Richard S. Burrows, Jeannie Hubbard (Mi.,li.), war aus Utah zur Feierstunde nach Roetgen gekommen. Foto: Peter Stollenwek/Peter Stollenwerk

Eröffnet wurde die knapp zweistündige Feierstunde unter der Moderation von Marlo Strauß vom HeuGeVe mit einem spektakulären Konvoi von historischen US-Militärfahrzeugen. Es hatte schon einen zwiespältigen historischen Symbolcharakter, als die insgesamt sieben Fahrzeuge quer durch die Höckerlinie rollten, um sich dann fotowirksam in Position zu rücken, während die Kinder die gepflegten Höckerreihen längst als Spielplatz entdeckt hatten. Die Gruppe stammt aus dem belgischen Verviers, und ist in diesem Herbst stark gefragt. Erst kürzlich war der Konvoi noch in der Normandie im Einsatz.

Ein langer Weg

Franz Schroeder, der 1. Vorsitzende des HeuGeVe, begrüßte zur Feierstunde besonders die Angehörigen der beiden gefallenen Soldaten. „Vor genau 75 Jahren und zwei Tagen fanden hier jene Ereignisse statt, um die es heute geht“, sagte Schroeder. Für den HeuGeVe sei es ein langer Weg gewesen, ehe der Gedenkstein an diesem historisch geschichtsträchtigen Ort habe errichtet werden können.

Die Bundestagsabgeordnete Claudia Moll sah in dem Denkmal einen wichtigen Beitrag zur Bewältigung der Kriegsereignisse. Die heutige Generation trage die Verantwortung dafür, „dass sich der Wahnsinn des Krieges“ nie mehr wiederhole.

Für Städteregionsrätin Elisabeth Paul war „75 Jahre Freiheit das Motto des Tages“. Bewusst sage sie, dass Roetgen als erste deutsche Gemeinde im Zweiten Weltkrieg „befreit wurde“. Unter dem Beifall der Anwesenden rief sie dazu auf, dass heute „alle wirklichen Demokraten gegen die AfD aufstehen müssen. Das ist unsere Verpflichtung!“ 75 Jahre Freiheit, so Paul, sei ein Tag der Freude, aber auch des Gedenkens.

Erwin Güsting, Bürgermeister von Roetgens belgischer Nachbarkommune Raeren, sah sich in der heutigen Zeit als „Nachbar, Partner und Freund“. Auch seine Gemeinde habe das 1944 das Glück gehabt, „von den Westmächten befreit zu werden – nur einige Stunden früher als Roetgen“. Von diesem Tage an sei Frieden eingekehrt und später dann die offenen Grenzen.

„Wir feiern 75 Jahre Freiheit“, betonte Roetgens Bürgermeister Jorma Klauss, „denn vor 75 Jahren hat ein Akt der Befreiung stattgefunden“. Mit Blick auf die zahlreichen Veranstaltungen in Roetgen sagte Klauss, dass der Gemeinde Roetgen als erste befreite Gemeinde eine „besondere Verpflichtung“ zukomme. In diesem Zusammenhang dankte er den zahlreichen Institutionen und Vereinen für die Mitwirkung und besonders auch dem HeuGeVe, „der einen wichtigen Beitrag für unser Gemeinwesen leistet“. Gerhard Kristan, der 2. Vorsitzende des HeuGeVe, sah die Gefahr, dass der Schrecken des Krieges mit den Jahren verblasse. Dies zu verhindern, sehe der Verein als eine seiner Aufgaben an, und aus dieser Verantwortung heraus habe man den Gedenkstein errichtet.

Unter den Klängen der Musikvereinigung Roetgen wurde anschließend der zuvor von einer deutschen und amerikanischen Flagge bedeckte Gedenkstein enthüllt. Die anschließende Einsegnung der Gedenkstätte nahm Pfarrer Wolfgang Köhne vor. Für weitere musikalische Zwischenspiele hatten auch die Jagdhornbläser des Hegerings Roetgen gesorgt.

Bevor der Militär-Konvoi den Rückzug antrat, zog Franz Schroeder noch eine kurze Bilanz der Feierstunde: „Die große Resonanz an der Veranstaltung zeigt, dass wir mit unseren Ideen nicht so falsch liegen.“ Das Gefallenen-Denkmal möge, so sein Wunsch, „einen winzigen Schritt zum Frieden in der Welt leisten“.

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