Einruhr: Lautlos und elegant auf dem Obersee unterwegs

Einruhr : Lautlos und elegant auf dem Obersee unterwegs

Dreimal läutet Rurseekapitän Felix Stollenwerk die in der Morgensonne glänzende goldfarbene Schiffsglocke. So ist es jeden Morgen Tradition vor Antritt der ersten Fahrt. „In Gottes Namen“ sagt der Kapitän der Rurseeschifffahrt Schwammenauel, denn die Seeleute glauben fest daran, dass dieses kleine Ritual sie davor bewahrt, unterzugehen.

Auf der Rurtalsperre hat das bisher funktioniert. Hier ist noch nie ein Schiff abgetaucht. Dennoch sind für den Falle der Fälle 250 Rettungswesten an Bord.

Solche Besonderheiten aus dem Alltag eines Rurseekapitäns und noch viel mehr Wissenswertes rund um die Rurseeflotte erfuhren jetzt rund 20 Leser, die auf Einladung des Medienhauses Aachen im Rahmen der Aktion „Aboplus“ eine nicht alltägliche Ausfahrt auf dem Obersee bei Einruhr erleben durften. Die Teilnehmer der kleinen Exkursion zu früher Morgenstunde hatten die seltene Gelegenheit, das neue Aushängeschild der Rurseeflotte, die erst vor drei Wochen getaufte St. Nikolaus, ganz aus der Nähe kennenzulernen.

Das neue 250 Personen fassende Fahrgastschiff war in zehnmonatiger Arbeit auf der Lux-Werft in Mondorf bei Bonn nach den Vorstellungen des Eifeler Unternehmens gebaut und am 2. März in den noch komplett vereisten Obersee eingewässert worden. Nach knapp einwöchiger Reise per Schwertransport durch die Eifel war das Schiff unversehrt am neuen Bestimmungsort gelandet.

Keine Frage bleibt offen

Bei inzwischen sommerlichen Temperaturen wurde die Lesergruppe an der Anlegestelle Einruhr von Redakteur Peter Stollenwerk begrüßt, ehe dann der Rurseekapitän den fachlichen Part übernahm und keine Antwort auf die zahlreichen Fragen zur Technik und zum Betrieb der St. Nikolaus schuldig blieb. 30 Meter lang ist das neue Schiff, 7,20 Meter breit und maximal 14 Kilometer pro Stunde schnell.

75 Tonnen wiegt das elegant wirkende Fahrgastschiff. Die Bauweise des Ein-Rumpf-Schiffes wird als „Knickspanter“ bezeichnet. Herzstück des Schiffes ist der Batteriekeller, wo die insgesamt 3,8 Tonnen schweren Energiespender eingebaut sind. Die 750-Volt-Batterien sorgen für rund 85 PS Leistung. 20 Stunden müssen die Akkus ans Netz, dann sie zu 100 Prozent geladen.

Diese Zeit bleibt aber nicht immer, also fährt das Schiff mit rund 70-prozentiger Kapazität, was aber problemlos für einen Tag Pendelverkehr zwischen Einruhr, Rurberg und der Urfttalsperre ausreicht. Die St. Nikolaus verkehrt im Wechsel mit der „Seensucht“, dem zweiten Fahrgastschiff auf dem Obersee, das mit 115 Tonnen Gewicht deutlich korpulenter wirkt.

Der Elektroantrieb ist Voraussetzung für die Personenschifffahrt auf dem Obersee, denn der 23 Millionen Kubikmeter fassende Stausee liefert Trinkwasser für die Menschen im Raum Aachen/Heinsberg.

Ein halbes Megawatt Leistung produzieren die Batterien, und diese Energie bleibt auch im Winter, wenn der Fahrgastbetrieb ruht, nicht ungenutzt. Sie dient dann dem örtlichen Netzbetreiber zur Stromversorgung, der mit dieser Reserve Spannungsschwankungen ausgleichen kann.

„Ein tolles Schiff“, nickten die Teilnehmer anerkennend, und einige Leser nutzten später auch noch die Gelegenheit zu einer ausgedehnten Tour über die naturnahe Eifeler Seenplatte. Aber zunächst einmal schob Schiffsführer Felix Stollenwerk im Salon der St. Nikolaus Tische und Stühle beiseite, damit die Leser Einblick in die Energie-Versorgungskammer unten im Schiffsrumpf nehmen konnten und ebenso auch in den Maschinenraum.

Selbst bei voller Fahrt können die Gäste die Fahrt entlang der unberührten Natur des Nationalparks Eifel ungestört genießen, denn lautlos gleitet die St. Nikolaus über die Wasserfläche — nur begleitet vom Plätschern des Bugwassers und dem Schnattern vorbeiziehender Stockenten.

Diese Nähe zur Natur genießen an schönen Wochenenden zwischen 800 und 1000 Gäste auf der St. Nikolaus. Bildete der Obersee bis vor gut zehn Jahren nur ein kleines Zusatzgeschäft für die Rurseeschifffahrt, so ist er heute mit rund 250.000 Fahrgästen gegenüber dem Rursee, wo ebenfalls zwei Schiffe verkehren, fast gleichgestellt. „Der Nationalpark Eifel und das Angebot in Vogelsang haben entscheidend dazu beigetragen“, erläutert Felix Stollenwerk.

Tradition seit Kaisers Zeiten

Dabei hat die Personenschifffahrt auf den Eifeler Seen schon eine weit über 100-jährige Tradition, wie Rurseekapitän Rudolf Baum bei einem kleinen Ausflug in die Historie erläuterte. Ab 1905 bereits verkehrte ein Fahrgastschiff auf der Urfttalsperre, und Kaiser Wilhelm II. erschien persönlich zur Jungfernfahrt. Von den einst drei feudalen Hotels am Ufer des Urftsees ist inzwischen aber nichts mehr zu sehen.

Mit so vielen Informationen ausgestattet, nahmen die Teilnehmer noch gerne das Angebot zu einer Minirunde auf dem Obersee an, ehe sie dann bestens gelaunt von Bord schritten.

(P. St.)