Schleiden: Krimi-Hotel an „Täterort” der Nazis: Geschmacklos?

Schleiden: Krimi-Hotel an „Täterort” der Nazis: Geschmacklos?

Und wieder steht man auf Vogelsang vor der Frage: „Darf man das?”. Sollte man an einem „Täterort” der Nazis - wie die frühere Ordensburg der Nazis schon mal bezeichnet wurde - ein Krimi-Hotel bauen? „An einem Ort, wo Massenmörder ausgebildet und geschult wurden, Krimihappenings zu veranstalten, ist für mich geschmacklos”, sagte der Grünen-Bundestagsabgeordnete Oliver Krischer.

Der gebürtige Eifeler äußerte als erster diese Bedenken öffentlich. Er habe danach viele zustimmende Mails bekommen, sagte der Politiker.

Ein Projektentwickler aus der Region will im nächsten Jahr einen in den 50er Jahren gebauten Kasernenbau für rund 20 Millionen Euro zu einem Drei- bis Vier-Sterne-Hotel mit dem Schwerpunkt Krimi umbauen. Zu den Angeboten sollen Seminare, Kino, Schauspielakademie und Bibliothek gehören. Das Eifeler Planungsbüro Ernst und Neuberger Consult rechnet mit 50.000 Übernachtungen im Jahr und mit bis zu 200 Arbeitsplätzen.

NRW-Landesumweltminister Johannes Remmel (Grüne) lehnt das Projekt ab. Ein Krimihotel habe mit dem eigentlichen Ziel des Nationalparks Eifel, Besucher für die Natur zu interessieren und sensibilisieren wenig zu tun. „Ich halte daher die Planung für das Hotel, gerade an einem solchen Ort der Erinnerung, für nicht vertretbar”, stellte der Minister auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur fest.

Bei der Standortentwicklungsgesellschaft (SEV) zeigt man sich erstaunt. Der Minister sei unlängst zu einer Radiodiskussion auf Vogelsang gewesen. „Und da hat er sich spontan sehr positiv zu dem Krimiresort geäußert”, sagte der SEV-Geschäftsführer Thomas Fischer- Rheinbach. Das Projekt sei noch in der Entwicklungsphase. Eine wichtige Diskussion finde an diesem Donnerstag (28. Oktober) beim „Regionalforum” auf breiter Ebene statt.

Vogelsang galt von Anfang an als schwieriger Standort für die Vermarktung: Nazi-Vergangenheit, 70.0000 Quadratmeter „tote” Nutzfläche und denkmalgeschützte, aber veraltete Gebäude. Das Land pumpt Millionen in die Umnutzung, erwartet aber im Gegenzug Privatinvestitionen in gleicher Höhe. „Wir werden doch nicht hingehen und einem Interessenten, der mehr als 20 Millionen investieren will und den Standort damit wirtschaftlich stabiler machen will, den moralischen Zeigefinger heben”, sagt Fischer-Rheinbach.

Grundlage der Diskussion sind Erkenntisse, dass fast alle Junker, die auf Vogelsang ausgebildet wurden, später an Massenmorden im Osten beteiligt waren. Vogelsang habe eine zentrale Bedeutung bei der Ausbildung von Mördern gehabt, hieß es vor vier Jahren nach der Sichtung eines Archivs.

„Es ist ein zweischneidiges Schwert”, bekennt der Bürgermeister von Schleiden, Ralf Hergarten. Er verstehe das Hotelprojekt als Beitrag zur Ausbildung von Schauspielern und Schriftstellern, also als Förderung der freien Kunst, die von den Nazis unterdrückt worden sei. Im Rat deute sich eine breite Zustimmung an.

Die Umnutzung von Vogelsang ist eine Gratwanderung im Schatten der Vergangenheit. Gleich zu Beginn war ein erbitterter Streit entbrannt über die im Originalzustand erhaltene „Burgschänke”, der zentralen Gastronomie auf Vogelsang. Ideal für die neue Gastronomie, meinten die einen. Unmöglich, fanden Historiker: Man könne doch nicht die Vergnügungsstätte der NS-Junker zur Kneipe machen.

Heiße Diskussionen hatte es auch um die Nutzung der Schwimmhalle mit einem knapp vier Meter hohen Mosaik mit rassistischer Anmutung gegeben. Dann durfte das Schulschwimmen doch stattfinden. „Nicht anrüchig”, war man sich zuletzt einig.

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