Simmerath: Kräftezehrende Rettungsaktion: Übung am Helena-Stollenwerk-Haus

Simmerath: Kräftezehrende Rettungsaktion: Übung am Helena-Stollenwerk-Haus

Es ist eine Feuerwehrübung, die an den Kräften zehrt. Um 19 Uhr werden die Löschgruppen aus Simmerath, Kesternich, Eicherscheid und Imgenbroich alarmiert. Der Dachstuhl des Helena-Stollenwerk-Hauses in Simmerath brennt.

Die meisten Bewohner sind nicht mobil. Einige sitzen in ihren Rollstühlen im Obergeschoss fest, den Aufzug können sie im Brandfall nicht benutzen. Andere Bewohner liegen schon im Bett. Marcel ist einer von ihnen. Er ist mehrfach-schwerstbehindert und kann sich nicht selbst retten. Bei der Übung hat Marcel eine besonders wichtige Aufgabe. Er ist aufgeregt: Marcel wird über die Drehleiter gerettet und darf über den Garten des Hauses fliegen. „Die Balkone gelten als Rettungswege. Für mich ist ganz entscheidend zu sehen, ob diese Form der Rettung auch funktioniert”, sagt Simmeraths Löschgruppenführer Werner Graff.

Schließlich sei es eine Herausforderung, eine 80 Kilogramm schwere Person samt Matratze auf die Drehleiter zu hieven. Und es ist eine Aktion, die Zeit kostet, zumal die Wehrleute die spezielle Rettungsmatratze, die Tragegriffe und Gurte umfasst, zum ersten Mal sehen. Trotz Anlaufschwierigkeiten gelingt die Rettung und Marcel wird wohlbehalten zum Sammelplatz gebracht, wo der Rettungsdienst wartet.

Im Ernstfall würden die Rettungskräfte natürlich nicht so viel Zeit verstreichen lassen, um eine unbekannte Vorrichtung auszuprobieren. Aber, wie die Feuerwehrleute so schön sagen: „Es heißt Übung. Würden wir schon alles können, hieße es Könnung.”

Erfahrungen sammeln

Und es geht bei der Übung eben auch darum, die Rettungsdecken für bettlägerige Menschen kennenzulernen, sie auszuprobieren und im Umgang damit Sicherheit zu gewinnen. Es geht darum, Erfahrungen zu sammeln, wie man Menschen möglichst schnell und einfach aus Pflegebetten herausnimmt. Im Ernstfall bringt diese Erfahrung wichtigen Zeitgewinn.

Sicherheit soll die Übung auch im Umgang mit behinderten Menschen bringen. „Natürlich gibt es Hemmungen und Berührungsängste”, sagt Löschgruppenführer Werner Graff. Die Wehrleute schlagen sich prima. Es ist rührend, wie liebevoll sie sich um Marcel, Selma, Mesut und Co. kümmern. Einfach ist es nicht. Eine Rollstuhlfahrerin, die gerade von den Wehrleuten die Treppe heruntergetragen wird, schimpft mit ihren Rettern. Behinderte Menschen sind in diesem Punkt direkter, unkonventionell. Als die Feuerwehr leute die junge Frau wieder absetzen gibt es aber doch ein Lob: „Das habt ihr gut gemacht”, sagt sie lachend. Es kostet Kraft, einen Rollstuhl mit Person die Treppe runterzutragen.

Vor der Sammelstelle die nächste Hürde: Nicht jeder Bewohner kann sich äußern, nicht jeder seinen Namen nennen. Einfallsreichtum ist nötig: Thomas Jansen, Feuerwehr Eicherscheid, fragt kurzerhand andere Bewohner, wie sie die Person nennen. Die Liste wird langsam komplettiert. Und auch die Betreuer haben den Überblick. „Im Ernstfall dürfen sie die Sammelstelle nicht verlassen, denn nur sie können uns sagen, ob noch jemand fehlt”, erklärt Herbert Pelzer. Schließlich gelte es zu vermeiden, dass sich die Retter unnötig in Gefahr begeben.

Lehren ziehen

Bei der Übung sind nicht alle Bewohner des Hauses dabei. „Für unsere autistischen Bewohner wäre das eine zu große Belastung”, erklärt Betreuer Conny Boitz.

Auch er hat für das Helena-Stollenwerk-Haus Lehren aus der Übung gezogen. Es ist aufgefallen, dass nicht alle Rettungsmatratzen vollständig sind, andere qualitativ nicht gut genug. Vorgeschrieben sind diese Matten zwar nicht, aber das Haus will neue anschaffen, bessere. „Deswegen sind solche Übungen so unersetzlich”, sagt Graff. „Sie bewirken, dass sich Feuerwehr und die Betroffenen mit Themen befassen und Probleme angehen können.”

Vor einigen Jahren hat es schon einmal eine Übung am Helena-Stollenwerk-Haus gegeben. Da ist das Fahrzeug mit der Drehleiter schon in der Einfahrt aufgesetzt. „Im Ernstfall ein Desaster”, kommentiert Graff rückblickend. Der Umbau ist vollendet, die Drehleiter hat jetzt Platz genug, der Rettungsweg wird seiner Aufgabe gerecht. Und beim nächsten Mal wissen auch alle Wehrleute sofort, wo genau im Fahrzeug der Dreiecksschlüssel für den Poller ist. „Man kann immer noch etwas verbessern”, kommentiert Graff. Bei der Nachbetrachtung werden die Probleme und Schnitzer angesprochen und beim nächsten Mal sind die Feuerwehrleute noch ein bisschen besser.

Schön, dass die ehrenamtlichen Helfer sich Zeit für solche Lehrstunden nehmen. Und schön, wenn sie ihr Wissen nie anwenden müssen.