Konzept "Offene Kirche" sorgt für bis zu 2000 Besucher am Tag

Sanierung abgeschlossen : Die Stadtkirche, ein besonderer Ort für Alle

Von der Rurstraße aus schweift der Blick über die filigrane Brücke, durch das geöffnete, mächtige Portal direkt bis zur weiß-goldenen Kanzel im Inneren des Gebäudes. Jeder, der durch die Stadt geht, soll sehen, was hier in den vergangenen 14 Jahren passiert ist.

Und jeder ist eingeladen, sich ein Bild von der neuen „alten“ Evangelischen Stadtkirche im Herzen der Monschauer Altstadt zu machen.

Was im Jahr 2005 mit der Schreckensnachricht vom maroden Turm auf dem mehr als 200 Jahre alten Gebäude begann, wurde vor wenigen Tagen offiziell abgeschlossen: Nach annähernd 14 Jahren umfangreicher Instandsetzung und teilweiser Schließung erstrahlt die Evangelische Stadtkirche Monschau in neuem „alten“ Glanz. „Denn das runderneuerte Gebäude gibt die Epoche seiner Entstehung Ende des 18. Jahrhunderts als Kirche der Aufklärung authentisch wieder“, berichtete Pfarrer Jens-Peter Bentzin im Pressegespräch.

Die Predigtkirche wurde in den Jahren 1787 bis 1789 im sehr eleganten Stil Louis XVI. an zentraler Stelle an der Rur erbaut. Heutzutage gibt es in Deutschland keine weitere erhaltene Kirche im Stil des „Louis Seize“, so dass die Stadtkirche Monschau auch offiziell als „Denkmal von nationaler Bedeutung“ anerkannt wurde. Dies spielte auch eine wichtige Rolle bei der Finanzierung der mehr als zwei Millionen Euro teuren Aufträge, die nur mit zahlreichen Spenden, Fördergeldern und Einnahmen aus Benefizveranstaltungen gestämmt werden konnten.

Der wohl spektakulärste Teil der 14-jährigen Sanierungsarbeiten: Am 21. Oktober 2005 wurde der Turm der Evangelischen Kirche in zwei Teilen von mächtigen Kränen heruntergehoben, um ihn weitgehend erneuern zu können. Foto: Archiv/Peter Stollenwerk

Zwei wichtige Maßnahmen kamen ganz zum Schluss der Sanierung: Bereits im vergangenen Frühjahr konnte die Wilbrandorgel, deren Gehäuse aus dem Jahr 1810 stammt, die 1981 technisch neu gebaut und dann 2017 generalsaniert wurde, wieder in Betrieb genommen werden. Und im Januar 2019 folgte zum Abschluss der Arbeiten die Aufarbeitung des Kirchenbodens aus Aachener Blaustein. „Der Boden hatte vor allem in der 14-jährigen Bauzeit mächtig gelitten und musste grundgereinigt, repariert, geschliffen und gehärtet werden“, berichtete Bentzin und verriet: „Weite Teile des Bodens sind 40 Jahre alt; aber wer genau hinsieht entdeckt auch noch die Stellen, die im Original von 1789 erhalten sind.“

Der rührige evangelische Pfarrer, der in den wohl 14 härtesten Jahren in der Geschichte der Kirchengemeinde ein unermüdlicher Motor und Inspirator war, gerät förmlich ins Schwärmen, wenn er über „seine Kirche“ und ihre Verwandlung berichtet. „Es war damals, 2005, eine klassische Gemeinde-Gottesdienst-Kirche – mit schmalen Gängen, einem Kirchenraum voller Bänke und einer dunklen Farbgebung“, erinnert er sich. Nun seien alle Barrieren auf dem Weg ins Herz der Kirche abgebaut. Die Offenheit unterstütze nun die Sogwirkung von außen und gebe den Blick frei bis zur Kanzel. „Früher war die Tür zur Kirche meistens geschlossen, doch 2014 wagten wir das Experiment, das Tor an den lichten Stunden im Sommer offen zu lassen.

Durchschaubar: Die rund 3000 erneuerten, transparenten Waldglasscheiben der großen Kirchenfenster erlauben den Blick in die historische Altstadt rings um die Stadtkirche - und sie erlauben von außen den Blick ins helle Kircheninnere. Foto: Heiner Schepp

Und es passierte etwas Wunderbares: Die Menschen kamen, ja sie strömten förmlich in unsere Kirche, an manchen Tagen zählten wir bis zu 2000 Menschen hier“, erklärt Pfarrer Bentzin. Genau das sei das Konzept einer „Offenen Kirche“, erläutert er: „Diese Kirche ist für alle Menschen da, die in der Stadt sind, egal welcher Herkunft oder Konfession!“ Deshalb habe man auch die Namensgebung von Evangelischer Kirche in Stadtkirche geändert.

Die Menschen, so habe man erfreut festgestellt, kämen aber nicht nur in die Kirche hinein, sondern sie würden den Aufenthalt hier auch genießen und den schönen Raum auf sich wirken lassen. „Das lesen wir in vielen interessanten und freundlichen Einträgen in unserem Gästebuch“, so Bentzin.

Sie unterstützen die "offene Kirche" und möchten die Stadtkirche als Kulturstätte etablieren (von links): Birgit Röseler, Pfarrer Bentzin, Jan Wattjes und Andrea Deutz in der geöffneten Tür, die schon von der Rurstraße aus den Blick bis zum Altar freigibt. Foto: Heiner Schepp

Die Offenheit möchte man aber auch nutzen, um die Stadtkirche als Ort der Kultur zu etablieren. Zahlreiche Veranstaltungen – Lesungen, Theater, Ausstellungen und vor allem Konzerte – sind bereits terminiert (siehe gesonderten Bericht auf der 2. Lokalseite).

Natürlich ist die Stadtkirche aber für Gemeinde und Gäste weiterhin auch ein Ort für Gottesdienst und Gebet. Sonntags um 11.15 Uhr und jetzt schon über vier Jahre jeweils am Mittwochabend um 18.30 Uhr gibt es ein nach Art der anglikanischen Kirche gestaltetes Abendgebet, „Abendlob“ genannt. Außerdem ist das lichte, freundliche Gebäude im Herzen der Monschauer Altstadt mit seinem festlichen Ambiente als Ort für Trauungen und Taufen sehr gefragt.

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