Stolberg: Kirchenkreis fordert Aktion gegen Armut

Stolberg: Kirchenkreis fordert Aktion gegen Armut

Es ist schon ein wenig grotesk: Deutschland ist das kinderärmste Land Europas, die Geburtenraten sind seit Jahren rückläufig. Und von den wenigen Kindern, die in Zukunft das Wohl der Gesellschaft aufrecht erhalten sollen, sind immer mehr - mittlerweile jedes sechste Kind - von Armut bedroht.

Ein Trend, der nicht nur alarmierend ist, sondern in der Öffentlichkeit oft so gar nicht wahrgenommen wird. „Deswegen ist es unsere Aufgabe, diesen Skandal deutlich zu benennen”, sagt Pfarrer Hans-Peter Bruckhoff, Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Aachen. „Kinderarmut ist nach wie vor ein gesellschaftspolitischer Skandal. Daran hat sich nichts geändert.”

Der Kirchenkreis rückte das Thema aus diesem Grund in den Mittelpunkt seiner Kreissynode im Gemeindezentrum Frankental in Stolberg. Mehr als 100 Vertreter der 13 Kirchenkreis-Gemeinden tauschten Erfahrungen und Gedanken zum Thema aus, diskutierten und fassten die Ergebnisse in einem Votum zusammen, das als Kampfansage gegen die steigende Kinderarmut verstanden werden darf. Darin plädiert die Kreissy-node unter anderem für eine Verbesserung der Infrastruktur in öffentlichen Bildungseinrichtungen und kostenlosen Zugang zu diesen.

Mittelfristig fordern die Kirchenvertreter die Einführung einer Kindergrundsicherung. „Aber es geht vor allem darum, den Blick auf Kinderarmut zu schärfen und das Thema in der Öffentlichkeit und in den politischen Debatten präsent zu machen. Es geht schließlich um Kinder, die versorgt werden müssen”, betonte Bruckhoff.

Die Folgen von Kinderarmut seien gravierend, sagte Doris Sandbrink, Vize-Leiterin des Evangelischen Erwachsenenbildungswerkes Nordrhein. So belegen Studien, dass von Armut bedrohte Kinder ungesünder leben, geringere Bildungschancen oder weniger Freunde haben. „Diese Folgen wären vermeidbar, wenn in der Politik und in der Praxis Präventionsstrategien uneingeschränkte Priorität bekämen”, erklärte Sandbrink, die „nachhaltige Erziehungs- und Bildungspartnerschaften zwischen professionellen Akteuren und Eltern” fordert.

In Aachen und der Region unternimmt der Kirchenkreis schon einiges, um arme Kinder zu unterstützen - und das ist auch nötig: Laut Kirchenkreis lebt fast ein Viertel der Kinder in der Städteregion in Familien, die Sozialgeld beziehen. Diese Zahl sei im Vergleich zum Land und zur Bundesrepublik überdurchschnittlich hoch. So unterstützt das Diakonische Werk im Kirchenkreis bedürftige Familien mit einem speziell entwickelten Gutscheinsystem, mit dem diese Dienstleistungen von kirchlichen und diakonischen Einrichtungen in Anspruch nehmen können.

Das Evangelische Erwachsenenbildungswerk Aachen bietet in den Räumen der Würselener Tafel die Betreuung von Kleinkindern in Verbindung mit Schulungen der Mütter an - ein selbstgekochtes, gesundes Mittagessen inklusive. Es gäbe noch viele weitere Angebote und Projekte, sagte Karin Blankenagel. Die Leiterin der Evangelischen Familienbildungsstätte betonte aber auch: „Wir haben natürlich nur begrenzte Möglichkeiten. Wir sind immer auf finanzielle Mittel angewiesen. Aber wir können die Leute nicht vor der Tür stehen lassen. Wir wollen sie nicht noch mehr ausgrenzen.”

Wird der Appell der Kreissynode erhört? Hans-Peter Bruckhoff ist optimistisch. Auch die Landeskirche will das Thema aufgreifen und auf die Missstände hinweisen. „Es geht dabei nicht um Politikerschelte, aber um die Rahmensetzungen, die aus der Politik kommen müssen”, nimmt Bruckhoff die Gesetzesgeber in die Pflicht. „Wir haben einen theologischen Auftrag und nehmen diesen auch sehr ernst. Aber wir sind keine nützlichen Idioten, um die Missstände der Politik auszugleichen.”

Obwohl die Kirchensteuereinnahmen von 13,7 im Vorjahr auf 13,3 Millionen Euro in 2011 gesunken sind, blickt der Evangelische Kirchenkreis Aachen wieder verhalten optimistisch in die Zukunft.

2012 plant der Kirchenkreis mit einem Defizit von rund 164 000 Euro im Haushalt, so dass im dritten Jahr in Folge Geld aus den Rücklagen entnommen werden muss. Der Kirchenkreis will seinen Sparweg deswegen fortsetzen.

Die Gemeindegliederzahlen sind von 82 580 auf 82 164 minimal gesunken.