Kesternich: Kesternich nach dem Mord: „Noch nie solche Trauer gespürt“

Kesternich: Kesternich nach dem Mord: „Noch nie solche Trauer gespürt“

Das Urteil ist gefällt. Kann Kesternich jetzt zur Ruhe kommen? Aufwühlende, belastende und bewegende Monate liegen hinter dem 1400-Seelen-Dorf.

Ein grausames und nicht erkläbares Verbrechen erschütterte im Winter den ganzen Ort. Am 10. Februar war eine 62-jährige Frau Opfer einer entsetzlichen Bluttat geworden. Sie war in Kesternich bekannt, beliebt und geschätzt.

Das Eifeldorf Kesternich ist vor einigen Monaten durch ein Verbrechen erschüttert worden. Auch in der Dorfgemeinschaft hat die Tat ein großes Gefühl der Trauer hinterlassen. Foto: P. Stollenwerk

Es war reiner Zufall, dass der 26-jährige Stefan B. sich das Haus der 62-jährigen, der Frau des Ortsvorstehers, aussuchte. Es liegt gleich gegenüber der Bushaltestelle, wo der Täter sich an diesem Nachmittag aufhielt, nachdem er sich aus dem naheliegenden Straucher Wohnheim für massiv verhaltensauffällige junge Menschen abgesetzt hatte und den furchtbaren Entschluss fasste, einen Menschen zu töten. Es hätte jeden treffen können.

Der Täter wurde zwei Wochen später festgenommen. Ein am Tatort vergessenes Schweißband hatte auf seine Spur geführt.

In dieser Woche wurde er vom Aachener Schwurgericht verurteilt. Er muss 10 Jahre in Haft, danach wird der laut Gutachten „geistig am Rande des Schwachsinns“ eingestufte Täter in die Psychiatrie eingewiesen.

Ort muss zur Ruhe kommen

Damit ist aus strafrechtlicher Sicht der Fall abgeschlossen, aber kann auch die Dorfgemeinschaft in Kesternich nach dem Richterspruch einen Schlussstrich ziehen? Hat das grausame Geschehen den Ort verändert? Wie wirkt sich ein solch unfassbares Ereignis auf das Leben im Dorf aus?

„Ich glaube nicht, dass diese Tat negative Auswirkungen auf das Dorfleben ausgelöst hat“, ist Ralf Stollenwerk überzeugt. Er ist der Vorsitzende des TSV Kesternich. Der Sportverein ist der größte Verein im Dorf. „Die Dorfgemeinschaft fühlt mit den Betroffenen“, weiß Stollenwerk aus vielen Gesprächen. Er ist überzeugt davon, dass die Dorfgemeinschaft „in gewissem Maße ein so schlimmes Ereignis auffangen kann.“ Wichtig sei es aber jetzt auch, dass der Ort wieder zur Ruhe komme.

Aber Mitgefühl und Anteilnahme zu zeigen, kann auch Überforderung bedeuten. „Es gibt das Phänomen, dass Leute den Angehörigen aus dem Weg gehen, um nicht über das schlimme Ereignis sprechen zu müssen“, sagt ein Dorfbewohner, der nicht genannt werden möchte.

Niemand in Kesternich kann aber über die große Lücke für das Dorfleben hinwegsehen, die der Tod der 62-Jährigen gerissen hat. „Das ist ein herber Verlust. Die Tat war für alle ein Schock“, sagt Rolf Schneider. Er ist 1. Vorsitzender der örtlichen Karnevalsgesellschaft. Schädliche Nachwirkungen für das Dorfleben sieht er nicht, und es gebe auch keinen triftigen Grund, sich jetzt unsicher in Kesternich zu fühlen, aber man müsse wissen, dass die 62-jährige sich um viele Angelegenheiten im Dorf gekümmert habe, „ohne viel Aufhebens darum zu machen.“ Sei es das Engagement bei den Seniorennachmittagen, die Mitarbeit in der Pfarre oder zahlreiche Handreichungen für ältere Dorfbewohner gewesen, die unschätzbar wichtig für ein funktionierendes Dorfleben seien. Schneider: „Da wird eine große Lücke bleiben.“

Ein guter Bekannter der Familie erzählt, dass er noch nie ein solches Ausmaß an „echter Trauer“ im Dorf gespürt habe. „Da hat der ganze Ort mitgefühlt.“ Dies unterstreiche den Charakter einer intakten Dorfgemeinschaft, die trotz des schrecklichen Ereignisses aus seiner und der Sicht vieler Mitbürger aber keinen nachhaltigen Schaden nehmen werde.

Die schreckliche Mordtat sei „ein riesiger Schock“ für das ganze Dorf gewesen, sagt Ernst Wilden. Der 71-Jährige engagiert sich in der Kesternicher Pfarre St. Peter und Paul und war in seinem beruflichen Leben Richter am Amtsgericht Gemünd. Die emotionale Auseinandersetzung mit dem Vorfall habe er nicht als „überladen“ empfunden, „aber das Mitgefühl schon riesengroß.“ Man habe die Anspannung im Ort regelrecht spüren können, was sicherlich auch darauf zurückzuführen sei, dass die Ermittlungen nach zwei Wochen eine dramatische Wendung genommen hätten, und ein zunächst der Tat verdächtigter und bereits in U-Haft sitzender junger Mann aus Kesternich wieder auf freien Fuß gesetzt worden sei. Diese völlig überraschende Entwicklung habe viele Menschen „zum Nachdenken“ gebracht. Ernst Wilden: „Es muss sich jeder selbstkritisch fragen, wie man mit einer Vorverurteilung umgeht.“

Die Dorfgemeinschaft in Kesternich sieht er nicht dramatisch beschädigt. Er hoffe nun, dass mit dem Urteilsspruch auch für die Familie ein gewisser Abschluss vollzogen werde könne „und die Trauerarbeit beginenn kann.“

Auch die Mitarbeiter des ABK-Hilfswerks haben den Strafprozess um das grausame Geschehen in Kesternich intensiv verfolgt, zumal Leitung und Mitarbeiter des Straucher Wohnheims wie auch Mitarbeiter der Trainingswerkstatt Schmidt zur Verhandlung geladen waren.

„Das ist das Schlimmste, was unserer Einrichtung passieren konnte“, war unmittelbar nach der Festnahme des Täters die einhellige Meinung unter den rund 80 ABK-Mitarbeitern. Das Hilfswerk unterhält in der Nordeifel vier Einrichtungen.

Mit Erleichterung vernahm die Heimleitung die Feststellungen im Gutachten der psychiatrischen Sachverständigen, Konstanze Jankowski (Köln). „Die Tat war nicht vorhersehbar, für niemanden“, hatte die Gutachterin vor Gericht keine Zweifel aufkommen lassen, dass hier jemandem schuldhaftes oder fahrlässiges Verhalten anzulasten sei.

Für René Malerbe, Fachbereichsleiter im ABK-Hilfswerk, bleibt auch nach dem Urteilsspruch Betroffenheit zurück, habe der Fall doch gezeigt, dass es wohl nie gelingen könne, den Charakter eines Menschen zweifelsfrei einzuschätzen, „obwohl man Tag für Tag mit ihm zusammen ist.“ Jeder Mensch verfüge über Wesenszüge, „in die man nicht hineinschauen kann — auch die Fachleute nicht.“

Zum täglichen Umgang mit den Heimbewohnern gehöre es, mit größter Sensibilität deren Verhaltensweisen und Veränderungen zu registrieren. Diese Sensibilität der Mitarbeiter sei durch das unfassbare Geschehen jetzt noch einmal in besonderem Maße gefordert.

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