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Bürgermeister startet in zweite Amtszeit: Jorma Klauss hat Großes vor in Roetgen

Bürgermeister startet in zweite Amtszeit : Jorma Klauss hat Großes vor in Roetgen

Im Interview spricht Roetgens Bürgermeister Jorma Klauss (SPD) über die Schwerpunkte seiner zweiten Amtszeit - über konkrete Pläne und Visionen. Themen sind unter anderem die Verbesserung der Mobilität, die Entwicklung des Ortszentrums und die Finanzlage.

Ganz im Stile seiner überschaubaren Gemeindeverwaltung gönnt sich Jorma Klauss keine Extravaganzen, als er seine zweite Amtszeit als Bürgermeister in Roetgen antritt. Von 56,8 auf 65,2 Prozent steigern konnte der gebürtige Aachener seine Zustimmung bei der Kommunalwahl. Wie bereits vor fünf Jahren gegen Silvia Bourceau (UWG) zieht der Sozialdemokrat nun auch gegen Bernhard Müller (Grüne) in jedem Stimmbezirk. Erneut vereidigt werden muss der 46-Jährige nicht mehr in der konstituierenden Ratssitzung. Blumen gibt es nur für die neuen Stellvertreter Willi Axer und Silvia Bourceau. Auf Klauss selbst wartet die Arbeit.

Welche Schwerpunkte wollen Sie in ihrer zweiten Amtsperiode setzen?

Klauss: Die Verbesserung der Mobilität wird eine der großen, fast schon die allergrößte Herausforderung für unsere Pendlergemeinde sein.

Íst Roetgen nicht dank der Schnellbuslinien über die B258 gut erschlossen?

Klauss: Einerseits schon. Aber wir sind nur Durchgangsstrecke zwischen Simmerath sowie Monschau nach Aachen und werden dafür kräftig an den Kosten beteiligt. Andererseits hapert es bei der Erschließung des breit gefächerten weitläufigen Gemeindegebietes.

Aber es gibt doch den Ortsbus 64 oder die Linie 67, die über Rott und Mulartshütte fährt.

Klauss: Sie gibt es, aber sie erreichen bei weitem nicht alle Wohnbereiche. Der Ortsbus verkehrt auf dem Ring Post, Markt, Brand, Faulbruchstraße, Pilgerborn. Die Linie 67 endet in Walheim. Zudem gibt es nur wenige Fahrten der Linie 61 nach Stolberg. Die Schnellbusse decken nur die Bundesstraße ab. Das Angebot ist kaum eine Alternative zum konventionellen Individualverkehr.

Wie sollen Alternativen geschaffen werden?

Klauss: Wir haben Großes vor. Einerseits soll es spürbare Verbesserungen bei den bestehenden Linien geben, andererseits führen wir den Netliner ein. Das ist ein erster Schritt.

Wie wird das aussehen?

Klauss: Vorgesehen für Anfang 2022 ist eine Qualitätsverbesserung und Taktausweitung auf der Schnellbuslinie 66 unter anderem mit Bussen mit Reisebusbestuhlung, Wifi an Bord und etwas verkürzter Fahrtzeit. Gleichzeitig soll die Linie 67 mit der Linie 16 über Walheim durchgebunden werden bis in die Aachener Innenstadt, was sie für Pendler attraktiver macht. Und mit dem Netliner sollen die Menschen aus den Wohngebieten an die zentrale Busachse gebracht werden. Dies startet bereits im nächsten Jahr.

Wie wird das in der Praxis aussehen?

Klauss: Drei Sprinter werden wohnortnah, nach Anforderung und bis in den Abend hinein ohne festen Linienweg die Anbindung von Roetgen, Rott und Mulartshütte verbessern. Zudem soll im kommenden Jahr die Ecke von Rosental- und Bundesstraße zu einem zentralen Verknüpfungspunkt für den Busverkehr ausgebaut werden.

Sie sprechen von einem ersten Schritt. Was können weitere sein?

Klauss: Mein Plan wäre ein autonomer und bedarfsorientierter Busverkehr. Der größte Kostenfaktor sind immer die Fahrer. Ein Minibus, der eben autonom ohne Fahrer verkehrt, wäre ein großer Gewinn für unser weitläufiges Gemeindegebiet.

In diesen Tagen dient das Gelände des frühere Bahnhofs als Materiallager eines Bauprojektes. Klauss schwebt vor, hier mit einer Parklandschaft das symbolhafte Tor der Eifel Realität werden zu lassen. Foto: Jürgen Lange

Ist das nicht Zukunftsmusik?

Klauss: In zehn Jahren könnten solche Systeme marktreif sein und ein generationenübergreifendes Angebot darstellen.

Könnte bis dahin Carsharing eine Alternative sein?

Klauss: Ich sehe dafür ein zu geringes Potenzial, weil eben das Gemeindegebiet so weitläufig ist. Aber es wäre schon ein Gewinn für den Klimaschutz, wenn in Roetgen jeder Zweitwagen ein Elektroauto wäre.

Sie streben auch einen günstigeren City-Tarif für den Bus an?

Klauss: Ja, aber mit 1,80 Euro ist der Tarif noch zu teuer. Er dürfte nur ein Euro betragen und müsste überall in der Städteregion gelten. Wenn mehr Menschen ihr Auto stehen lassen und auf den Öffentlichen Personennahverkehr umsteigen sollen, muss der nicht nur attraktiver, sondern auch kostengünstiger werden.

Ihre Pläne zur Mobilität reichen augenscheinlich bereits über die begonnene Legislaturperiode hinaus. Welche Projekte möchten Sie denn noch innerhalb der nächsten fünf Jahre anpacken und bestenfalls umsetzen?

Klauss: Ganz wichtig für Roetgen ist die Entwicklung des Ortszentrums. Es ist zwar richtig, dass sich viele Handels- und Gewerbebetriebe entlang der Bundesstraße angesiedelt haben. Es ist auch richtig, dass im Ortskern Geschäfte geschlossen haben. Aber es ist falsch zu behaupten, dass sie zur Bundesstraße weggezogen sind. Das trifft aktuell nur auf die Sparkasse zu. Gleichwohl machen wir uns Sorgen um den Ortskern.

Was muss geschehen?

Klauss: Wir müssen ein Konzept entwickeln, wie wir den Ortskern stärken und attraktiver machen können. Gleichzeitig soll Roetgen sein typisches Image als Dorf behalten. Deshalb brauchen wir ein Konzept, das übrigens auch Voraussetzung für die Inanspruchnahme von Städtebaufördermitteln ist. Wir müssen uns aber darüber hinaus Gedanken für eine strukturelle Stärkung des bestehenden Gewerbes und von Neuansiedlungen machen.

Wie könnte das in der Praxis aussehen?

Klauss: Den Fahrzeugverkehr können wir nicht aus dem Ortskern herausnehmen. Er muss weiterhin erreichbar bleiben und Parkplatzangebote aufweisen. Wir brauchen aber im Zentrum ein gleichberechtigtes Nebeneinander von Fahrzeugen und Fußgängern. Vorstellbar ist für mich, die beiden von der Landesstraße durchschnittenen Plätze vor dem Rathaus und vor der St.-Hubertus-Kirche in einen großen Shared-Space umzugestalten, der ein Treffpunkt und Veranstaltungsort sein kann, der aber zugleich für den Verkehr durchlässig ist. Die Sparkasse hat bereits signalisiert, einen Neubau an der Stelle ihrer früheren Geschäftsstelle unseren Vorstellungen anzupassen, so dass ein zentraler Platz entstehen kann, der durch Gewerbeeinheiten zusätzliche Impulse erhalten kann.

Sie denken da sicherlich an Gastronomie.

Klauss: Das ist eine denkbare Möglichkeit. Es ist mir aber eine Herzensangelegenheit, dass die Roetgener selbst ihre Vorstellungen zur neuen Ortsmitte einbringen.

Wie soll das geschehen?

Klauss: Wir wollen öffentliche Werkstätten anbieten, in denen Ideen entwickelt werden können. Die sollen dann in einen Masterplan einfließen, der auf einem breiten Konsens basieren soll.

Schaffen Sie mit einem großen, neuen Platz eine unnötige Konkurrenz für den bisherigen Markt?

Klauss: Auch der heutige Markt muss angepackt werden. Er ist nicht optimal und dient überwiegend als besserer Parkplatz für den Friedhof. Genutzt wird er eher selten. Etwa dienstags durch den Wochenmarkt und bei wenigen Veranstaltungen im Jahr. Darüber hinaus brauchen wir unbedingt ein Angebot an die und einen Treffpunkt für die wachsende Jugend in unserer Gemeinde. Der Jugendbeirat bringt sich hier bereits mit vielen Ideen ein. Angedacht ist ein Treffpunkt an der Halle des Turnvereins, zentral genug gelegen, aber auch so, dass die Jugend sich unter sich fühlen kann.

Das sind große Pläne, die die Gemeinde sicherlich nicht aus eigener Tasche stemmen können wird.

Klauss: Ohne eine Förderkulisse sind solche Projekte für eine Kommune mit Haushaltssicherungskonzept nicht zu stemmen. Eine Alternative zu finanziellen Zuschüssen des Landes könnte allenfalls Crowdfunding sein.

Apropos Haushalt. Wie wirkt sich die Corona-Krise auf die finanzielle Lage aus?

Klauss: Laut Plan haben wir für 2020 erstmals seit Jahren einen ausgeglichen Haushalt vorlegen können. Die Auswirkungen der Pandemie haben wir konkret noch nicht berechnen können. Nach den ersten Prognosen dürften sie allerdings geringer ausfallen als zunächst zu befürchten war.

Wenn Sie die Auswirkungen der Pandemie noch nicht beziffern können, dürften Sie aber zeitliche Probleme mit dem Entwurf für den Haushalt 2021 bekommen, der traditionell in der Dezember-Sitzung des Rates eingebracht wird.

Klauss: Das ist richtig. Wir werden am 8. Dezember den Entwurf noch nicht vorgelegen können, sondern wollen ihn im Verlauf des Januars nachreichen. Das liegt aber nicht an mangelnden Zahlen aus Roetgen, sondern an den erst spät vorliegenden Orientierungsdaten von Land und Bund.

Warum sind die so wichtig?

Klauss: Insbesondere der Anteil an der Einkommenssteuer ist entscheidend für unsere Finanzlage. Sie ist die wichtigste Einnahmequelle. Von ihr hängt für Roetgen alles ab. Im Gegensatz zu anderen Kommunen erhalten wir keine Schlüsselzuweisungen und müssen fast alle unsere Ausgaben aus Steuermitteln bestreiten. Mit der projektierten Erweiterung des Gewerbegebietes werden wir die Einnahmen aus der Gewerbesteuer steigern können. Der Tourismus ist dagegen, anders als in Simmerath und Monschau, noch keine relevante Einnahmequelle für die Gemeinde.

Verfügt Roetgen denn über keine weiteren Möglichkeiten, die Steuerkraft zu stärken?

Klauss: Sollte es zu einer Realisierung eines Windparks am Birkhahnskopf kommen, würden die angedachten zwei bis drei Windenergieanlagen neben positiven Klimaeffekten auch die Gemeindekasse beflügeln können. Das Projekt ist aber noch strittig.

Der alte Rat hat fraktionsübergreifend einen Ratsbürgerentscheid befürwortet. Ergreift die Verwaltung nun die Initiative?

Klauss: Dieses Instrument unterstütze ich sehr. Wir richten unsere ganze Arbeit dazu auf einen Termin zeitgleich mit der Bundestagswahl aus, weil wir uns davon eine große Beteiligung der Bürgerschaft versprechen. Ein Antrag dazu ist aber noch nicht eingegangen.

Will die Verwaltung nicht von sich aus dem Rat den Vorschlag unterbreiten?

Klauss: Wie gesagt, wir bereiten uns darauf vor und warten auf die politische Meinungsbildung.

Vom Rat abhängig sein wird sicherlich auch das Tempo von dringenden Investitionen im Bereich des Tiefbaus.

Klauss: Einerseits sind wir wegen der Hochwassergefahren und der Funktionsfähigkeit der Kläranlage gezwungen, unser Kanalnetz auf ein Trennsystem umzustellen. Andererseits sind insbesondere in älteren Wohngebieten mangels ausreichendem Unterbau viele Straße in einem so maroden Zustand, dass sie saniert werden müssen.

Wenn ich mir solche Straßen in manchen Wohngegenden anschaue, stellt sich mir die Frage, ob sie jemals nach den Bestimmungen des Bundesbaugesetzbuches erstmals erschlossen worden sind?

Klauss: Da gibt es nach meinem Kenntnisstand keine jahrzehntealten Leichen im Aktenkeller der Gemeinde Roetgen. Insofern ist nicht zu befürchten, dass wir Anwohner mit uralten Anliegerbeiträgen überraschen.

Aber die Gemeinde bereitet sich bereits auf eine Anwendung des Kommunalabgabengesetzes vor.

Klauss: Meiner Meinung nach dürfte es für notwendige Straßensanierungen keine Heranziehung der Anlieger zu den Kosten geben, aber der Landesgesetzgeber schreibt uns anderes vor. Deshalb bauen wir ein digitales Straßenmanagement-System auf. Darin wird auf Basis einer Analyse und technischen Bewertung eine Prioritätenliste erstellt, welche Straßen in welcher Reihenfolge zu sanieren sind. Berücksichtigt werden dabei natürlich auch mögliche, zuvor erforderliche Arbeiten am Kanalnetz. Letztlich wird der Gemeinderat darüber zu befinden haben.

Bei all diesen anstehenden Themen für die nächsten fünf Jahre, haben Sie da noch Zeit für eine Vision?

Klauss: Zur Agenda gehört natürlich noch die weitere Digitalisierung der Verwaltung und der Ausbau des Bürgerportals. Aber mir schwebt noch ein wichtiges städtebauliches Projekt vor, an dem wir kontinuierlich arbeiten, das wir aber aus eigener Kraft alleine nicht stemmen können werden am Entrée von Roetgen.

Sprechen Sie das Bahnhofsgelände an?

Klauss: Ja. Das bedarf dringend einer Aufwertung und bietet das Potenzial für eine parkähnliche Gestaltung mit Aufenthalts- und Veranstaltungsqualitäten. Hier möchten wir unserem Anspruch als Tor der Eifel auch optisch gerecht werden. Allerdings befindet sich der größte Teil der potenziell dafür nutzbaren Liegenschaften im Umfeld des Bahnhofes auf belgischem Staatsgebiet im Eigentum der Eisenbahngesellschaft. Sollte es uns gelingen, sich über eine langfristige Nutzung zu einigen, wären sicherlich EU-Mittel erforderlich, um ein solch grenzübergreifendes Projekt realisieren zu können.

Wie könnte das Tor der Eifel denn aussehen?

Klauss: Neben dem bestehenden Café „Kaffeefee“ könnte ein Park mit Freizeitangeboten entstehen, eine P+R-Anlage neben einem Busbahnhof. Ein attraktiver Stellplatz für Wohnmobile könnte weitere touristische Impulse setzen. Und vielleicht ließe sich auch kulturell ansprechend das Tor zur Eifel darstellen. Aber wie gesagt, das ist Zukunftsmusik, die noch mit Fakten und Plänen gefüllt werden will.