Nordeifel: Jetzt reden die Hebammen: „Familien und Kreißsaal sind uns nicht egal!“

Nordeifel: Jetzt reden die Hebammen: „Familien und Kreißsaal sind uns nicht egal!“

„Ich glaube, wenn es noch einen Scheiterhaufen gäbe, dann lägen wir längst drauf“, scherzt Kathrin Weinert, obwohl ihr eigentlich überhaupt nicht zum Lachen zumute ist. Denn seit einer Woche erlebt die freiberufliche Hebamme gemeinsam mit ihren Kolleginnen Andrea Victor und Vera Forster ein wahres Spießrutenlaufen in der Öffentlichkeit.

Die Geschäftsführung der Eifelklinik St. Brigida hatte am vergangenen Mittwoch in einer Presseerklärung die Schließung der Geburtshilfe am Simmerather Krankenhaus bekanntgegeben und als Grund dafür einzig die „kurzfristige und völlig überraschende Kündigung von drei Beleghebammen“ im Rufdienst genannt.

Nicht aus einer Laune heraus

„Von Kurzfristigkeit und völliger Überraschung kann überhaupt keine Rede sein“, nahm Andrea Victor am Dienstag gemeinsam mit ihren Kolleginnen Stellung zu den Äußerungen von Dr. Benjamin Behar, dem Geschäftsführer der Eifelklinik. „Das wurde so dargestellt, als hätten wir mal eben aus einer Laune heraus gekündigt, um mehr Geld zu bekommen. Das ist eine absolute Frechheit“, kritisiert Kathrin Weinert.

Sie betont: „Die Familien und der Kreißsaal sind uns keineswegs egal, absolut nicht. Aber es ging einfach nicht mehr!“ Andrea Victor hält fest: „Die Kündigung des Rufbereitschaftsdienstes durch uns war keineswegs spontan überlegt, sondern eine Folge vieler erfolgloser Versuche, unsere Arbeitssituation zu verbessern.“

Um Unterstützung gebeten

Seit 2016 habe man die Klinikleitung immer wieder von Seiten der Hebammen mit den Verantwortlichen der Geburtshilfe auf die erhebliche Arbeitsüberlastung in der aktiven Geburtshilfe hingewiesen und um Unterstützung durch weitere Hebammen gebeten. Im Simmerather Kreißsaal teilten sich seit Ende 2016 nur noch vier Beleghebammen rund 300 Geburten im Jahr, „und das 365 Tage in 24 bis 96-Stunden-Diensten“, erläutert Andrea Victor.

Zusätzlich zum bekannten und geschätzten Beleghebammensystem, bei dem die Schwangere von der Vorsorge über die Geburtsbegleitung bis hin zum Wochenbett persönlich durch die freiberufliche Hebamme betreut wird, waren die Beleghebammen 2013 laut Krankenhausplan NRW die Verpflichtung eingegangen, den Rufbereitschaftsdienst der Geburtshilfe zu stellen, damit die Eifelklinik St. Brigida weiterhin eine geburtshilfliche Abteilung anbieten durfte.

„Das geschah vor dem Hintergrund, dass sich damals nur eine überschaubare Anzahl Schwangerer ohne Beleghebamme zur Geburt in Simmerath vorstellte“, so Andrea Victor. In der Folge sei die Zahl der Geburten — auch aufgrund des guten Rufs der Abteilung und der Hebammen — stetig gestiegen, was zu einer akuten Arbeitsüberlastung geführt habe.

„Wir sahen als Hebammen unsere Verantwortung gegenüber zwei Menschenleben gefährdet“, sagt Andrea Victor und zitiert den Ethikgrundsatz ihres Berufsstandes: „Hebammen wissen um die Wirkungen ihres eigenen Handelns und ihres Einflusses auf Frauen in einer besonderen Lebensphase. Daher agieren sie achtsam, respektvoll und verantwortungsbewusst.“ Die einzig verantwortungsvolle Konsequenz daraus sei die im März getätigte Kündigung des Rufbereitschaftsdienstes gewesen.

Für das Team der Hebammenpraxis „Rundum“, zu dem auch Laura Graf und Sabine Wirtz gehören, wäre jedoch ein Fortbestand der Simmerather Geburtshilfe möglich gewesen. „Da soll es jetzt an einer kleinen Beleghebamme liegen, dass eine ganze, gut funktionierende Abteilung aufgelöst wird? Das ist doch wohl ein schlechter Witz!“ meint Andrea Victor.

Für sie und ihre Kolleginnen waren die Bemühungen der Klinikleitung um eine Fortführung der Geburtshilfe entweder halbherzig oder dilettantisch. „Wir waren ja durchaus bereit, Dienste zu übernehmen. Aber ich kann dem Krankenhaus doch keinen Umfang meiner Tätigkeit anbieten, wenn ich die Rahmenbedingungen nicht kenne“, berichtet Kathrin Weinert von den Verhandlungen.

Dabei habe die Geschäftsführung überhaupt keine Tarife genannt und schon gar nicht von einer „übertariflichen Bezahlung“ gesprochen, die Dr. Behar in der Pressemitteilung angeführt hatte. Auch von der dort zitierten „vollen Übernahme der Hebammenversicherung durch das Krankenhaus“ sei nicht die Rede gewesen, „höchstens bei den Hebammen, die in Vollzeit die Rufbereitschaft übernehmen“, so Kathrin Weinert.

Den Eindruck, dass die Bewerbungsgespräche mit angeblich 13 Interessentinnen kein ehrlicher Versuch waren, die Geburtshilfe zu retten, bestätigt auch Svenja Berger, in Köln arbeitende Hebamme aus Steckenborn, die zurzeit in Mutterschutz ist und durchaus bereit war, in Simmerath einzusteigen: „Im Bewerbungsgespräch konnte man mir alle Formen und Umfänge einer Beschäftigung als Beleghebamme im Rufdienst anbieten.

Nur über die Bezahlung hatte man sich noch keine Gedanken gemacht“, erzählt sie und stellt fest: „Das ist doch keine Perspektive für mich, da fahre ich lieber weiterhin zwei Tage die Woche nach Köln und mache meine Schichten.“ Und Kathrin Weinert weiß von einer Bewerberin, die wegen übertariflicher Gehaltsvorstellungen, die aber mit dem Hebammenverband abgeklärt waren, wieder ausgeladen wurde.

System umstellen

Was müsste passieren, damit es doch weitergeht mit der Geburtshilfe in Simmerath? „Die Klinikleitung müsste das Konzept von jetzt 24 Stunden bis fünf Tage auf Zwölf-Stunden-Bereitschaft umstellen, bräuchte acht Hebammen und müsste auf die Interessentinnen zugehen und diesen ein Angebot machen, das auch eine weitere Anfahrt und den Aufwand rechtfertigt“, sagt Laura Graf.

Das Übel eines leider bei uns unattraktiven Berufsstandes allerdings wäre damit noch nicht an der Wurzel gepackt, wie Kathrin Weinert mit einem verblüffenden Vergleich feststellt: „Ein Bekannter verdient in der Rufbereitschaft beim Wasserwerk 26 Euro die Stunde. Eine Hebamme im gleichen Zeitraum 2,50 Euro. Wer soll sich das denn noch antun?!“