Monschau: „Jethro Tull“ auf der Burg: Ein Welthit und das Leben in Erinnerungen

Monschau : „Jethro Tull“ auf der Burg: Ein Welthit und das Leben in Erinnerungen

Er hat die Querflöte in der Rockmusik populär gemacht und für frischen Wind in der Musikszene der 1970er-Jahre gesorgt. Ian Anderson, der etwas andere Rockmusiker und die zentrale Figur der Progressiv-Rockband „Jethro Tull“, hat mit seinem virtuosen, rauen und druckvollen Spiel musikalische Akzente für die Ewigkeit gesetzt.

Hinzu kommt die sperrige Gestik Andersons und sein von Stimmfetzen und schluckauf-ähnlichen Tönen geprägter Gesangsstil, der „Jethro Tull“ mit inzwischen 70 Millionen verkaufter Alben zu einer Institution mit Legendenstatus gemacht hat. In den siebziger Jahren gehörte die Band zur Créme de la Créme der angelsächsischen Rockszene.

Im 50. Jahr nach ihrer Gründung ist die fünfköpfige Band mal wieder auf ausgedehnter Jubiläumstour und machte zum Auftakt des 19. Monschau-Festivals auch Station auf der Open-Air-Bühne der Burg Monschau. Knapp 1200 Fans in der ausverkauften Burgarena passten sich dem Altersdurchschnitt der Band an, und die auch zu ihren besten Zeiten schon immer etwas antik anmutende Gruppe passte wunderbar ins Bild der Altstadt. Die Jethro-Tull-Fans, gut erkennbar an Tour-T-Shirts und Kopftüchern, bevölkerten schon am Nachmittag die Stadt, und auch Ian Anderson genoss bei seinem Aufenthalt den Atem der Altstadt-Historie.

Aus dem einstigen langlockigen Bandleader ist längst ein seriöser Kultmusiker geworden, der aber mit 71 Jahren noch enorm beweglich ist. Mal schleicht er gnomartig übers Parkett, dann stolziert er die gesamte Bühnenfront ab, und ganz selten streut Anderson auch seine berühmt gewordene Einbein-Pose ein. Die Show ist geblieben, als wäre es gestern gewesen. Dem Fan der 1970er-Jahre-Rockmusik wird so gesehen nicht viel Neues geboten. Handwerklich sauber und punktgenau werden die Stücke aufgetischt. Das Hit-Repertoire der Band ist im kollektiven Gedächtnis der meisten Zuschauer überschaubar, die echten Jethro-Tull-Fans sehen das natürlich anders. Sie schwelgen in Erinnerungen an richtungweisende Alben wie „Stand Up“, „Aqualung“ oder „Thick As A Brick“.

Komplexe Klänge

Das waren Kompositionen und Konzeptalben weit weg vom Mainstream. Die Band bewegte sich schon immer abseits musikalischer Gesetzmäßigkeiten, experimentiert mit Synthesizern und pendelt zwischen Blues, Hardrock, Folk und Klassik. Viele Kompositionen sind in Moll, die Arrangements sind oft komplexe Klanggebilde. Diese vor 50 Jahren innovative Auseinandersetzung mit überzeitlichem musikalischen Weitblick hat bis heute Bestand und „Jethro Tull“ in die Reihe der großen Rockbands gehoben.

Die anderen Musiker der Band, allesamt Meister ihres Fachs, dürfen sich auch hin und wieder in den Vordergrund spielen, aber sobald Ian Anderson mit seiner Querflöte wieder da ist und den erhobenen Zeigefinger in den Abendhimmel reckt, dann ist klar, wer hier Chef im Ring ist.

Das wohl arrangierte Abendprogramm wirkt dennoch etwas uninspiriert. Es bleibt kein Raum für musikalische Freiheiten, alles ist auf den Punkt genau abgestimmt, auch die von leicht schrägem Humor geprägten Überleitungen von Ian Anderson.

So ist der Applaus nach den einzelnen Stücken auch eher wohlwollend, die Zuhörer lauschen andächtig, aber viel Bewegung ist auf den Stuhlreihen nicht erkennbar. Erst ganz am Ende des 90-minütigen Konzertes kommt nach einem leicht behäbigen Konzertabend so etwas Stimmung auf. Mit „Aqualung“, einem der größten Hits von „Jethro Tull“, biegt die Band auf die Zielgerade ein. Die ersten Fans erheben sich von den Stühlen, denn der Abgang der Band ist nicht mehr fern.

Alle, Band und Zuschauer, wissen natürlich, dass noch eine entscheidende Prise Rockgeschichte diesem Abend fehlt. Also kommen „Jethro Tull“ nach viel Getrampel auf den Sitztribünen zur einzigen Zugabe noch einmal auf die Bühne und lassen es krachen. Beim stampfenden Überhit „Locomotive Breath“ sind alle noch einmal am Start. Das nennt man Timing.

Die Fans sind begeistert, die Band etwas müde, aber die Erinnerungen an die vielleicht beste Musik aller Zeiten, den Rock der 1970er-Jahre, vereint die Gäste des Monschau-Festivals in glückseliger, nostalgischer Erinnerung.

(P. St.)
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