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In der Eifel nehmen längst nicht alle Bedürftigen Hilfsangebote an

Abgabe für Weihnachtskisten in Imgenbroich : Ein bisschen Wohlstand mit anderen teilen

Am kommenden Montag ist im Bürger-Casino Imgenbroich Annahmetag für die bereits 13. Weihnachtskisten-Aktion. Wie ist es um das Thema Armut in der Nordeifel bestellt?

Die wöchentlichen Ausgabetage der Monschauer Tafel in Imgenbroich nutzen längst nicht alle der rund 260 Bedarfsgemeinschaften in der Eifel, die dazu berechtigt wären. Das sieht bei der jährlichen Weihnachtskistenaktion der Tafeln und unserer Zeitung ganz anders aus, sagt Tafel-Chef Georg Kaulen. Und vieles spricht dafür, dass alle gespendeten und liebevoll gepackten Kisten auch diesmal bedürftige Abnehmer finden werden.

Die Region mit einer der höchsten Armutsquoten in ganz Deutschland liegt keine zwei Autostunden von der Eifel entfernt. Nach dem am Donnerstag veröffentlichten Armutsbericht der Paritätischen Wohlfahrtsverbände hat die Zahl der Menschen, die unter einem Mangel bei den Grundbedürfnissen leiden, im Ruhrgebiet in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Wie aber sieht es mit dem Thema Armut in der Nordeifel aus?

In zwölf Geschäften und sechs Bäckereien holen die 75 ehrenamtlichen Tafel-Mitarbeiter an sechs Tagen in der Woche noch erhaltene Lebensmittel ab, um sie bei der Tafel-Ausgabe für kleines Geld oder gegen Ausgabescheine weiterzugeben. Foto: Heiner Schepp

Dies sei, sagt Arndt Krömer, Sprecher des Caritasverbandes für die Region Eifel, zunächst eine Frage der Definition von Armut. Ist eine Familie bereits „arm“ im statistischen Sinne, wenn die monatlichen Ausgaben höher sind als das, was reinkommt, oder sie langfristig verschuldet ist? Oder spricht man von Armut erst, wenn die Lage einer Person oder Bedarfsgemeinschaft existenzbedrohend ist?

Viele überschuldete, im Wortsinn arme Menschen holen sich keine Hilfe, die es zum Beispiel bei Schuldnerberatungsstellen gibt. Foto: dpa-tmn/Mascha Brichta

Laut Wikipedia bezeichnet Armut im materiellen Sinn (als Gegenbegriff zu Reichtum) in erster Linie die mangelnde Befriedigung der Grundbedürfnisse, vor allem nach Nahrung, Wasser, Kleidung, Wohnraum und Gesundheit. Der Mangel an Geld ist danach nicht zwangsläufig mit Armut gleichzusetzen, sofern Unterstützungsmöglichkeiten, also auch soziale Sicherungssysteme vorhanden sind, mit denen die Bedürfnisse anderweitig gedeckt werden können. „Stärker auf den Mangel an finanziellen Mitteln bezogen ist der bisweilen synonym verwendete Begriff der Mittellosigkeit“, erklärt das Internet-Lexikon.

„Früher galt die Eifel immer als ärmere, schlechter gestellte ländliche Region“, sagt Arnd Krömer, doch war dieser Begriff von Armut nicht mit dem zu vergleichen, den man heute für die Bedürftigkeit verwendet. „So schlecht geht es uns heute hier nicht“, sagt der Caritas-Sprecher mit Blick auf den bundesdeutschen Armutsbericht, räumt aber gleich ein, dass auch in der Region die Fälle von Armut in jedweder Form zunehmen. „Das sehen wir in unserer täglichen Arbeit, die weit über die Schuldnerberatung hinausgeht“, hält Arndt Krömer fest. So hätten die Sozialarbeiter nicht nur den Blick auf die finanzielle Situation eines Menschen oder einer Familie, sondern auch auf die Umstände der Notsituation, wie Bildung und Ausbildung, Krankheit, Sucht oder Alter.

„Um in Armut lebenden Menschen helfen zu können, ist es vor allem notwendig, dass diese auch die Hilfe annehmen“, sagt Krömer und weiß, dass viele Menschen aus falscher Scham trotzig sagen: „Sozialamt? Brauch ich nicht!“ Deshalb ist man bei der Caritas auch davon überzeugt, dass die Dunkelziffer dreimal so hoch ist wie die Zahl derer, die von der Caritas betreut werden.

In den offiziellen Bedarfslisten der Monschauer Tafel, die für den Raum Monschau, Simmerath und Roetgen zuständig ist, sind aktuell etwa 260 Bedarfsgemeinschaften mit über 600 betroffenen Menschen geführt, sagt der Vorsitzende Georg Kaulen. „Doch viele, sehr viele dieser Menschen scheuen sich, ihre Armut kundzutun, indem sie zur Tafel einkaufen kommen“, hat er festgestellt. Obwohl der Verkauf im Himo, also nicht im geschäftigen Ortszentrum von Imgenbroich stattfindet, verzichten manche Leute lieber auf günstige Preise und Kleinigkeiten, nur um nicht dort gesehen zu werden, so Kaulen.

Ein anderes Problem ist die Erreichbarkeit der Tafel, die gerade für ältere Menschen, die etwas weiter weg wohnen, ein Problem darstellt. Deshalb sei es hilfreich, dass Betreuungsdienste oder auch Tafelmitarbeiter bisweilen die Waren zu den Bedürftigen nach Hause bringen würden. Natürlich sei dies nicht die Regel, sagt Georg Kaulen.

Bei der Weihnachtspakete-Aktion kommende Woche dagegen, werden wieder weit mehr unterstützungsbedürftige Familien und Menschen einen Weg nach Imgenbroich finden, um die mit viel Bedacht und Fingerspitzengefühl gepackte Weihnachtskisten in Empfang zu nehmen. Viele der inzwischen 75 ehrenamtlichen Tafel-Mitarbeiter werden die Kisten zunächst am Montag von 10 bis 18 Uhr in Empfang nehmen und dann auf die bei der Tafel bekannte Klientel zuschneiden.

„Wir schauen, ob es eine Kiste ist für ein Pärchen, für eine kleine oder größere Familie oder auch für jemanden, der allein lebt. Da haben wir mittlerweile eine gewisse Routine drin“, erläutert Georg Kaulen. Weihnachtskisten mit Kuscheltier oder Spielzeug beispielsweise sind, na klar, vom Spender immer für Familien mit Kindern gedacht. Und Kisten mit Schweinefleisch oder Alkohol sind nicht für gläubige Moslems geeignet. Trotz der auch diesmal sicher wieder überwältigenden Zahl von Spenden behalten die Tafel-Mitarbeiter den Überblick über die randvollen, meist großen Kisten.

Und so werden auch in diesem Jahr an Heiligabend und an den folgenden Feiertagen viele Augen unter dem Weihnachtsbaum leuchten, weil Menschen aus der Eifel ihren Wohlstand mit anderen geteilt haben.