Herbert Prümmer aus Kalterherberg ist Vorkämpfer für Biolandbau

Umdenken in der Landwirtschaft : Der Kalterherberger Kartoffel-Revoluzzer

Im Landschaftsschutzgebiet von Kalterherberg ist Ackerbau nicht erlaubt. Herbert Prümmer setzt dennoch auf den Anbau von besonderen Kartoffeln. Seine „Revolution“ kommt ganz ohne den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln, künstlichem Dünger oder Gülle aus.

Herbert Prümmer ist nicht gerade der Prototyp eines Ökos. Doch wenn es um gesunde Ernährung geht, versteht der Kalterherberger keinen Spaß. Dann kann es auch schon mal vorkommen, dass er mit seinem Porsche spontan über viele Kilometer einen verdächtigen Tanklastwagen verfolgt, um der „holländischen Güllemafia“ auf die Spur zu kommen.

„Ich bin aber kein Radikalinski“, sagt der 72-jährige Unternehmer und grinst verschmitzt. Er war lange weg aus Kalterherberg, hat in Jülich das Bauunternehmen „Wurzel-Bau“ gegründet und über viele Jahre erfolgreich geführt. „Letztendlich sind die Wurzeln des Menschen aber so stark und wichtig, dass ich zurückgekehrt bin.“ Mit der ihm eigenen Energie und Lautstärke engagiert sich der Bauingenieur und passionierte Jäger seit einigen Jahren für seine Heimat und hat zu diesem Zweck unter anderem eine Stiftung gegründet.

Lungauer Eachtlinge aus Salzburg

Sein jüngstes Projekt ist allerdings das Ergebnis mehrerer Zufälle. Denn Prümmer ist unter die Landwirte gegangen und scheut dabei, wie es so seine Art ist, keinen Konflikt. In diesem Fall ist ihm die Städteregion Aachen mit ihrer Unteren Landschaftsschutzbehörde in die Quere gekommen. Es geht um Kartoffeln. Genauer: um Lungauer Eachtlinge, die Prümmer eigens aus Österreich eingeführt hat, weil sie aufgrund ihrer Herkunft aus den Höhen des Salzburger Landes mit dem rauen Eifelklima Kalterherbergs gut umgehen können. Vor drei Jahren hat der Unternehmer mit einem kleinen Feld im Kalterherberger Süden begonnen.

Herbert Prümmer und seine Lungauer Eachtlinge: Den Ackerbau übernahmen die Mönche aus Reichenstein. Foto: Marco Rose

Die Behörde machte ihm daraufhin schnell klar, dass ein klassischer Kartoffel-Ackerbau laut Landschaftsschutzplan in Kalterherberg nicht vorgesehen sei. Eine Begründung, die Prümmer auf die Palme bringt: „Wenn wir hier nach dem Krieg keine Kartoffeln hätten pflanzen können, dann wären die Menschen in Kalterherberg erbärmlich verhungert!“ Natürlich müsse heute niemand mehr hungern, doch sei vielen Menschen nicht bewusst, wie ungesund sie sich ernährten.

Detlef Funken, Pressesprecher der Städteregion, verweist darauf, dass  die Fläche als „Dauer-Grünland“ ausgewiesen sei. Pflanzungen seien dort nicht erlaubt, da hier ein „Umbruchverbot“ gelte. „Durch den Anbau von Kartoffeln würde die Fläche auf Dauer zu Ackerland – einer Monokultur – mit einer anderen Biodiversität. Das käme einer biologischen Abwertung gleich“, sagt Funken. Beim ersten Verstoß habe die Behörde allerdings noch „ein Auge zugedrückt“ und die einmalige „Ernte“ akzeptiert.

Eine erschreckende Beobachtung

Prümmer berichtet indes von einem Schlüsselmoment: „Ich war beruflich viel im Heinsberger Land unterwegs, das für seine Kartoffeln in der Region gerühmt wird. Dort kann man immer wieder beobachten, wie ganze Kartoffelfelder wenige Tage vor der Ernte plötzlich die Farbe wechseln.“ Aus sattem Grün werde plötzlich tristes Braun. „Ein Landwirt hat mir dann das Geheimnis erklärt: Zwei Tage vor der Ernte kippt er Unmengen an Glyphosat auf den Acker, damit die Pflanzen zusammenbrechen – so lassen sie sich dann leichter ernten, weil das Pflanzengrün nicht mehr in den Maschinen hängen bleibt.“ Das sei schlicht „pervers“, meint Prümmer, der sich in das Thema einarbeitete und so den Eachtling aus Österreich entdeckte.

„Diese Kartoffel ist hier grundsätzlich illegal – weil sie nicht von der zuständigen Stelle zertifiziert ist.“ Der Unternehmer stieß bei seinen Recherchen auf ein „Kartell der großen Saatguthersteller“, die die Patente auf alle gängigen Kartoffelsorten hielten. „Die Bauern haben sich in die Hände von Konzernen begeben“, schimpft Prümmer. Alle im Handel erhältlichen Kartoffeln sind tatsächlich Hybriden – besondere Zuchtformen, die sich nicht mehr dazu eignen, wieder ausgepflanzt zu werden. Dafür benötigen Landwirte wieder die von den Konzernen zertifizierten Setzkartoffeln. So kommt dem Eifeler schließlich die subversive Idee, den Konzernen ein Schnippchen zu schlagen. Denn seine Eachtlinge sind keine Hybriden. Die geernteten Kartoffeln lassen sich im nächsten Jahr wieder pflanzen und so vermehren. Und genau das ist Prümmers Plan: Seine Erdäpfel sollen einen Siegeszug in der Eifel antreten.

Für seine Kartoffel-Revolution hat er sich ungewöhnliche Verbündete gesucht: die Mönche von Kloster Reichenstein. Die Brüder übernehmen das Setzen der Kartoffeln und auch die Ernte auf seinem Grund. Im dritten Jahr konnte Prümmer so immerhin 30 Zentner ernten, im kommenden Jahr soll es schon die doppelte Menge sein – und das ohne den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln, künstlichem Dünger oder Gülle. Das Gros der Ernte stiftet er dem Kloster: „Die Mönche dürfen keine Hybriden essen. Und meine Kartoffeln werden sie über den Winter bringen“, sagt der Unternehmer nicht ohne Stolz in der Stimme. Seinem Plan, eine Gruppe des örtlichen Kindergartens zu der Ernte einzuladen, machte indes das schlechte Wetter der vergangenen Tage einen Strich durch die Rechnung. „Ich finde Aufklärung sehr wichtig. Die Kalterherberger Kinder können sich gar nicht vorstellen, dass hier Kartoffeln wachsen. Viele denken, dass sie aus einer Fabrik kommen.“

Deshalb plant Prümmer im kommenden Jahr ein Kartoffel-Fest im Ort. Er will die Bevölkerung einladen, selbst auf seinem Acker zu ernten und dabei auch etwas Zünftiges zu essen. Musik soll es auch geben. „Im Idealfall pflanzt dann der eine oder andere die Kartoffeln anschließend im eigenen Garten. Das wäre mein Traum.“ Der Kreis in dieser „Wurzel-Revolution“ würde sich schließen.

Was die Städteregion wohl von seinen Plänen halten wird? Prümmer lacht und streicht sich die Trachtenjacke glatt. Darauf werde er es wohl ankommen lassen, meint er vielsagend. Von seinem Projekt gehe schließlich eine wichtige Botschaft aus. „Diese ursprüngliche Form der Bewirtschaftung ist die Lösung für viele Bauern in der Eifel, die über Probleme klagen. Denn wir brauchen dringend wieder mehr gesunde Lebensmittel ohne Gifte. Die Kunden sind zunehmend bereit, dafür auch entsprechend zu bezahlen.“ Auf dem Prümmerschen Acker wird es grundsätzlich kein Gift mehr geben: „Wenn der Kartoffelkäfer kommt, wird er halt abgesammelt.“ Mit einer klassischen Fruchtfolge, der sogenannten Dreifelderwirtschaft, werde dieses Risiko zudem minimiert.

Bio-Fleisch aus eigener Herstellung

Weil für Prümmer zu leckeren Kartoffeln auch gutes Fleisch gehört, ist das nächste Projekt bereits in Planung. So hält der 72-Jährige seit kurzem schottische Hochlandrinder und schwäbisch-hällische Landschweine. Die möchte er künftig vor Ort auf der Weide schlachten lassen. Glückliche Kühe und Schweine, die nicht mit Antibiotika vollgepumpt werden und denen der Stress von Tiertransporten quer durchs Land erspart bleibt? Prümmer: „Das ist alles machbar. Die Menschen müssen nur verstehen, dass sie für einen Kilopreis von 2,99 Euro für Koteletts im Supermarkt nur Müll bekommen.“

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