Kalterherberg: Heirat 1959: Auch der Zoll musste sein Ja-Wort geben

Kalterherberg : Heirat 1959: Auch der Zoll musste sein Ja-Wort geben

Heiraten ist in der heutigen Zeit eine verhältnismäßig umkomplizierte Angelegenheit; auch Landesgrenzen innerhalb der EU bilden da nur selten ein unüberwindbares Hindernis. Das war vor rund 60 Jahren noch völlig anders, als die Staatsgrenzen noch trennenden Charakter besaßen und streng bewacht wurden. Selbst die Grenze zwischen Kalterherberg und dem belgischen Küchelscheid, die heute nur noch in der Erinnerung existiert, war damals ein Hindernis höchstes Grades.

Auch vor das Ja-Wort hatten die deutschen Behörden strenge Zollformalitäten gesetzt. Wie es damals an der deutsch-belgischen Grenze zuging, wurde auch bei der Eheschließung von Leo und Marlene Leyendecker aus Kalterherberg bzw. Küchelscheid deutlich. Welche Anstrengungen das junge Paar vor seiner Eheschließung auf sich nehmen musste, um behördliche Auflagen zu erfüllen, wurde jetzt schwarz auf weiß sichtbar.

Als Hubert Leyendecker und seine Schwester kürzlich das Haus ihrer inzwischen verstorbenen Eltern ausräumten, um es zum Verkauf anzubieten, fiel ihm im Aktenschrank seines Vaters auch ein Dokument in die Hände, „das mir fast die Sprache verschlug und im heutigen Zeitalter der Europäischen Union für junge Menschen nicht mehr vorstellbar ist“, sagt der 54-Jährige.

Es ging um die „Überführung von Heiratsgut über das Zollamt Kalterherberg“, wie dem Schreiben zu entnehmen ist. „Das muss eine ziemlich dramatische Angelegenheit gewesen sein“, interpretiert Hubert Leyendecker den Schriftverkehr wenige Tage vor der Eheschließung.

Die Eltern heirateten 1959 in Kalterherberg, wo Leo Leyendecker auch geboren wurde und 87 Jahre lebte. Marlene Leyendecker, geb. Leyens, hingegen stammt aus dem an Kalterherberg angrenzenden, belgischen Küchelscheid. Da beide Ortschaften von alters her enge Verbindungen pflegten, schien es im August 1959, wenige Tage vor der Hochzeit, zunächst völlig unproblematisch, die bescheidene Aussteuer der jungen Braut von Küchelscheid über das Zollamt Kalterherberg in die nur drei Kilometer entfernte Mietwohnung der Brautleute in die Malmedyer Straße 1 nach Kalterherberg zu bringen.

Doch das Zollamt Kalterherberg bestand darauf, die in einer Liste detailliert aufgeführten Aussteuer-Gegenstände über den 45 Kilometer entfernten Grenzübergang Aachen-Köpfchen nach Deutschland zu überführen. „Diese Entscheidung dürfte das Brautpaar wenige Tage vor der Hochzeit völlig unerwartet erreicht haben“, vermutet Hubert Leyendecker, denn seine Mutter wandte sich am 11. August 1959, also drei Tage vor der Hochzeit, mit einem Antrag auf Ausnahmegenehmigung unmittelbar an das Hauptzollamt Aachen.

Diesem Antrag beigefügt war eine sorgfältig zusammengestellte Liste aller rund 50 Aussteuergegenstände, die überführt werden sollten. Die Antragstellerin wies darauf hin, dass ihr Elternhaus nur 500 Meter vom Grenzübergang Kalterherberg entfernt liege.

Die Überführung des Heiratsgutes über Aachen-Köpfchen würde einen Reiseweg von über 100 Kilometern bedeuten, zur neuen gemeinsamen Wohnung seien es aber nur drei Kilometer. Unter Berufung auf die Allgemeine Zollordnung wurde um die Genehmigung gebeten, „die Zollfreilassung meines Heiratsgutes zu erteilen“. Offenbar wurde dieser Antrag sofort zum Hauptzollamt nach Aachen gebracht, denn bereits am nächsten Tag erteilte das Hauptzollamt die erhoffte Genehmigung zur „Einfuhr von Ausstattungsgut über das Zollamt Kalterherberg“. Großzügig gestattete die Dienststelle in Aachen, dass man „in Anbetracht der geschilderten besonderen Umstände“ damit einverstanden sei, dass das Ausstattungsgut über das Zollamt Kalterherberg eingeführt werden dürfe.

Zu guter Letzt bescheinigte der Bürgermeister von Elsenborn dann noch wenige Stunden vor der Hochzeit am 13.8.1959 schriftlich, dass die in der vorgenannten Liste aufgeführten Gegenstände, die zusammen ein Gewicht von 300 Kilogramm auf die Waage brachten, persönliches Eigentum von „Fräulein Marlene Leyens“ seien. So konnte das Paar dann am nächsten Tag der Bund der Ehe eingehen, der bis zum Tod von Marlene Leyendecker im Jahre 2011 über 52 Jahre bestand. Leo Leyendecker starb im Jahr 2017.

Interessant ist ein Blick auf die Liste des zu überführenden Heiratsgutes. Diese enthält angefangen bei 36 Spültüchern, über 20 Kissenbezüge bis hin zu 20 Kleiderbügeln akribisch genau eine Aufstellung der Aussteuer. Sechs Nachthemden, ein Sofakissen, ein Spülschränkchen, zwei Eimer, eine Zuckerzange, ein Sahnelöffel, ein Kaffeewärmer und schließlich ein Wagen Brennholz werden ebenfalls unter den insgesamt 50 Posten aufgelistet.

Es wurde nichts verschwiegen, der Staat durfte alles wissen.

(P. St.)
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