Zwei Vorfälle binnen 24 Stunden: Hat ein Wolf in der Eifel Hausschafe gerissen?

Zwei Vorfälle binnen 24 Stunden : Hat ein Wolf in der Eifel Hausschafe gerissen?

Auf einer Weide in Mützenich wurden vergangene Woche im Abstand von weniger als 20 Stunden zwei Schafe gerissen. Die beiden Vorfälle wurden von den Besitzern der Hausschafe dem zuständigen Wildtierexperten Hermann Carl gemeldet, der vor Ort Spuren nahm und umgehend die Fachstelle beim Landesumweltamt NRW einschaltete. Dort laufen nun die Untersuchungen, ob die Schafe von einem Wolf gerissen wurden oder ob dafür möglicherweise auch ein freilaufender Hund in Frage kommt.

Vier zehnjährige Skudden, eine alte, aus Ostpreußen stammende Hausschaf-Rasse, besitzen Heidi und Thomas Horst und halten diese seit Jahren auf einer Wiesenfläche direkt hinter ihrem Garten. „Wir haben die Tiere damals angeschafft, um die Gras- und Rasenflächen an unserem Haus zu pflegen und kurz zu halten“, erzählt Heidi Horst, die die Geschehnisse der letzten Tage spürbar mitgenommen haben.

Der erste Vorfall ereignete sich offensichtlich in der Nacht zum Donnerstag vergangener Woche. „Beim Blick aus dem Fenster sah ich morgens eine unserer Skudden auf der Weide liegen, was mir ungewöhnlich erschien, weil die Tiere normalerweise im Stall schlafen und morgens um diese Uhrzeit schon zum Weiden draußen sind“, berichtet Thomas Horst. Als er dann zu den Tieren auf die Weide ging, traute er seinen Augen nicht: Das scheinbar schlafende Schaf lag regungslos auf der Seite und wies Blutspuren am Kopf- und  Schulterbereich auf. „Ich war total geschockt und bin erst mal ins Haus gegangen, um meiner Frau davon zu berichten“, sagt Thomas Horst, der dann aber erneut zum verendeten Schaf ging und das ganze Ausmaß der Verletzungen entdeckte: Der Angreifer hatte das Schaf zunächst mit dem typischen Halsbiss kampfunfähig gemacht, dann die Bauchunterseite aufgebissen und schließlich die Eingeweide vollständig herausgerissen und gefressen. „Die Gier war offenbar so groß, dass auch Teile der Knochen mitgefressen wurden“, erzählt Heidi Horst. „Ehe der Angreifer sich dann wieder aus dem Staub machte, biss er noch das rechte Vorderbein der Skudde ab und ließ es offenbar als Wegzehrung mitgehen.“

Die sofort von den Horsts verständigte Polizei verwies diese an das Ordnungsamt weiter, welches die Tierhalter wiederum bat, sich an Hermann Carl zu wenden. Der offizielle Wolfsberater traf schon wenig später an der Reichensteiner Straße ein und nahm seine Untersuchungen nach Spuren des Übeltäters auf. „Ich hoffe, wir haben verwertbare DNA-Spuren an Speichel, Fellproben und einzelnen Haaren ausfindig machen können“, berichtet Carl. Neben Abstrichen am getöteten Schaf entdeckte man am Weidezaun in Richtung Wald und Plattevenn auch Haarbüchel, die definitiv nicht vom Weidevieh, also von den Schafen auf der einen und von den Rindern auf der anderen Seite des Zauns, stammen.

Ein schreckliches Bild bot sich Thomas Horst, als er am Donnerstagmorgen auf die Schafsweide an seinem Haus kam. Ein nächtlicher Angreifer hatte eine seiner Skudden mit einem Halsbiss getötet und das Tier anschließend komplett ausgenommen. Foto: Privat

„Ich habe meine Ergebnisse dann der Kontaktstelle für Meldungen beim Landesumweltamt zukommen lassen“, so Hermann Carl, der jedoch schon am nächsten Tag erneut einen Anruf von Thomas und Heidi Horst erhielt. Der unbekannte Angreifer war bereits am Donnerstagabend, also keine 20 Stunden nach seiner ersten Tat, erneut im Garten von Familie Horst aufgekreuzt und hatte sich das zweite Tier vorgenommen. Thomas Horst, der um die späte Abendzeit noch mit seiner Frau im Wohnzimmer saß und verdächtige Geräusche gehört hatte, schaltete sofort einen großen Strahler an, der den Garten ausleuchtet. Thomas Horst sah, dass erneut eines seiner Tiere auf der Weide lag. „Das arme Tier war aber schon tot, ich konnte nur noch Nervenzucken beobachten“, erzählt Horst und folgert: „Es muss kurz vorher totgebissen worden sein, doch der Angreifer wurde offenbar vom Licht überrascht und ließ deshalb von seiner Beute ab.“

„Ausschließen können wir hier nichts. Es könnte sich um einen Wolf handeln oder auch um einen verwilderten, großen Hund“, lautet Hermann Carls vorsichtige Einschätzung. Dass jedoch ein ausgewachsenes Schaf vollständig ausgenommen wurde, spricht für den Experten eher für einen Wolf als für einen anderen Angreifer. „Sollte es sich doch um einen Hund handeln, dann um einen großen, wolfsähnlichen“, vermutet Hermann Carl, der die entdeckten Pfotenspuren eher als rundlich einstuft, während Wölfe eher längliche Spuren hinterließen.

Was ihn dabei jedoch verwundert, ist die Wiederholungstat einen Tag später. „Wenn ein Wolf so reichlich frisst, dann zieht er sich normalerweise drei bis vier Tage zurück und schläft und verdaut“, überlegt Hermann Carl. Deshalb könne der zweite Angriff möglicherweise darauf schließen lassen, dass es sich um mehrere Tiere gehandelt haben könnte oder um ein Elterntier, das Junge zu versorgen hat. „Wölfe sind eigentlich keine Wiederholungstäter“, weiß Carl.

Während die offizielle Stelle beim Landesumweltamt darum bat, den Vorfall zunächst noch zurückhaltend zu behandeln, wählten Heidi und Thomas Horst bewusst den Schritt in die Öffentlichkeit: „Allein hier in Mützenich gibt es ein Dutzend Schafhalter, die jetzt ihre Lämmer auf die Weide lassen. Und viele Bauern werden jetzt bei dem angekündigten schönen Wetter auch ihre Kälber nach draußen schicken. Wir  möchten, dass diese Tierhalter gewarnt sind und entsprechende Vorsichtsmaßnahmen treffen können“, sagt Heidi Horst und trifft auf volle Zustimmung bei Hermann Carl: „Es ist absolut richtig, dass andere Viehhalter gewarnt werden müssen. Und vielleicht kann die Öffentlichkeit ja auch zur Aufklärung der beiden Vorfälle beitragen“, sagt Hermann Carl. Denn die Auswertung seiner Proben kann bis zu sechs Wochen dauern, „und ob wir dann ein verwertbares Ergebnis haben, ist auch nicht sicher“, so Carl.

Sollte sich herausstellen, dass es beim Mützenicher Angreifer tatsächlich um einen Wolf handelte, dann wäre das auch für den erfahrenen Naturexperten eine kleine Sensation. „Das wäre dann der erste richtige Nachweis eines Wolfes in unserem Bereich, ganz zu schweigen, wenn es sich gar um ein Rudel oder um Wolfsnachwuchs handeln sollte“, so Carl. Der vor Monaten auf belgischer Seite im Venn fotografierte Wolf führte nämlich noch nicht zur Ausweisung eines offiziellen Wolfsgebietes. Hermann Carl: „Wenn es ein Wolf war, wird man die Frage untersuchen müssen: Wo kam er her, aus welchem Rudel stammt er? War es nur ein Wanderwolf auf der Durchreise oder war es vielleicht ein zwei- bis dreijähriger Rüde auf der Suche nach einer Fähe und nach einem eigenen Revier?“

Die beiden überlebenden Schafe transportierte Natur- und Wildtierkenner Hermann Carl am Samstag wegen kurzer Abwesenheit der Besitzer vorsichtshalber zu seiner eigenen Schafswiese. Die beiden Skudden sind auch Tage nach den Vorfällen noch völlig verstört. Foto: Heiner Schepp

Nach den Ereignissen in der vergangenen Woche sind noch viele Fragen offen. Und nicht nur Heidi und Thomas Horst sowie Hermann Carl erhoffen sich nun schnelle und schlüssige Antworten aus Düsseldorf.

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