Nordeifel: Gülletourismus gibt es auch in der Eifel

Nordeifel : Gülletourismus gibt es auch in der Eifel

Nachdem der Europäische Gerichtshof (EuGH) Deutschland verurteilt hat, weil die Bundesregierung zu wenig gegen Nitrate im Grundwasser unternommen hat, ist auch der sogenannte Gülletourismus wieder stärker in den Fokus gerückt.

Diesen Gülletourismus gibt es auch in der Nordeifel. Regelmäßig wird Gülle aus den Niederlanden mit großen Tankwagen zu den Bauernhöfen oder direkt zu den Feldern gebracht, wo die stinkende Fracht umgepumpt und auf den Wiesen verteilt wird.

Positiv formuliert könnte man hier von einer Win-Win-Situation sprechen, von einem Geschäft von dem beide Seiten profitieren. Denn in den Niederlanden ist das Angebot größer als der Bedarf, und in der Eifel soll es eher umgekehrt sein. Das sagt zumindest die Landwirtschaftskammer.

Negativ formuliert könnte man von einer riesigen Schweinerei sprechen, wenn die Überreste einer intensiven Fleischindustrie auf den Feldern der Eifel landen. Umweltschützer sehen hier nämlich die Gefahr einer Vergiftung des Grundwassers durch die Nitratbelastung, aber auch durch die Rückstände von Antibiotika und anderer Medikamente, die in der Massentierhaltung zum Einsatz kommen. „Wir haben in der Eifel noch sehr viel zu verlieren, und der Druck wird größer“, sagt Josef Tumbrinck, Vorsitzender Naturschutzbund (NABU) NRW. Er befürchtet, dass noch mehr Gülle „in formal unterversorgte Bereiche“ fließen wird — auch in die Eifel. „Das betrachten wir mit großer Sorge, denn artenreiche Flächen werden auch mit legaler Düngung auf Dauer entwertet“, betont Tumbrinck.

Hinweise sind wichtig

Viele Bürger sorgen sich ebenfalls wegen eventueller medikamentöser Rückstände im Dünger und fragen bei den Behörden nach, ob genügend kontrolliert wird. Auch Bernd Bierwisch aus Steckenborn ärgern die Gülletransporte. Erst vor wenigen Wochen ist ihm ein Transporter aufgefallen, der Gülle zu einem Bauernhof in der Gemeinde Simmerath lieferte und dort in eine Grube pumpte. Das hat er auch mit Fotos dokumentiert. Für Bierwisch ergeben sich mehrere Fragen. Insbesondere, ob die Grube, in die die Gülle gepumpt wurde, überhaupt dicht ist, und ob gewährleistet ist, dass die Gülle nicht austreten und in einen nahe gelegenen Bach laufen kann.

„Mich ärgert, dass so etwas möglich ist, und dass man als Bürger diesem Treiben hilflos zusehen muss. Am Ende zahlen wir alle dafür. Für mich ist das eine Bereicherung weniger auf Kosten aller“, sagt Bierwisch, der seine Beobachtungen auch den Grünen in Simmerath mitgeteilt hat.

„Die Zunahme der Gülletransporte in die Eifel sehen wir mit großer Sorge“, sagt der Fraktionsvorsitzende der Simmerather Grünen, Klaus Stockschlaeder. Die Grünen hätten schon mehrfach Kontakt mit besorgten Bürgern gehabt, es fehlten aber konkrete Angaben über die persönliche Betroffenheit hinaus. „Wenn konkrete Beobachtungen gemacht werden, gehen wir diesen gerne nach und lassen auch Untersuchungen auf Parteikosten vornehmen“, sagt Stockschlaeder.

Auch wenn die Gülletransporte aus den Niederlanden immer wieder für Aufregung sorgen und die Landwirte nicht gerne darüber sprechen, sind sie nicht illegal. Für Franz-Josef Schockemöhle, Leiter der Stabsstelle Kontrolle Düngeverordnung bei der Landwirtschaftskammer NRW, entspricht der Import dem Kreislaufwirtschaftsdenken. „Da Pflanzen Nährstoffe brauchen, ist es besser, organischen Dünger dort einzusetzen, wo es sinnvoll ist als auf wesentlichen günstigeren mineralischen Dünger zurückzugreifen“, sagt er. Schließlich handele es sich bei mineralischem Dünger um eine endliche Ressource, deren Einsatz mit einem hohen Energieverbrauch verbunden sei. Aus seiner Sicht ist der Gülletourismus deshalb sogar ein Gewinn für die gesamte Gesellschaft. „Gülle ist ein Handelsgut wie jedes andere auch“, sagt Schockemöhle. Nichtsdestotrotz zeigt er Verständnis für besorgte Bürger. Die Auseinandersetzung mit ihnen sei wichtig, und ihre Hinweise seien von entscheidender Bedeutung, um den schwarzen Schafen unter den Landwirten auf die Schliche zu kommen. „Darauf sind wir angewiesen“, betont Schockemöhle.

Er streitet auch nicht ab, „dass es in Einzelfällen möglich ist, dass Rückstände von Medikamenten wie Antibiotika in die Natur gelangen“. Hier gebe es aber strenge Auflagen. Außerdem würden Studien belegen, „dass in den menschlichen Abwässern deutlich mehr Rückstände enthalten sind“, sagt der Vertreter der Landwirtschaftskammer. In den meisten Fällen würden sich die Bürger aber nicht aus Sorge um das Grundwasser melden, sondern weil sie sich von dem Gestank der Gülle belästigt fühlen.

Schockemöhle verweist außerdem auf strenge Kontrollen in Abstimmung mit dem Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW (LANUV). Dabei würden von 27.000 landwirtschaftlichen Betrieben in NRW 2600 ausgewählt, wovon die Hälfte auch vor Ort kontrolliert werde. Kriterien für die Auswahl der Betriebe seien zum Beispiel der Viehbestand im Vergleich zur Fläche, die Aufnahme großer Mengen an organischem Dünger und wenig zur Verfügung stehende Fläche.

Kontrolliert würden insbesondere aber auch die Betriebe, die von Bürgern, Behörden oder auch von anderen Landwirten gemeldet wurden, und solche Betriebe, die in den vergangenen Jahren aufgefallen sind. Der erste Anlaufpunkt für besorgte Bürger sollten die Kreisstellen der Landwirtschaftskammer sein, sagt Schockemöhle. Dann würden Mitarbeiter zu den Betrieben rausfahren und sich selbst ein Bild der Situation verschaffen. Abschließend verweist Schockemöhle auf die neue Düngeverordnung, wonach ein Landwirt den Nährstoffbedarf seiner Pflanzen genau zu ermitteln habe und sich streng danach richten müsse. Auch das werde kontrolliert, erläutert er.

Kooperation mit den Landwirten

Auf der Internetseite www.guelle-nrw.de stellt die Landwirtschaftskammer Informationen zum Thema Gülle bereit. Dort werden auch Ansprechpartner genannt, an die man sich bei Fragen wenden kann.

Die Wasserversorger in der Eifel sehen die Transporte zwar nicht gerne, sie verweisen aber auf eine gute Kooperation mit den Landwirten und sehen keine Gefahr für das Trinkwasser. Im Einzugsbereich der Perlenbachtalsperre seien keine Auswirkungen der Gülle in Form erhöhter Nitratwerte nachweisbar, sagt der Betriebsleiter des Wasserwerks Perlenbach, Derk Buchsteiner. Ein Grund dafür sei, dass die Talsperre mit Oberflächenwasser und nicht mit Grundwasser gespeist werde. Ein anderer sei eine Zusammenarbeit mit den Landwirten in der Region. „Durch die gute Kooperation mit den Landwirten sinkt der Nitratwert seit mehreren Jahren“, erklärt er. Inzwischen liege der Wert bei vier Milligramm pro Liter, während in der EU ein Grenzwert von 50 Milligramm pro Liter gilt und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) einen Grenzwert von 20 Milligramm pro Liter empfiehlt.

Daher sieht Buchsteiner die in der Eifel erfassten Werte als ein Zeichen für die sogenannte gute landwirtschaftliche Praxis, die besagt, dass nur so viel gedüngt werde, wie der Boden aufnehmen kann und die Pflanzen zum Wachstum benötigen. In die Kooperation seien rund 30 Landwirte eingebunden und das Einzugsgebiet der Talsperre damit zu 95 Prozent abgedeckt. Zu der Kooperationsvereinbarung mit den Landwirten gehört auch, dass dem Wasserwerk mitgeteilt wird, welche Art von Dünger wann und wo verteilt wird.

Der Wasserverband Eifel-Rur (WVER) verweist ebenfalls auf eine Vereinbarung mit den Landwirten. „Das funktioniert ganz gut. Wenn sich alle daran halten, gibt es wenige Probleme“, sagt Pressesprecher Marcus Seiler. Die Werte des als Trinkwasserspeicher genutzten Obersees seien „im grünen Bereich“.

Diese Erfahrungen bestätigt auch Walter Dautzenberg, der Geschäftsführer der Wassergewinnungs- und aufbereitungsgesellschaft Nordeifel (WAG). Bei den von der WAG genutzten Talsperren (Dreilägerbachtalsperre, Kalltalsperre, Obersee und Wehebachtalsperre) lägen die Werte meist um 10 Milligramm pro Liter oder darunter, sagt er. Durch die Kooperation mit den Landwirten sei ein konstruktiver Austausch gewährleistet, die Düngung erfolge bedarfsgerecht. „Wir können die Situation relativ entspannt beobachten. Da brennt uns nichts an. Wir haben hier mit den Talsperren keine Probleme“, sagt Dautzenberg.

Schwellenwert nicht überschritten

Der Unteren Wasserbehörde der Städteregion Aachen liegen zum Thema Gülletourismus und zur Belastung des Grundwassers mit Antibiotika keine Erkenntnisse vor.

Für die Nitratwerte verweist die Städteregion auf den NRW-Nitratbericht 2014. Demnach gibt es im Bereich der Städteregion vier Grundwassermessstellen, an denen der Schwellenwert für Nitrat von 50 Milligramm pro Liter im betrachteten Zeitraum (1992 bis 2011) überschritten wurde. Alle vier Messstellen befinden sich im Nordkreis der Städteregion. „In den Eifelkommunen Simmerath, Monschau und Roetgen wurden keine Überschreitungen des Schwellenwertes für Nitrat festgestellt“, teilt die Städteregion mit.

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