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Aachen: Filme hinter Gittern beeindrucken Insassen und Besucher

Aachen : Filme hinter Gittern beeindrucken Insassen und Besucher

Ein ungewöhnliches Bild: Bei strahlendem Sonnenschein stehen am Donnerstagabend Menschen vor der Justizvollzugsanstalt Schlange und begehren Einlass. Sie wollen ein Filmfestival besuchen. „DocFest on Tour“ zeigt Dokumentarfilme an ungewöhnlichen Orten.

Das Aachener Gefängnis ist sicher der ungewöhnlichste Schauplatz dafür. Auch wenn viele der rund 800 Inhaftierten regelmäßig Besuch bekommen, gehört die Überprüfung von circa 50 Filmfreunden auf einmal nicht zur Routine der Justizvollzugsbeamten.

Michael Chauvistré und Filmemecher Georg Nonnenmacher. Foto: Andreas Herrmann

Von den ansonsten üblichen Sicherheitsregeln weichen sie dennoch nicht ab: Ausweis hinterlegen, Schleusung von Tür zu Tür, Taschenkontrolle und Leibesvisitation — alle von draußen werden überprüft, niemand kann sich ohne Beamtenbegleitung bewegen. Die Männer bekommen zusätzlich ein leuchtend orangenes Armband, damit sie vorm Verlassen der JVA leicht von den Insassen, die ebenfalls beim Filmabend dabei sind, unterschieden werden können.

„Das alles ist nicht selbstverständlich, aber hier haben sowohl die Anstaltsleitung als auch das Team eine aufgeschlossene Haltung gegenüber solchen Aktionen“, lobte Bürgermeisterin Hilde Scheidt, die als Mitglied des JVA-Beirats Filmemacher und „DocFest on Tour“-Organisator Michael Chauvistré den Weg in den Knast geebnet hat. „Vielen Aachenern ist nicht bewusst, dass hier fast 800 Inhaftierte täglich leben, arbeiten und auf diese Weise resozialisiert werden. Die spektakulären Fälle sind aus der Presse bekannt, aber heute geht es um den Alltag“, begründete Scheidt ihr Engagement für die Öffnung des Knasts für Menschen von draußen.

Gezeigt wurden zwei Filme, die eben jenen Alltag der Inhaftierten beleuchten: „Raumfahrer“ des Kölner Regisseurs Georg Nonnenmacher zeigt in 40 Minuten und langen Schnitten die „Verschubung“ eines Gefangenen, also den Transport von einer JVA in eine andere. Die Gefängnisfilmgruppe „Podknast“ wirft in „Tag für Tag“ — entstanden mit Unterstützung von Chauvistré und unter Leitung des JVA-Lehrers Frank Lennartz — einen Blick auf den Wert von Arbeit im Gefängnis. Zwei Knastfilme — auch das ist nicht selbstverständlich. Denn was kann es langweiligeres oder deprimierendes für Gefangene geben, als sich den eigenen Alltag noch einmal auf einer Leinwand anzuschauen?

Aber gerade die Umsetzung hat die „Podknast“-Gruppe, die Chauvistré bei der Filmauswahl involvierte, überzeugt: „,Raumfahrer‘ gibt wieder, wie es wirklich ist. Ich staune, wie real die Tristesse ankommt“, erklärte Thomas, der bei „Podknast“ hinter der Kamera steht. Ähnlich beeindruckt zeigte sich auch das Filmpublikum von draußen: „Wirkmächtig und schwer auszuhalten“, lautete der erste Eindruck des Publikums, der sich ebenso auf „Tag für Tag“ beziehen lässt.

Ungewöhnlicher Ort, ungewöhnliche Filme — „DocFest“ lieferte Einblicke in einen Alltag, der den meisten Menschen fremd ist.