Steckenborn: Eine Chance für gute Inklusion beim Projekt Kontor Eifel

Steckenborn : Eine Chance für gute Inklusion beim Projekt Kontor Eifel

Ob Honig mit Mohn, Apfel-Meerrettich oder das klassische Urrezept — den Monschauer Senf gibt es in 22 verschiedenen Sorten. Abgefüllt und beklebt werden die Senftöpfe in Steckenborn; genauer gesagt beim Projekt Kontor Eifel (PKE). Eine halbe Million Töpfe bereiten die Beschäftigten hier für den Verkauf vor — und es sind Menschen mit und ohne Förderbedarf.

Aus einer Herzensangelegenheit heraus war das Projekt Kontor Eifel damals entstanden und damit eine Beschäftigungsinitiative für inklusive Projekte.

Projekt Füllhorn: Die 22 Senfsorten der Historischen Monschauer Senfmühle werden in Steckenborn abgefüllt und beklebt. Foto: Anke Capellmann

„Erster Arbeitsmarkt“

Hermann Stormanns, Initiator und Geschäftsführer von PKE, ist eigentlich Sonderschullehrer. Die Suche nach Beschäftigungsmöglichkeiten für Menschen mit Förderbedarf sei immer schwer gewesen. „Deswegen haben wir unseren Betrieb hier ins Leben gerufen“, sagt er. Das Projekt Kontor ermöglicht so auch die Integration von Menschen mit Handicap am Arbeitsplatz.

Qualifizierte Mitarbeiter mit und ohne Beeinträchtigungen arbeiten in verschiedenen Projekten gleichberechtigt miteinander — unter den realistischen Bedingungen des ersten Arbeitsmarktes und so mit sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätzen.

Das „Projekt Füllhorn“ war damals das erste Projekt, das von Stormanns realisiert wurde. Hierbei handelt es sich um den Abfüllbetrieb des Senfes der Historischen Monschauer Senfmühle. „Für die Industrie ist die Menge, die wir pro Jahr abfüllen, ein Witz. Aber aufgrund der 22 verschiedenen Sorten wäre das für die Industrie viel zu aufwendig“, erklärt Stormanns. Alles was in Monschau produziert wird, werde hier in Steckenborn von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern abgefüllt.

Das zweite Projekt, was dann folgte, war das „Projekt Huusmester“. Hier werden alle Bereiche des klassischen Hausmeisterservices, haushaltsnahe Dienstleistungen sowie Alltagsbegleitung von Senioren abgedeckt. Zusätzlich gibt es die „Eifeler Grünspechte“, einen Gartenservice des PKE.

Problem Mobilität

Das Projekt Kontor ist mit seinen inzwischen 59 Beschäftigten schon zu einer festen Größe in der Gemeinde Simmerath geworden, vor allem im Bereich Gastronomie und Service. Neben dem Dorfladen „Onkel Lupo“ in Woffelsbach gibt es noch „Lupos Restaurant“ im Aachener Bootsclub und seit März dieses Jahres auch „Lupos Bistro“ in Rurberg am Badesee.

„Der heiße Sommer und der damit verbundene Hochbetrieb haben uns hier überrannt. Manche Gäste sind teilweise aggressiv geworden, wenn das Essen nicht in zehn Minuten da war“, sagt Stormanns. Dabei würden die wenigsten wissen, dass hier Menschen mit Beeinträchtigungen arbeiten. Das nicht in die Bevölkerung weiterzutragen, war auch immer die Philosophie von Hermann Stormanns und seiner Frau Michaele gewesen.

„Wir wollten nie herausschreien, dass hier auch Menschen mit Behinderungen arbeiten. Die Bedingungen sollen für alle gleich sein“, sagt Stormanns. In diesem Fall hätten sie aber letztendlich Flyer auf den Tischen im Bistro verteilt, um auf die Situation aufmerksam zu machen. „Wir mussten das machen, einfach um unsere Mitarbeiter zu schützen“, sagt Stormanns. Den Leuten beizubringen, dass man Geduld haben müsse, sei ungeheuer schwierig. Ohnehin sei im Betrieb nicht immer alles „Friede, Freude, Eierkuchen“, wie Stormanns einräumt.

„Ein sehr heftiger und wunder Punkt ist die Mobilität hier.“ Viele könnten nicht mit dem Auto oder dem Motorroller fahren. Eine Zumutung sei es vor allem auch für psychisch kranke Menschen, sich eine Stunde in den Bus zu setzen, um zur Arbeit zu kommen. „Hier vor Ort geht es noch mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Aber spätestens am Rursee ist ab abends Schicht im Schacht“, sagt Stormanns. Zudem schrecke der lange Weg bis nach Steckenborn viele Leute ab. Es müsse immer jemand fahren.

„Wir brauchen hier eigentlich zwei Sozialarbeiter“, sagt Stormanns weiter. Das würde vieles erleichtern, denn die Beschäftigten hätten einen Ansprechpartner und auch als Arbeitgeber würde man unterstützt werden. „Wir haben die Situation hier manchmal massiv unterschätzt. Ich muss ehrlich sagen, dass ich mir vieles einfacher vorgestellt habe“, sagt Stormanns.

Claudia Middendorf, Beauftragte der Landesregierung NRW für Menschen mit Behinderung sowie für Patienten, kann diese Probleme sehr gut nachvollziehen. Im Rahmen der Sommertour der Christlich Demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA) der CDU NRW hat Middendorf jetzt das Projekt in Steckenborn besucht. „Es ist nicht selbstverständlich, solche Arbeitgeber wie hier zu finden. Das Projekt darf nicht nur hier in der Region bleiben, sondern muss überregional bekannt werden“, sagt Middendorf.

Über- und Unterforderung

„Viele Menschen mit Handicap sind in Behindertenwerkstätten oft unterfordert, wären auf dem ersten Arbeitsmarkt aber überfordert. Wir bieten diesen Menschen hier eine Alternative“, sagt Stormanns. Bei über 50 Mitarbeitern fungierten diejenigen ohne Behinderung als „aktive Arbeitsbegleiter“. Zum einen erfüllten sie ihren ureigenen Arbeitsauftrag, zum anderen begleiteten sie die Mitarbeiter mit Förderbedarf in der produktiven Arbeit. Von den 59 Beschäftigten sind 29 Mitarbeiter fest angestellt. Insgesamt liegt die Quote der Mitarbeiter mit einem Schwerbehindertenausweis bei 30,5 Prozent, bei den Festangestellten sogar schon bei 42 Prozent.

„Ich finde es ganz toll, dass hier so ein Projekt gewagt wird“, sagt Claudia Middendorf. Sie werde die Bedenken und Probleme, die es hier gebe, mit in die Landesregierung nehmen und an Karl-Josef Laumann, Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes NRW, herantragen.

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