Aachen: Ein Stück Geschichte wird weggebaggert

Aachen: Ein Stück Geschichte wird weggebaggert

Die Alemannia-Anhänger haben es in diesen Tagen nicht leicht. Ihre Lizenzspielermannschaft rangiert am Tabellenende der zweiten Liga. Das ist ja schon schlimm genug. Dass aber ausgerechnet am Montag auch noch mit dem Abriss des alten Tivoli begonnen wurde, ließ bei dem einen oder anderen älteren Fan Tristesse pur aufkommen.

„Es hängen halt sehr viele Erinnerungen an dem Stadion”, musste auch Marcel Philipp zugeben. Mit schickem dunkelblauen Anzug und rosaroter Krawatte setzte sich das Stadtoberhaupt in den „Greiferbagger”, bediente die Schalthebel in seiner Kabine geradezu fachmännisch und gab höchstpersönlich den Startschuss für den offiziellen Abriss. „Ich bin heute zuständig fürs Kaputtmachen”, scherzte der OB, der allerdings nach seiner Mission gestand: „Wenn es in dem Tempo weiterginge, würde der Zeitplan sicherlich nicht eingehalten.”

Die geschichtsträchtige Sportstätte des Traditionsklubs muss 150 Wohneinheiten, einem Hotel, einem Supermarkt, einem Kinderspielplatz und Grünflächen weichen. In sechs bis acht Wochen soll der sogenannte „Hochbau” abgerissen werden. Das heißt, nach den Treppenstufen auf den Rängen werden die Tribünendächer, die vier Flutlichtmaste sowie 2840 Kubikmeter Betonbeläge und 100 Tonnen Altholz entsorgt.

Nach einer anschließenden kurzen Pause werden Anfang des kommenden Jahres die Wälle abgetragen. Insgesamt 70.000 Tonnen Bodenabtrag und 1700 Tonnen Stahlbeton werden nach genauer Schadstoffanalyse auf diverse Deponien verteilt. „Das sind rund 2000 Lastzüge voll”, sagte Heike Ohlmann, städtische Fachfrau für den Tivoliabriss.

Jedoch soll nicht der ganze Komplex dem Erdboden gleich gemacht werden. Vielmehr sollen Relikte vom Stadion eine Brücke zur Vergangenheit schlagen. „Konturen des Spielfeldes sollen erkennbar bleiben”, betonte Ohlmann. Denkbar sei auch, dass die Straße, die an der früheren Mittellinie geplant ist, mit dem Namen „Mittellinienstraße” versehen wird. Stehen bleiben soll in jedem Fall der „Würselener Wall”. Dort sollen in Hanglage attraktive Terrassenhäuser entstehen. Für Heike Ullmann sind das jetzt schon „begehrte Grundstücke nicht nur für eingefleischte Fans”.

Häuser, Hotel und Hit-Markt

Zur Emmastraße hin, quasi auf der früheren Haupttribüne, sollen Miets- und Familienhäuser entstehen. Das Hotel soll Richtung Merowinger Straße, auf dem Aachener Wall beziehungsweise der Gästetribüne, gebaut werden. Wo zuletzt Alemannias VIP-Bereich in den Zelten angesiedelt war, soll sich der Hit-Supermarkt ausbreiten und wo früher die Eingänge zu den überdachten Stehplätzen waren, wird eine Grünfläche angelegt und ein Kinderspielplatz errichtet. „Was genau zwischen Hotel und Supermarkt passiert, ist noch offen”, merkte Ohlmann an.

Bis April 2012 soll vom Stadion nichts mehr stehen, danach werde mit der Erschließung der Straßen samt Kanalisation begonnen. „Und im Herbst kann dann mit dem Bau ersten Familienhäuser begonnen werden”, prophezeite die Fachfrau von der Stadt.

Für OB Philipp ist der „Abpfiff des alten Tivolis” nicht mehr und nicht weniger als der „Anpfiff für den Abriss”. Seine Erinnerungen an die Geschichte des Tivoli sind überschaubar: Als Achtjähriger habe er bei einem internationalen Turnier der Alemannia auf der Bank sitzen dürfen und den Ball dem früheren Nationalspieler Paul Breitner beim Warmmachen zugeschossen. Sein Vater Dieter Philipp bestritt seinerzeit mit der Ratsmannschaft das Vorspiel gegen die Presse: Deshalb durfte der Filius vor 32 Jahren den damals „heiligen Tivolirasen” betreten.

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