Roetgen: Ein Kindergarten im Roetgener Wald?

Roetgen : Ein Kindergarten im Roetgener Wald?

„Es gibt Kinder, die können viel über Australien erzählen, aber keine Ameise von einer Fliege unterscheiden. Das bleibt hängen, und man fragt sich, was man anders machen kann, um Eltern und Kinder zu unterstützen“, sagt Britta Munoz Espadina.

Solche und viele andere kleine Erlebnisse brachten die 45-jährige Mutter von drei Kindern aus Baesweiler und die 39-jährige Kerstin Raupach aus Rott auf die Idee zur Gründung eines Waldkindergartens. Dort sollen die Kinder den ganzen Vormittag bei jedem Wetter draußen verbringen, bei extremen Wetterverhältnissen soll ein Unterschlupf zur Verfügung stehen. Umsetzen möchten sie diese Idee in der Gemeinde Roetgen. Nach einem Grundstück für ihr Vorhaben suchen sie noch.

Förderung von Lebenskompetenz

Die beiden Frauen sind sich sicher, dass der Wald einen lärm- und stressfreien Ort und damit eine optimale Umgebung für Kinder und Pädagogen bietet. „Wir sind überzeugt, dass die Lebenskompetenz von Kindern hier besser gefördert wird“, sagt Munoz Espadina. Erfahrungen aus anderen Einrichtungen hätten ihr gezeigt, dass es dort oft laut und stressig ist, sowohl für die Kinder als auch für die Pädagogen.

In normalen Kindergärten werde die ästhetische und moralische Kompetenz der Kinder oft vernachlässigt. Das Kognitive stehe oft im Vordergrund. „Kinder wachsen heute in einer sich rasch verändernden Umwelt auf. Bewegungsräume, in denen Kinder selbstständig und eigenaktiv handeln und spielen können, werden immer seltener.

Auf der einen Seite reich ausgestattet, versorgt mit materiellen Dingen und Möglichkeiten, fehlt Kindern auf der anderen Seite zunehmend die Möglichkeit, ihre eigenen Fähigkeiten auszuprobieren, sich selber zu spüren und ihre Erfahrungen, Eindrücke und Wahrnehmungen angemessen zu verarbeiten“, sagt die Pädagogin.

Deshalb wollen die beiden Frauen dem einzelnen Kind „natürlichen (Frei-)Raum und ausreichend Zeit für seine individuelle Entwicklung schaffen. Einen Raum im doppelten Sinn: Einen Freiraum durch den Aufenthalt in der Natur und einen Raum, in dem das Kind Regeln, Grenzen, Aufmerksamkeit und Sicherheit erfährt.“

Sie sammelten die Ansprüche von Eltern, verglichen sie mit ihren eigenen und machten sich daran, ein Konzept zu entwickeln. „Das ergänzte sich“, sagt Munoz Espadina, die zurzeit als Schulsozialarbeiterin am Berufskolleg Geilenkirchen arbeitet. Nebenberuflich ist sie als Referentin in der Stadt Aachen und der Städteregion beschäftigt.

In diesem Zusammenhang bietet sie auch Walderlebnistage für Kinder und Eltern an. Da erhalte sie oft die Rückmeldung von Eltern, das müsse man öfter machen. Oft seien die Kinder anschließend müde, aber ausgeglichen und zufrieden, sagt Munoz Espadina.

Sie suchten den Kontakt zum Jugendamt der Städteregion und fragten den Bedarf ab. Die Idee sei gut, und Bedarf sei vorhanden, insbesondere in Roetgen, habe die Rückmeldung gelautet. Dies bestätigt das Jugendamt auf Anfrage. Es stehe nun noch die Gründung als Träger und die Anerkennung als politischer Beschluss aus. „Dem sehen wir aber positiv und konstruktiv entgegen“, sagt der Sprecher der Städteregion, Detlef Funken.

Eine Elterninitiative habe man bereits ins Leben gerufen, und sechs Eltern hätten im privaten Rahmen bereits Interesse signalisiert. Nun strebe man die Anerkennung als Verein an. Es würden aber auch noch Eltern gesucht, die in der Initiative mitmischen wollen, erklärt Munoz Espadina.

Aus anderen Waldkindergärten habe man die Rückmeldung erhalten, dass viele Kinder auf der Warteliste stünden. Auch zur Gemeinde Roetgen und den Fraktionen haben die beiden Frauen Kontakt aufgenommen. Die Gemeinde habe ihnen Grundstücke für ihr Vorhaben vorgeschlagen, man sei aber auch weiterhin noch auf der Suche. Eine Zufahrt muss möglich sein, Wasser und Strom sollen verfügbar sein und natürlich die Nähe zum Wald.

„Wie die Fraktionen das sehen, weiß ich noch nicht. Das Thema wird noch im Bildungs-, Generationen-, Sozial- und Sportausschuss behandelt. Ich persönlich finde das Projekt interessant. Wir sind eine Gemeinde im Wald. Wenn man das machen möchte, liegt es nahe, das in Roetgen zu tun“, sagt Roetgens Bürgermeister, Jorma Klauss. Es dürfe aber keine Konkurrenz zum bestehenden Kindergartenwald geben, der auch von anderen Einrichtungen genutzt werde. „Vorbehaltlich der politischen Entscheidung würde die Gemeinde das Vorhaben unterstützen“, sagt Klauss.

Bedenken, den Kindern könne es im Wald zu kalt werden, hält Munoz Espadina entgegen, dass es einen Bauwagen, Strom und Heizung geben werde. Zudem strebe man eine Kooperation mit dem Jugendhaus in Rott an, damit man bei Unwettern auf feste Räumlichkeiten zurückgreifen könne. Munoz Espadina ist selbst viel in der Natur unterwegs und glaubt an den alten Spruch: „Es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur unangepasste Kleidung.“

Finanziert werde das Projekt zu 96 Prozent mit Mitteln des Jugendamtes, darin enthalten seien die Personalkosten und ein Teil der Sachkosten. Der Rest werde über zusätzliche Elternbeiträge finanziert. Es werde aber auch über Fördermöglichkeiten nachgedacht, „damit auch die Kinder von Eltern mit weniger finanziellen Mitteln dabeisein können“, sagt Munoz Espadina.

Für das Projekt werden auch noch Sponsoren gesucht — für den Bauwagen, die Gestaltung des Außengeländes, für den Bau von Toiletten und den Kauf von Spielmaterial. Losgehen soll es ab August 2018. „Dafür müssen die Anmeldungen bis Ende Januar erfolgt sein, dass fordert das Jugendamt“, erklärt Munoz Espadina. Bis dahin müssten auch die finanziellen und formellen Dinge geklärt sein. „Bis jetzt haben wir schon viel erreicht“, sagt Munoz Espadina zuversichtlich.

Wenn das Projekt realisiert werden sollte, möchte sie gerne in die Eifel ziehen. „Das ist ja auch wichtig, wenn man hier etwas aufbauen will“, sagt sie.

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