Imgenbroich: Eifeler Designer entwickeln Martinslicht, das zur Taschenlampe wird

Imgenbroich : Eifeler Designer entwickeln Martinslicht, das zur Taschenlampe wird

Wer jemals mit Kindern einen Martinszug erlebt hat, der kennt das Problem: Sankt Martin kommt hoch zu Ross daher, die Kinder stimmen die fleißig eingeübten Lieder an, und das Licht in „meiner lieben Laterne“ — funktioniert nicht! Oder der Novemberwind bläst das mit viel Liebe gebastelte Papierkunstwerk vom Plastik-Laternenstab und lässt es auf den nassen Boden purzeln.

Wenn es nach Susi Schützinger und Harry Schneider geht, dann gehören diese kleinen Katastrophen beim traditionellen Sankt-Martins-Fest bald der Vergangenheit an. Denn die beiden Designer aus Imgenbroich haben einen Laternenstab entwickelt, der dank hochwertigerer Materialien, solider Verarbeitung und pfiffiger Details den jährlichen Neukauf des Zwei-Euro-Artikels überflüssig machen soll. „Mr. Martin“ haben sie ihr Produkt getauft, das aber nicht nur am 11. November zum Einsatz kommen soll.

Aus Kirche in den Spielzeugladen

„Wir saßen schon in der Kirche, als der Laternenstab unseres Sohnes plötzlich den Dienst versagte“, erzählt Harry Schneider, wie es zur Idee für „Mr. Martin“ kam. Verzweifelt habe er dann im Halbdunkel der Kirche versucht, die klapprigen und fehlerhaften Kontakte des Stabs in Ordnung zu bringen und die Funktion wiederherzustellen. „Nach mehreren sinnlosen Versuchen bin ich dann entnervt noch während der Feier in der Kirche rausgegangen und habe im Spielzeugladen nebenan zwei neue Laternenstäbe zu je zwei Euro gekauft“, erinnert sich Schneider heute durchaus amüsiert.

Als er dann von anderen Eltern ähnliche Storys über ihre minderwertigen Laternenstäbe hörte, dachte sich Harry Schneider: Da muss es andere Lösungen geben! „Dann haben wir uns hingesetzt und gemeinsam getüftelt,wie man so etwas besser, hochwertiger machen könnte“, berichtet seine Partnerin Susi Schützinger.

Die Entwicklung eines „unkaputtbaren“ Laternenstabs aber war keine Sache von ein paar Wochen, sondern reifte „erst nach mehreren Jahren und meist nur dann, wenn es Herbst wurde und auf Sankt Martin zuging“, so Schneider. Mittlerweile sind die eigenen Kinder aus dem Laternenalter herausgewachsen, doch in diesem Jahr möchten die Imgenbroicher Entwickler endlich mit ihrer Idee an den Markt gehen.

Es hat zum Beispiel auch viel Zeit gebraucht, einen geeigneten Hersteller für die Energiestation des Laternenstabes, also den Handgriff mit Batterien zu finden. „Die Herstellung von LED-Taschenlampen findet weltweit praktisch nur noch in China statt“, wissen Harry Schneider und Susi Schützinger, die schließlich nach langen Verhandlungen einen Hersteller in der Nähe von Shanghai fanden und als Partner für die Lieferung der LED-Taschenlampen gewannen.

„Wir haben uns wirklich lange um einen Hersteller in Deutschland bemüht, aber der Markt ist vollständig nach Fernost abgewandert“, berichtet der gelernte Metallgestalter und studierte Produktdesigner, dass der Fernost-Import eigentlich der Firmenideologie widersprochen habe. Nun aber sei man „mit den Chinesen ganz gut ins Geschäft gekommen“ und erwarte die Lieferung von zunächst 500 Alu-Taschenlampen samt Cree-LEDs, Li-Ionen Akku mit 3,7 Volt sowie passendem Ladegerät.


Die weiteren Bestandteile von „Mr. Martin“ werden jedoch aus Deutschland und der Region kommen, wie die Entwickler betonen. „Wir wollten auch einen regionalen und sozialen Aspekt in die Sache einbringen“, sagt Susi Schützinger. So gewann man die Caritas-Werkstatt in Alsdorf für die Herstellung des Drehaufsatzes, der die Taschenlampe mit dem Stab verbindet.

Und die Montage der weiteren Teile — Kabel, Leuchtmittel und ein Ring zum sicheren Einhaken der Laterne (statt eines halboffenen Plastik-Karabiners) — wird gleich neben der Designwerkstatt, in den Caritas Betriebs- und Werkstätten am Windrad im Gewerbegebiet Imgenbroich, erfolgen.

Zehn bis 15 Mal so teuer

Was jetzt nur noch gegen einen Siegeszug der Laternenstäbe aus Imgenbroich sprechen könnte, ist der Preis für das Produkt. 29 Euro soll zunächst die einfache Ausführung für normale AA-Batterien kosten, 38 Euro die Variante mit Akku und Ladegerät. „Uns ist schon klar, dass unser Laternenstab zehn bis 15 Mal so teuer ist wie die Billigausführung“, sagt Harry Schneider. „Aber die Plastikstäbe funktionieren immer nur ein Jahr, was sich auch auf die Jahre summiert“, rechnet er vor.

Viel gewichtiger aber ist für die Entwickler die Tatsache, dass man für den höheren Preis auch eine hochwertige LED-Taschenlampe mit bis zu 200 Meter Leuchtweite bekommt und das ganze Jahr nutzen kann. Mehr noch: Für die Taschenlampen gibt es eine ganze Reihe interessantes Zubehör wie Halterungen für Fahrrad und Kinderwagen, einen Kunststoffaufsatz für die Verwendung als Lampe im Zelt oder Wohnwagen oder auch einen roten Aufsatz, der aus der Taschenlampe mittels Stroboskop-Funktion ein Warnlicht macht.

Susi Schützinger und Harry Schneider hoffen, dass die Vielseitigkeit von „Mr. Martin“ potenzielle Kunden überzeugen kann. Die Handwerkskammer jedenfalls hat in einer Marktanalyse den Bedarf auf bis zu 20 000 Stück im Jahr geschätzt, „obwohl der Markt nur im deutschsprachigen Raum liegt“, so Susi Schützinger. Viel werde davon abhängen, ob man eine effektive Vermarktung und einen guten Vertrieb auf die Beine gestellt bekommt.

„Am Anfang liegt die Vermarktung noch bei uns. In Zukunft soll dieser Part von Großhändlern übernommen werden, damit wir uns intensiver weiteren Projekten widmen können“, sagen die Entwickler. Erste, vielversprechende Gespräche hat man diesbezüglich mit einem Aachener Versandhandel geführt, der auf ausgefallene Produkte und technische Neuheiten spezialisiert ist.

Als Design geschützt

Dass die Erfinder von ihrem Produkt überzeugt sind, zeigt die Tatsache, dass sie die Entwicklung und Erstauflage notfalls selbst vorfinanzieren werden. Lieber wäre ihnen natürlich, wenn ihre Crowdfunding-Kampagne erfolgreich zum Abschluss gebracht werden könnte. Dabei können Unterstützer, die von der Idee überzeugt sind, in beliebiger Höhe spenden und erhalten im Gegenzug ein Dankeschön der Designwerkstatt, beispielsweise auch das Produkt, um das es bei der Kampagne geht, in verschiedenen Ausführungen.

Susi Schützinger und Harry Schneider sind nun sehr gespannt, wie ihr Produkt, das als Design geschützt ist, in der Öffentlichkeit ankommt, und ob es Eltern den höheren Preis wert ist. Wenn Papa und Mama sich damit blank liegende Nerven ersparen können, ist es das auf jeden Fall.

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