Nordeifel: Die Zähmung der unberechenbaren Rur: 80 Jahre Staudamm Rurtalsperre

Nordeifel : Die Zähmung der unberechenbaren Rur: 80 Jahre Staudamm Rurtalsperre

Weiße Segelschiffe gleiten über die blaue Wasserfläche, die Ausflugsboote der Rurseeschifffahrt pendeln zwischen Schwammenauel und Rurberg, und an den Badestellen herrscht vergnügtes Strandleben: So kennen die Menschen die Rurtalsperre, und nur noch wenige hochbetagte Eifeler können sich an das ursprüngliche Tal der Rur mit Uferwiesen und Bachplätschern erinnern.

Daraus wurde eine Talsperre. Vor 80 Jahren wurde sie eingeweiht. Das im Hohen Venn entspringende Flüsschen war nicht zu unterschätzen. Bei Hochwasser wurde die Rur zur unberechenbaren Wasserwelle. Die enorm schwankenden Zuflussmengen machten den wasserwirtschaftlichen Nutzen der Rur für die Industrie im Raum Düren und Jülich zu einem Lotteriespiel. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde dieses Problem immer deutlicher, und die schon seit langem gereiften Überlegungen zur Regulierung des Rurwassers in deren Oberlauf mündeten dann im Bau der Rurtalsperre.

Vor 80 Jahren, am 29. Juni 1938, wurde der Staudamm eingeweiht. Das Gut Schwammenauel nahe Hasenfeld war als geeignete Staustelle für den Hauptdamm ausgesucht worden. Vorausgegangen war eine Bauzeit von fast vier Jahren. Die für den Bau im Jahr 1934 gegründete Wasserbaugenossenschaft Schwammenauel bestand aus zehn Landkreisen und Städten. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass der Landkreis Monschau zuvor eigene Überlegungen für eine Rurtalsperre aufgenommen hatte. Als Standort für die Staumauer war der Ort Hammer vorgesehen.

Am 2. Mai 1934 legte Reichsorganisationsleiter Dr. Robert Ley in Schwammenauel den Grundstein für den Talsperrenbau. Den Auftrag für den Ausbau der Sperranlage erhielten die Firmen Bauwens aus Köln und Hochtief aus Essen. Das Nazi-Regime nutzte den Tag für Propagandazwecke: Über einer Reihe von SA-Leuten schwankte 50 Meter über den Köpfen der Gäste ein mit Hakenkreuz-Flaggen gespanntes Seil, das die künftige Dammhöhe vorzeichnete.

In der ersten Ausbaustufe wurde zunächst ein Sammelbecken mit 100 Millionen Kubikmeter Fassungsvermögen geschaffen. Die Ausbaukosten beliefen sich auf 15 Millionen Reichsmark. Für den Sperrenbau mit Nebenanlagen waren 625 Hektar Grunderwerb erforderlich, der mit 2,6 Millionen Reichsmark entschädigt wurde. Nicht zu erreichen war trotz erkennbarer Vorteile für das Nachbarland eine Beteiligung der Niederlande an den Ausbaukosten. 14.500 Arbeiter waren während der Bauzeit an den verschiedenen Baustellen im Einsatz. Es handelte sich durchweg um Arbeitslose aus dem Grenzbezirk, die auf diese Weise „wieder an den Segen der Arbeit gewöhnt wurden“, sagte Genossenschaftsvorsteher Dr. Jarres anlässlich der Einweihungsfeier vor 80 Jahren. Für die sechs während der Bauzeit zu Tode gekommenen Arbeiter wurde eine Erinnerungstafel enthüllt.

Stollen errichtet

Vor dem eigentlichen Beginn der Arbeiten wurde zunächst in 50-tägiger Arbeit ein 360 Meter langer Stollen errichtet, um die Rur während der Bauzeit abzuleiten; später diente der Stollen als Grundablass. Wesentlich war auch die Verdichtung des Untergrundes im Bereich des Dammes. Bis zu 40 Meter tiefe Löcher wurden gebohrt, um die beträchtlichen Hohlräume im Felsgestein mit Zement zu verfüllen. In der ersten Ausbaustufe wurde in Schwammenauel ein 52 Meter hoher und 350 Meter langer Damm errichtet, der die Rur auf rund 20 Kilometer Länge anstaute. Gleichzeitig war bei Rurberg mit der Anlegung eines Vorbeckens, dem heutigen Obersee, begonnen worden. Bis zum Beginn der zweiten Ausbaustufe sollte es aber noch viele Jahre dauern.

1955 startete diese mit einer Erhöhung des Staudammes Schwammenauel um 16 Meter. Damit verdoppelte sich das Fassungsvermögen des Rursees auf 205 Millionen Kubikmeter. Gleichzeitig wurde auch in Rurberg der Paulushofdamm um 14 Meter erhöht. Eine Folge dieser Maßnahme war die Umsiedlung der Ortschaft Pleushütte. Insgesamt waren rund 50 Häuser und Gehöfte im gesamten Staubereich des Rurtals betroffen. Erste Pläne hatten vorgesehen, die Ortschaft Einruhr durch einen Deich abzutrennen. 1959 war dann nach einem Vierteljahrhundert der Bau der Rurtalsperre abgeschlossen.

Bei der Einweihung des Staudamms Schwammenauel im Jahr 1938 stellte Genossenschaftsvorsteher Jarres die Notwendigkeit der neuen Talsperre heraus. In der damaligen Festschrift nennt er die drei wesentlichen Aufgaben: den Hochwasserschutz „für die ständig gefährdeten, landwirtschaftlich bedeutsamen Gebiete des Mittel- und Unterlaufs der Rur“, die Sicherung des nötigen Betriebswassers (möglichst gleichmäßig 9 Kubikmeter/Sekunde) „für die hoch entwickelte Industrie des Mittellaufs“ der Kreise Düren und Jülich und die Sicherung der Trinkwasserversorgung des Dürener und Aachener Bezirks (wobei nur der Obersee der Trinkwasserversorgung dient).

Von der touristischen Bedeutung der Rurtalsperre war damals nicht die Rede. Das ist heute anders, wenngleich nach wie vor das Prinzip gilt, „dass im Konfliktfall die wasserwirtschaftlichen Interessen Vorrang haben“, sagt Marcus Seiler, Sprecher des Wasserverbandes Eifel-Rur, dem heutigen Betreiber der Rurtalsperre. Die Regulierung der Eifeler Fließgewässer beschäftigte bereits vor weit mehr als 100 Jahren die Eifeler Wasserwirtschaftler, wie der Bau der Urfttalsperre im Jahr 1905 zeigt.

Die wirtschaftliche Entwicklung, wachsende Bevölkerung und höhere Hygieneanforderungen führten zum weiteren Ausbau des Eifeler Talsperrensystems. Dennoch unterstütze man den Tourismus „wo es geht“, betont Seiler. Rund 2500 Bootsliegeplätze gibt es am Rursee, und unzweifelhaft ist, dass besonders in der Nachkriegszeit die Eifeler Talsperren den entscheidenden Impuls für den touristischen Aufschwung der Region gaben.